Kein weiteres Dorf, kein weiterer Baum für die Kohle

Beim Klimacamp im Rheinland kamen in den letzten zehn Tagen 500 Menschen zusammen, um für einen raschen Kohleausstieg aktiv zu werden. Der entschlossene, ausdauernde Widerstand gegen Kohle ist weiter nötig, auch wenn "gefühlt" der Kohleabbau längst der Vergangenheit angehört.


Radtour im Rahmen des Klimacamps Rheinland 2018
Leere Ortsschilder: Radtour beim Klimacamp 2018 im Rheinland durch Orte, die schon abgebaggert wurden oder noch abgebaggert werden sollen. (Foto: Roman Kutzowitz/​Klimacamp/​Flickr)

Heute geht das neunte Klimacamp im Rheinland zu Ende. Rund 500 Menschen haben in den letzten zehn Tagen auf einem Stoppelacker in der Nähe des Garzweiler-Tagebaus ihre Zelte aufgeschlagen, um in zahlreichen Veranstaltungen über den Kohleausstieg und die Zukunft des Rheinlands zu diskutieren.

Ein Zirkuszelt mit flatterndem Banner, ein Crêpes-Stand mit gemütlicher Leseecke, Menschen, die bei einem Kaffee in der Sonne plaudern – das alles vermittelt einen entspannten Eindruck.

Doch mein Blick fällt ständig auf das Wäldchen, das den Acker säumt und aus dessen Baumkronen braune Birken hervorschauen. Ihre Färbung wirkt nicht herbstlich, sondern geisterhaft. Sie sind mit vollem Laub verdorrt.

Die Trockenheit des Sommers hat den Bäumen in der Nähe der Tagebaue besonders zugesetzt. Der Grundwasserspiegel ist hier sowieso niedrig, da das Gebiet dauerhaft "gesümpft" wird, das heißt, das Wasser wird abgepumpt, damit die Gruben nicht volllaufen. Die Birken erinnern mich trotz aller Wohlfühl-Atmosphäre auf dem Camp an die Dringlichkeit unseres Anliegens.

"Kohle ist doch erledigt", meinte eine alte Bekannte, die ich neulich in Köln auf der Straße traf. "Die wird nicht mehr lange abgebaut." Sie macht große Augen, als ich ihr erkläre, dass RWE ernsthaft plant, bis 2045 im rheinischen Revier Braunkohle abzubauen.

Ihre Reaktion erscheint mir typisch für ein merkwürdiges Missverhältnis zwischen der gesellschaftlichen Debatte und der realen Politik im Kohleland Nordrhein-Westfalen.

Während einer breiten Öffentlichkeit mittlerweile klar ist, dass wir schnellstmöglich aus der Kohle aussteigen müssen, hält der Energiekonzern RWE es weiterhin für "zwingend erforderlich", ab Oktober den Hambacher Forst zu roden. Zurzeit setzt RWE Anwohner in Keyenberg und anderen Ortschaften, die von Umsiedlung bedroht sind, in Verhandlungen massiv unter Druck.

Und während um uns herum die Wälder und Bahnböschungen brennen, Landwirte wegen Futtermangel ihr Vieh notschlachten müssen und naturwissenschaftliche Studien vor einer "Heißzeit" warnen, wird die Forderung nach einem raschen Kohleausstieg aus den Reihen von CDU und FDP, die in Nordrhein-Westfalen die Regierung stellen, als "ideologiegesteuert" abgetan.

Der entschlossene, ausdauernde Widerstand gegen Kohle ist darum weiterhin nötig, auch wenn "gefühlt" der Kohleabbau längst der Vergangenheit angehört.

Die Kolumnistin

Dorothee Häußermann ist freiberufliche Referentin, Klima-Aktivistin und Autorin. Sie studierte englische und deutsche Literatur­wissenschaft in Marburg und Wales. Nach sieben Jahren als Deutschlehrerin organisiert sie seit 2010 Klimacamps, Bildungsveranstaltungen und Aktionen zivilen Ungehorsams in Braunkohlerevieren. Ihre Arbeit wird aus der Zivilgesellschaft über die Bewegungsstiftung gefördert. (Foto: privat)

In den letzten Jahren sind bis zu 4.000 Menschen zu den Klimacamps gekommen; zeitgleich fanden medienwirksame Tagebaubesetzungen statt. Das diesjährige Camp ist bewusst kleiner und ruhiger angelegt. Dem Vorbereitungskreis des Camps war dabei klar, dass hohe Beteiligung und Medienspektakel zwar wichtig sind – aber nur ein Puzzleteil des Widerstands darstellen. Protest muss auch in die Tiefe gehen, muss in der Region verankert sein.

