Klimagerechtigkeit geht hinter die Schlagbäume

Das Anti-Kohle-Bündnis "Ende Gelände" unterstützt in diesem Jahr Aktionen europäischer Kohlegegner. Das ist keine Verzettelung: Soziale Bewegungen werden stärker, wenn sie ihre Erfahrungen international teilen. Und überhaupt: Treibhausgase machen nicht an Schlagbäumen halt.


Vier junge Frauen singen und musizieren, hinter ihnen steht ein Polizist in schwarzer Einsatzuniform mit Vollhelm.
Vor einer Woche besetzte das tschechische Klimabündnis "Limity jsme my" einen Braunkohletagebau – mit internationaler Unterstützung. (Foto: Limity jsme my)

Am letzten Samstag im Juni brachen mehrere hundert Menschen von einem Klimacamp in Richtung des tschechischen Braunkohletagebaus Bílina auf. Rund hundert von ihnen gelangten in die Grube. Auch wenn der größte Teil der Gruppe von der Polizei eingekesselt wurde, bevor er es in den Tagebau schaffte: Bagger und Förderbänder standen aufgrund der Aktion an diesem Tag still.

Die Menschen, die dem Aufruf der Gruppe "Limity jsme my" (Wir sind die Grenzen) gefolgt waren, geboten dem klimaschädlichem Abbau von Braunkohle für einen Tag Einhalt. Sie widersetzen sich den Plänen der tschechischen Regierung, die nur wenige Wochen vor dem Pariser Klimagipfel die ursprüngliche Begrenzung für Kohleabbau aufgehoben hatte und allein aus Bílina weitere 150 Millionen Tonnen Braunkohle herausholen will.

Mit im Tagebau waren auch Gruppen von "Ende Gelände". Das Anti-Kohle-Bündnis hatte die tschechischen Aktivisten unterstützt. Der eine oder die andere hat sich vielleicht gefragt, ob "Ende Gelände" jetzt größenwahnsinnig geworden sei. Gibt es in Deutschland nicht genug Tagebaue und Kraftwerke, die abgeschaltet werden müssen? Warum mischt sich das deutsche Aktionsbündnis in osteuropäische Angelegenheiten ein?

Für Ostdeutsche liegt das tschechische Revier näher als das rheinische

Tschechien – das klingt für viele nach weiter Ferne. Doch der Tagebau Bílina liegt nur etwa 70 Kilometer von Dresden entfernt. Für Menschen in Ostdeutschland liegt das tschechische Revier näher als das im Rheinland. Tatsächlich radelte eine Gruppe an einem Tag zu dem Klimacamp bei Litvinov.

Die Tagebau-Besetzung von "Limity jsme my" ist zudem Teil der Kampagne "Ende Gelände goes Europe". Das Bündnis hat sich in diesem Jahr nicht nur eine Kohle-Blockade am rheinischen Tagebau Hambach vorgenommen, sondern mobilisiert auch zu zwei Aktionen befreundeter europäischer Gruppen: Nach dem Camp in Nordböhmen soll es Ende August zu einer Aktion zivilen Ungehorsams ins Gasfeld von Groningen gehen. Dazu ruft die niederländische Gruppe "Code Rood" auf. Es werden Busse organisiert, Sticker gedruckt und Aktionstrainings abgehalten.

Es ist allerdings nicht einfach, die Medien hierzulande für Aktionen im europäischen Ausland zu interessieren. Die Lokalzeitung in Castrop-Rauxel will nur berichten, wenn auch eine Person aus Castrop-Rauxel mit in die Grube geht. Auch für Umweltorganisationen gilt häufig, dass sie sich auf bundesweite Auseinandersetzungen konzentrieren, weil Aktionen im Ausland keine deutsche Debatte auslösen und damit keinen Druck auf die Parlamente und Entscheidungsträger im Land ausüben.

Landesgrenzen bestimmen die gefühlte Geografie

Unsere gefühlte Geografie und unser Aufmerksamkeitsradius wird stark von Landesgrenzen bestimmt. Treibhausgase hingegen wirken über Schlagbäume hinweg. Wenn wir es schaffen würden, deutsche Tagebaue stillzulegen, wäre das großartig – aber der Erfolg würde zunichte gemacht, wenn wir dann Braunkohlestrom aus tschechischen Uraltkraftwerken importierten.

