Die rosarote Wolke beim Solarstrom

Sich ein Solardach aufs Eigenheim setzen zu lassen, ist dank Eigenverbrauchsförderung ein gutes Geschäft – und inzwischen gibt es ein gutes soziales Gewissen obendrein, will das Portal Finanztip glauben machen. Eine gar nicht rosarote Analyse.


Eigenheim mit E-Auto, eigener Ladesäule, Speicher und Erneuerbaren-Anlagen und einem Smart Grid auf einer Insel, die frei im Raum schwebt.
Ein Gefühl der Unabhängigkeit, mitbezahlt von der Allgemeinheit: Das ist vielleicht klimafreundlich, aber weder ehrlich noch sozial. (Grafik: Peter Varga/​Shutterstock)

Letztes Jahr ging's los: 2020 wurden in Deutschland für 5.000 Megawatt Solarstromanlagen installiert, mehr als ein Viertel mehr als 2019. Bei Eigenheimbesitzern stellte der Branchenverband BSW Solar für 2020 sogar eine Verdoppelung der Solarnachfrage fest.

2021 setzt sich das fort. Beim Ausrüstungsportal Aroundhome liefen bis Ende März bereits 24.000 sogenannte qualifizierte Anfragen für Photovoltaik-Dächer ein, das sind solche, bei denen auch Handwerksleistungen vermittelt werden. Die Zahl dieser Anfragen sei in den ersten drei Monaten dieses Jahres gegenüber dem Vorjahreszeitraum gestiegen, erklärte Aroundhome auf Nachfrage.

Wer sich mit dem Gedanken trägt, vom Eigenheimdach eigenen Solarstrom zu "ernten", kann auch beim Portal Finanztip vorbeischauen – oder die Kolumne von Finanztip-Chef Hermann-Josef Tenhagen Mitte April auf Spiegel Online zur Kenntnis nehmen.

Um sich für eine Solaranlage zu interessieren, müsse man nicht mal an Klimaschutz interessiert sein, schreibt Tenhagen dort. Denn eine Solaranlage rechne sich "so oder so".

Bevor Tenhagen ins Rechnen kommt, gibt er einen historischen Exkurs. Ein Jahrzehnt lang habe die "garantierte Rendite", die das Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG) für Solarinvestoren lieferte, den "Schönheitsfehler" gehabt, dass andere Stromkunden dafür zahlen mussten.

An manchem Investor habe so ein wenig das "schlechte Gewissen" genagt, "spätestens wenn er bemerkte, dass auch ärmere Leute, Rentnerinnen und Mieter über den Strompreis für seinen Profit mitzahlten. Gleichzeitig waren über 2.000 große Unternehmen weitgehend von der sogenannten EEG-Abgabe auf ihren Strompreis befreit", schreibt Tenhagen.

Inzwischen aber, schließt Tenhagen den hier nur kurz wiedergegebenen Exkurs ab, sei "die Welt der Solaranlagen wieder in Ordnung". Denn der "mögliche eigene Profit" beruhe nicht mehr hauptsächlich auf einer Zulage, die andere bezahlen müssten.

E-Auto mit Strom vom Dach aus der Wallbox, alles gefördert

Das ist eine recht steile These. Vor allem, weil nach wie vor tausende große Unternehmen dank der Besonderen Ausgleichsregelung eine nur geringe EEG-Umlage zu zahlen haben, während "auch ärmere Leute, Rentnerinnen und Mieter" den Milliardenrabatt ausgleichen dürfen. Mit ihren 6,5 Cent EEG-Umlage pro Kilowattstunde füllen diese Leute das EEG-Konto, aus dem dann 20 Jahre lang auch die Solar-Investoren bedient werden, die sich gerade eine eigene geförderte Photovoltaikanlage zulegen.

Dieser Geldfluss verstärkt sich sogar seit Jahresanfang. Denn mit dem EEG 2021, der jüngsten Novelle, sind nicht mehr nur wie bisher Solarstromanlagen bis zu zehn Kilowatt und einer Jahresverbrauchsmenge von zehn Megawattstunden von der EEG-Umlage auf selbst genutzten Strom befreit, sondern seit Anfang des Jahres auch Anlagen bis 30 Kilowatt und eine Strommenge bis 30 Megawattstunden.

Mit dem Wegfall der sogenannten "Sonnensteuer" sei nunmehr die solare Eigenversorgung von Einfamilienhäusern mit großen Wärmepumpen und E-Autos vollständig realisierbar, ohne dass auf den selbst verbrauchten Strom die EEG-Umlage fällig wird, freuen sich diverse Branchenportale. Anders gesagt: Wer das Geld hat, die Komplett-Angebote diverser Solarausrüster wahrzunehmen – Solardach, Stromspeicher, Wärmepumpe, Wallbox fürs E-Auto –, lässt sich auch das jetzt von ärmeren Leuten, Rentnerinnen und Mietern mitbezahlen.

Das rechnet sich so oder so und ändert sich im Kern auch nicht, wenn ab diesem Jahr einige Milliarden Euro aus dem Bundeshaushalt auf das EEG-Konto fließen. Den Haushalt füllen ja die meisten Leute, die EEG-Umlage berappen, als Steuerzahler mit auf.

Auch der weitere neue Umstand, dass der Bundeshaushalt, um die Milliarden fürs EEG-Konto aufzubringen, mit Geld aus der nationalen CO2-Bepreisung gefüttert wird, hebt die Umverteilung nicht auf. Im Gegenteil: Wer seinen privaten Verbrauch bei Strom, Heizung und Mobilität auf eigenen Solarstrom umstellt, wird kaum noch Benzin, Diesel, Heizöl oder Gas brauchen und dann auch bei den CO2-Preisaufschlägen nicht zur Kasse gebeten werden.

