Was "Fridays for Future" fordert, ist machbar

Die Aktivisten der Schulstreik-Bewegung schaffen es, mit ihren gestern vorgestelltem Grundsatzforderungen frischen Wind in die Debatte zu bringen. Sie verstecken sich nicht hinter abstrakten Konzepten, sondern bleiben konkret. Und: Ihre Agenda ist nicht utopisch.


Schülerinnen gehen hinter dem Demo-Fronttransparent mit der bunt gesprayten Aufschrift:
Die jungen Klimastreik-Aktivisten haben erstmals politische Eckpunkte vorgelegt. (Foto: Leonhard Lenz/​Wikimedia Commons)

Wer vermitteln will, was die (professionelle) Klimaschutz-Bewegung an politischen Forderungen in den Raum stellt, muss sich oft mit "Treibhausgasbudgets" herumschlagen, mit "Ausbaukorridoren" oder vielleicht mit dem "Ökobonus". Das sind technische Begriffe, die einer aufwändigen Übersetzung bedürfen, bevor man sie auf die Menschheit loslassen kann. Zu mancher Klima-Expertise braucht man eine Zweitexpertise, um erstere zu verstehen.

Verglichen damit ist der gestern präsentierte Forderungskatalog der Aktivisten von "Fridays for Future" von bestechender Verständlichkeit und Klarheit. Und nicht nur das: Das ist keine Agenda aus dem Wolkenkuckucksheim, sondern eine des Machbaren.

Ein Viertel der Kohlekraftwerke noch in diesem Jahr stilllegen? Das wären knapp 10.000 Megawatt. Die Wegnahme dieser Kohlekapazität wäre nahezu eine Wohltat für den deutschen Strommarkt. Endlich würde nicht mehr der billige Kohlestrom die Leitungen verstopfen, weniger Ökostrom müsste abgeregelt werden, brachliegende Gaskraftwerke kämen zum Zuge. Und genügend Milliarden für den Strukturwandel in den Kohleregionen werden ja gerade in Gesetze gegossen.

Für einen Kohleausstieg bis 2030, den "Fridays for Future" ebenfalls verlangt, gibt es inzwischen so viele Machbarkeitsstudien, dass die Begründungen für einen späteren Termin schon ziemliche Verrenkungen erfordern – eine der absurdesten und immer beliebter werdende ist, dass so ein Ausstieg innerhalb eines Jahrzehnts nicht mehr genügend Mittel generiert, um die Altlasten der Braunkohle zu sanieren. Motto: Wir brauchen die Kohle um ihrer selbst willen.

Neue Dynamik für die Energiewende

Auch die weiteren Forderungen von "Fridays for Future" wie eine erneuerbare Vollversorgung bis 2035 und ein CO2-Preis von bis zu 180 Euro pro Tonne sind keineswegs aus der Luft gegriffene Wunschvorstellungen. Die 180 Euro, vom Umweltbundesamt erst vor wenigen Monaten neu berechnet, beschreiben eben die realen Gesamtkosten, die entstehen, wenn wir eine Tonne des Treibhausgases emittieren.

Der größte Charme, der von der Fridays-for-Future-Agenda ausgeht, besteht aber nicht einmal in den Forderungen selbst, sondern darin, dass sie der Energiewende ihre Dynamik zurückgeben könnte. Diese stagniert derzeit, weil den Erneuerbaren überall Fesseln angelegt und Schutzzäune um die fossile Wirtschaft gezogen werden.

Wenn es – auch dank des Drucks von "Fridays for Future" – gelingt, diese Zäune einzureißen, würden sich viele Debatten um Jahreszahlen und Ausstiegsdaten erübrigen. Dann würde Klimaschutz einfach zu einem Kern einer zukunftsfähigen Gesellschaftspolitik werden.

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