Die Klimagerechtigkeitsbewegung hat sich darum von Anfang an international ausgerichtet. Die ersten Klimacamps im Rheinischen Braunkohlerevier orientierten sich an dem Vorbild der britischen Climate Action Camps, die zwischen 2006 und 2010 Tausende Menschen zu gemeinsamem Lernen und direkten Aktionen zusammenbrachten. Jahrelang sind europäische Aktivist*innen ins Rheinland und in die Lausitz gereist, um den Widerstand dort zu unterstützen. Sie haben dazu beigetragen, dass "Ende Gelände" hierzulande zum Erfolg werden konnte.

Foto: privat

Die Kolumnistin

Dorothee Häußermann ist freiberufliche Referentin, Klima-Aktivistin und Autorin. Sie studierte englische und deutsche Literatur­wissenschaft in Marburg und Wales. Nach sieben Jahren als Deutschlehrerin organisiert sie seit 2010 Klimacamps, Bildungsveranstaltungen und Aktionen zivilen Ungehorsams in Braunkohlerevieren. Ihre Arbeit wird aus der Zivilgesellschaft über die Bewegungsstiftung gefördert.

Dahinter steckt mehr als "Massenaktions-Tourismus" oder "Tagebau-Hopping". Wer gegen Klimawandel und globale Ungerechtigkeit kämpft, fühlt sich angesichts der überwältigenden Probleme bisweilen ohnmächtig und klein. Doch der Tag der Aktion, an dem eine große Zahl "kleiner" Menschen gemeinsam gigantische Maschinen zum Stillstand bringen, ist ein Moment der Stärke und Selbstermächtigung.

Die Wirkung dieses Augenblickes dauert an, wenn die Bagger wieder laufen und die Kameras sich abgewendet haben. Viele Menschen fahren nach den Aktionen ermutigt zurück in ihre Stadt, gründen dort Klimagruppen und leisten vor Ort Widerstand gegen fossile Industrien.

Bei der "Ende Gelände"-Aktion im Mai 2016 gelang es Tausenden, das Kraftwerk Schwarze Pumpe in der Lausitz für zwei Tage von der Kohlezufuhr abzuschneiden. Mit dabei waren auch Aktivist*innen aus den Niederlanden und Tschechien. Sie nahmen den Funken der Begeisterung mit nach Hause, wo er auf ihre Bewegungen übersprang.

Rund ein Jahr später besetzten mehrere hundert Menschen unter dem Motto "Code Rood" den Kohlehafen von Amsterdam. Ebenfalls im Juni 2017 organisierte "Limity jsme my" das erste tschechische Klimacamp und eine Aktion zivilen Ungehorsams im Tagebau Bílina, an der rund 150 Menschen teilnahmen. Diesen Sommer nun folgten mehr als doppelt so viele Menschen dem "Limity"-Aufruf zur Tagebaubesetzung.

Ja, es ist wichtig, in Deutschland massiven öffentlichen Druck aufzubauen, um den Kohleausstieg voranzutreiben – gerade in Zeiten, wo sich damit eine Kommission befasst, die noch nicht einmal das Wort Kohle im offiziellen Namen tragen darf. Doch wenn "Ende Gelände" in diesem Jahr so viel Energie in die Unterstützung europäischer Gruppen steckt, bedeutet das nicht, dass sich das Bündnis verzettelt.

Erfahrungen sozialer Bewegungen müssen geteilt werden

In der Kampagne "Ende Gelände goes Europe" steckt das Bewusstsein, dass der Erfahrungsschatz sozialer Bewegungen wertvoller wird, wenn er geteilt wird. Basisdemokratisches Entscheiden, Aktionsplanung, die Sicherung von Hygeniestandards und Energieversorgung auf Camps – um Proteste auf die Beine zu stellen, braucht es viel praktisches Wissen und Fähigkeiten. Diese müssen von möglichst vielen Menschen geteilt und gelebt werden, damit eine Bewegung dauerhaft aktiv bleiben kann.

Sollte in ein paar Jahren die deutsche Anti-Kohle-Bewegung möglicherweise eine Flaute erleben, dann braucht es Menschen aus Tschechien und den Niederlanden, die uns beibringen – oder uns daran erinnern – wie man eine Massenaktion zivilen Ungehorsams organisiert.

Die Klimagerechtigkeitsbewegung arbeitet an europäischen Lösungen "von unten". Die Grenzen, die wir sichern müssen, sind die Grenzen für fossile Energien. Die Grenzen, wir in unserem Bewusstsein fest verankern müssen, sind die ökologischen dieses Planeten.

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