Bund kann durch Agrosprit zehn Milliarden sparen

Klimaschutz spart Geld – spätestens, wenn Deutschland bis 2030 seine EU-Klimapflichten nicht erfüllt und massenhaft Emissionsrechte von anderen Ländern zukaufen muss. Wie stark Kraftstoffe aus Biomasse dann dazu beitragen können, die Kosten zu mindern, hat die Energieökonomin Claudia Kemfert in einer Studie untersucht.


Rapsfeld
Deutscher Raps ist ein Klimaretter, sagt der Biokraftstoff­verband. (Foto: Susanne Nilsson/​Flickr)

Ein wenig haben sie den Ruf des Schmuddelkindes beim Klimaschutz weg: Agrokraftstoffe. Unter anderem wird der erneuerbare Sprit aus Getreide hergestellt, das auf Flächen wächst, die sonst für Nahrungsmittel genutzt werden könnten – oder gar für wilde Natur. Außerdem nutzt man ihn, um fossile Treibstoffe durch Beimischung ein bisschen klimafreundlicher zu machen, obwohl er natürlich auch für sich allein nutzbar ist.

Die Verkehrswende, meint die Berliner Energieökonomin Claudia Kemfert, komme ohne Agrosprit jedenfalls nicht aus, auch wenn sein Einsatz durch das Rohstoffangebot begrenzt sei.

Die Wissenschaftlerin am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) hat für dessen Beratungsunternehmen DIW Econ eine Studie im Auftrag des Verbands der Deutschen Biokraftstoffindustrie (VDB) geleitet. Und wahrscheinlich, weil man von deutschen Energiepolitikern mehr Interesse an finanziellem als an ökologischem Nutzen vermutet, war die Fragestellung eine ökonomische: Wie viel kann die Bundesrepublik sparen, wenn sie auf Agrosprit setzt?

Das Ergebnis: bis zu 10,2 Milliarden Euro. Um die Logik hinter der Zahl zu verstehen, muss man die Klimaschutzpflichten kennen, die Deutschland gegenüber der Europäischen Union hat.

Die sind auf verschiedene Sektoren heruntergebrochen. Während der Stromsektor, so die Hoffnung, durch den europäischen Emissionshandel klimafreundlicher wird, müssen die EU-Länder sich auf eigene Faust um Landwirtschaft, Bauen und Verkehr kümmern.

Wie viel jedes einzelne Land dabei schaffen muss, hängt von seiner Wirtschaftskraft ab. Für Deutschland ergeben sich aus der dazu vereinbarten Lastenteilung ("Effort Sharing"), dass in den drei Sektoren die Emissionen um 14 Prozent von 2005 bis 2020 sinken müssen und dann bis 2030 um 38 Prozent – gemessen am Stand von 2005.

Schafft ein EU-Land die versprochene Einsparung nicht, muss es anderen Ländern überschüssige Emissionsrechte abkaufen. Das kann teuer werden. Für Deutschland könnten aufgrund verfehlter EU-Klimaziele bis 2030 Strafzahlungen von 30 bis 60 Milliarden Euro fällig werden, hat die Denkfabrik Agora Energiewende im vergangenen Jahr ausgerechnet.

Prognose mit vielen Unsicherheiten

Diese gewissermaßen noch fiktiven Kosten lassen sich laut der neuen Studie nur durch eines senken: durch Klimaschutz, durch die Einsparung von Treibhausgas-Emissionen. Unter der optimistischen Annahme, dass Agrokraftstoffe derzeit zwischen 60 und 90 Prozent weniger Treibhausgase verursachen als fossile Kraftstoffe, haben Kemfert und ihr Team drei Klimaschutz-Szenarien erarbeitet – je nachdem, wie viel Agrokraftstoff eingesetzt wird und von welcher Art. Sprit aus Abfall ist beispielsweise klimafreundlicher als solcher aus extra angebauten Pflanzen.

Maximal können demnach von 2021 bis 2030 jährlich zwischen 15 und 17 Millionen Tonnen Kohlendioxid eingespart werden, in der minimalen Variante – wenn auf Kraftstoffe aus Anbau-Biomasse verzichtet wird – sind es nur noch drei bis sechs Millionen Tonnen. Zum Vergleich: Insgesamt steuert Deutschland zurzeit rapide auf einen Jahresausstoß von 170 Millionen Tonnen CO2 allein durch den Verkehr zu.

Was der Mehreinsatz von Agrosprit für den Bundeshaushalt bedeuten kann, hängt noch von weiteren Faktoren ab: wie teuer die Emissionsrechte bis 2030 werden und wie stark Deutschland das 2030er Ziel letztendlich wirklich verfehlt. Auf die 10,2 Milliarden Euro Einsparung kommt man, wenn man das mittlere Klimaschutz-Szenario annimmt – und einen CO2-Preis von 100 Euro pro Tonne.

Die Branche wünsche sich deshalb einen "fairen Wettbewerb", sagte VDB-Chef Elmar Baumann bei der Vorstellung der Studie am Dienstag in Berlin. Er kritisierte, dass Autohersteller sich für Elektroautos in ihrer Flotte keine Emissionen anrechnen lassen müssen, obwohl der Strommix nur zum kleineren Teil erneuerbar ist, während alle Autos mit Verbrennungsmotor sozusagen gleichermaßen als fossil betrieben gewertet werden.

Das sei ein Nachteil für die Agrokraftstoffindustrie im Wettbewerb um die Technologien der Zukunft, findet Baumann. "Biokraftstoffe sind unverzichtbar, um das deutsche Klimaziel zu erreichen und Ausgaben in Milliardenhöhe für die drohende Verfehlung zu vermeiden", sagte der Verbandschef.

Letzteres sieht auch Claudia Kemfert so. Sie nannte Agrokraftstoffe einen "wichtigen Beitrag zur Verkehrswende", fügte allerdings hinzu, dass es damit nicht getan sei. "Deutschland braucht dringend eine nachhaltige Verkehrswende mit vielen Maßnahmen zur Emissionssenkung", stellte Kemfert klar. "Verkehrsvermeidung, Ausbau des ÖPNV, die ganze lange Liste."

Redaktioneller Hinweis: Claudia Kemfert ist Kuratoriumsmitglied von Klimareporter°

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