Auf diese unsoziale Entwicklung macht Wolfram Axthelm, Geschäftsführer des Erneuerbaren-Verbandes BEE, inzwischen bei jeder passenden Gelegenheit aufmerksam. Die momentane E-Mobilitäts-Förderung hat für ihn eine "kräftige soziale Schieflage". Das sei ein Förderprogramm für "eine kleine Gruppe des gehobenen Mittelstandes, die auf ihr Eigenheim eine geförderte Solaranlage stellen, die eine geförderte Ladesäule anbringen und sich anschließend ein gefördertes E-Auto anschaffen", sagte Axthelm jüngst bei einer Online-Debatte zum Thema Quartiersstrom.

Quartiersstrom, das sei hier mal eingestreut, ist übrigens ein guter Weg, um ärmeren Leuten, Rentnerinnen und Mietern an den Vorteilen selbst erzeugten Solarstroms teilhaben zu lassen.

Extreme Durchnittshaushalte

Zurück zu Tenhagen. Wie andere Vergleichsportale nutzt der Finanztip-Chef in der Spiegel-Kolumne die Methode, Einsparungen durch angenommene große Verbräuche schönzurechnen. Mit einer richtig geplanten Solaranlage und einem (sich quasi automatisch ergebenden) Eigenverbrauch von 30 Prozent des erzeugten Stroms könne "eine Berliner Familie" beim Stromeinkauf 400 Euro im Jahr sparen, steht bei ihm zu lesen. Als jährlicher Stromverbrauch für die "Berliner Familie" werden dabei 4.600 Kilowattstunden angesetzt.

Das Preisportal Verivox nimmt übrigens, um zum Wechsel zu einem anderen Stromanbieter zu animieren, stets einen Jahresverbrauch von 4.000 Kilowattstunden an.

Selbst der vom Bundesumweltministerium geförderte Stromspiegel hält es werbetechnisch für nötig, die großen Zahlen zu nehmen. Beim Strom könne ein "durchschnittlicher" Haushalt im Mehrfamilienhaus pro Jahr rund 320 Euro sparen, teilte die den Stromspiegel erstellende Beratungsgesellschaft CO2-Online kürzlich mit.

Was aber wird zum Durchschnittshaushalt erklärt? Das ist laut Stromspiegel ein Drei-Personen-Haushalt im Ein- oder Zweifamilienhaus mit einem Verbrauch von 3.500 Kilowattstunden, sofern das Wasser nicht durch Strom erwärmt wird. Wird das Wasser in Küche und Bad elektrisch erwärmt, müssen laut Stromspiegel beim Durchschnittshaushalt nochmal rund 1.000 Kilowattstunden pro Jahr zugeschlagen werden, da kämen also 4.500 zusammen.

Das ist ein ziemlich extremer "Durchschnitts"-Haushalt. Tatsächlich verbrauchen Haushalte hierzulande laut Statistik im Schnitt nur um die 3.000 Kilowattstunden pro Jahr (Vor-Pandemie-Stand 2019). Und Achtung: Wer dank der Ratschläge des Stromspiegels hunderte Euro und noch mehr Kilowatt spart, kann sich dann offenbar keine eigene Solaranlage mehr durch hohen Eigenverbrauch finanzieren!

Dank dem Stromspiegel kann man sich zwar ungefähr zusammenreimen, wie die 4.600 Kilowattstunden bei Tenhagen zusammenkommen. Auf Nachfrage konnte Finanztip bisher aber nicht angeben, wie viele "Berliner Familien" es konkret gibt, für die die rosige Rechnung von 400 Euro eingesparten Stromkosten im Jahr gelten könnte. Ein solardachgeeignetes Eigenheim müssten die ja auch noch vorweisen können.

"Solarpioniere" gegen "Stromkonzerne"?

Die 400 Euro sind übrigens noch nicht alles, was die fiktive Familie als Einnahme verbuchen könnte. Obendrauf gebe es, schreibt Tenhagen, "noch 250 Euro im Jahr für den Strom, den die Familie für knapp acht Cent pro Kilowattstunde selbst an den Stromkonzern verkaufen kann".

Es fragt sich natürlich, welcher Stromkonzern einer Solarfamilie den Strom für acht Cent abkauft, also etwa zum Doppelten dessen, was es für Strom derzeit an der Börse im Schnitt gibt. Das passiert selbstverständlich nicht. Die acht Cent – genau sind es derzeit 7,81 Cent für Anlagen bis zehn Kilowatt sowie 7,59 Cent für Anlagen von zehn bis 40 Kilowatt – beruhen auf der gesetzlichen Einspeisevergütung, die Leute erhalten, die in diesem Frühjahr mit der Solaranlage starten würden, räumt Tenhagen denn auch auf Nachfrage ein.

Genau genommen ist es auch kein Stromkonzern, der den Strom abnimmt, sondern dafür ist der jeweilige Netzbetreiber zuständig. Aber wenn man als Zielgruppe finanzkräftige "Solarpioniere" im Blick hat und ihnen das "schlechte Gewissen" ausreden will, macht es sich immer gut, den "Stromkonzernen" ein Schnippchen zu schlagen.

In einem Punkt ist Tenhagen allerdings recht zu geben: Am Klimaschutz muss ein Photovoltaikinvestor nicht interessiert sein – die Solaranlage rechnet sich "so oder so". Aber man sollte auch davon ablassen, dem privaten Solarboom eine rosarote soziale Wolke anzudichten.

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