Das Camp-Programm gibt deshalb viel Raum für den Austausch mit den Leuten vor Ort. In vielen Veranstaltungen kommen Menschen zu Wort, die von Braunkohleabbau und Umsiedlung betroffen sind.

Es gibt ein eigenes Zelt, das dem lokalen Widerstand gewidmet ist. Eine Ausstellung dokumentiert Geschichten von Betroffen in Bildern und Tonspuren. Wer am Camp teilnimmt, kann sich bei einer Radtour durch Orte führen lassen, die von der Abbaggerung bedroht sind, und Menschen kennenlernen, die gegen RWE kämpfen.

So wie die Besitzerin des Eggerather Hofs, deren Familie seit vielen Generationen in dem Haus lebt. "Wir sollen in zwölf Jahren abgebaggert werden, aber wir planen so, als würden wir bleiben. Anders geht es nicht – wer Landwirtschaft betreibt, muss langfristig denken."

Auch eine offene Andacht mit dem örtlichen Pfarrer an der Ruine des Immerather Doms stand im Programm. Vor allem aber lässt das Camp Zeit. Um mit dem TuS Germania Kückhoven Fußball zu spielen. Um Menschen aus der Region zu Kaffee und Kuchen einzuladen und ihnen einfach zuzuhören. Politik ist Beziehungsarbeit, sagt eine Aktivistin, die seit Jahren immer wieder ins Rheinland kommt und auch zwischen den Klimacamps mit den lokalen Initiativen zusammenarbeitet.

In der Region ist in den letzten Jahren der Widerstand gewachsen. Zurzeit organisieren lokale Initiativen die Kampagne "Die Kirche(n) im Dorf lassen", in der der Erzbischof von Köln und andere Kirchenvorstände dazu aufgefordert werden, die Kirchen in Keyenberg und vier anderen bedrohten Dörfern nicht zu entwidmen und an RWE zu verkaufen. Immer mehr Menschen sind fest entschlossen, dass kein weiteres Dorf dem Kohleabbau weichen darf.

Aktion im Oktober

Auch wenn das Klimacamp den Schwerpunkt auf Diskussionen und Vernetzung gelegt hat, so bedeutet das nicht, dass es in diesem Jahr keine Aktionen geben wird. Im Oktober werden erneut Tausende von Menschen dem Ruf von "Ende Gelände" folgen und die Kohle-Infrastruktur des Tagebaus Hambach blockieren.

Auch andere Initiativen bereiten sich darauf vor, um in den kommenden Wochen die Räumung der Waldbesetzung und die drohende Rodung des Hambacher Forstes zu verhindern.

Wer im letzten November an den Protesten rund um den Bonner Weltklimagipfel teilgenommen hat, erinnert sich an die Pacific Climate Warriors, eine Gruppe von Klima-Aktivisten von den pazifischen Inseln. Sie waren in Bonn, um uns von Angesicht zu Angesicht zu erzählen, dass ihre Kultur und die Lebensgrundlagen ihrer Inseln verschwinden werden, wenn wir es nicht schaffen, den Klimawandel aufzuhalten.

Bei einer Zeremonie in Manheim – einem von der Abbaggerung bedrohten Dorf am Tagebau Hambach – blies ein Climate Warrior in eine große Muschel aus dem Pazifischen Ozean. Traditionell ist dieser kraftvolle Ton ein Signal, um in Zeiten höchster Not Alarm zu schlagen. Es ruft uns dazu auf, diejenigen zu verteidigen, die sich nicht selbst verteidigen können – ob das die Älteren unter uns sind, die kommenden Generationen oder ein Wald.

Die Pacific Climate Warriors übergaben der hiesigen Anti-Kohle-Bewegung die pazifische Muschel als Zeichen ihrer Solidarität. An einem der letzten Tage des Klimacamps erklang dieses Horn viermal. Danach brachen große Gruppen vom Camp Richtung Hambacher Forst auf. Hunderte Menschen nahmen dort an dem monatlichen Waldspaziergang und einem Aktionstraining teil.

Es ist nun an uns, alles dafür zu tun, dass die Kirchen im Dorf stehen bleiben, dass der Hambacher Forst nicht gerodet wird – dass dem "gefühlten" Kohleausstieg ein realer Kohleausstieg folgt, sodass unsere Lebensgrundlagen erhalten bleiben.

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