Ein viertes Trockenjahr?

Der Winter hat durchschnittliche Niederschläge gebracht, sogar etwas mehr – doch um die drei vergangenen trockenen Jahre auszugleichen, reicht das bei Weitem nicht. Die Böden sind nur oberflächlich feucht. Ein weiteres Dürrejahr träfe die Land- und Forstwirtschaft hart.


Riesiges Getreidefeld bis zum Horizont unter hellem, wolkenreichem Himmel.
Landwirte sind Opfer des Klimawandels – dass sie auch Mitverursacher sind, blenden die Branche und ihre Kunden meist aus. (Foto: Reinhard Kasulke/​Wikimedia Commons)

Deutschland hat drei Trockenjahre hinter sich – ein außergewöhnlicher Stress besonders für die Wälder, aber auch die Landwirtschaft. Folgt mit 2021 nun ein viertes? Das ist noch unklar.

Sicher ist jedoch, dass auch der viele Regen und Schnee der letzten Wochen den extremen Wassermangel, der sich in den Böden besonders seit 2018 Jahren aufgebaut hat, nicht ausgleichen konnte. Die tieferen Bodenschichten sind immer noch viel zu trocken.

Hoch Ilonka hat in der vergangenen Woche nach der scharfen Frostperiode viel Sonne und für Februar ungewöhnlich hohe Höchsttemperaturen von regional über 20 Grad gebracht. Größere Niederschläge sind erstmal nicht in Sicht. Das globale Wettermodell GFS des US-Wetterdienstes zeigt in der Langfrist-Prognose für den Zeitraum März bis Mai eine deutlich zu trockene Phase für ganz Westeuropa, auch für Deutschland.

Ob damit erneut eine große Frühjahrstrockenheit wie in den letzten Jahren eingeläutet wird, ist noch unklar. Meteorologische Prognosen über so lange Zeiträume sind mit großen Unsicherheiten behaftet. Allerdings ist auch laut dem europäischen Wettermodell ECMWF – es gilt als verlässlicher als das US-Modell – vorerst kein nennenswerter Niederschlag zu erwarten.

Das Problem: Um die Bodentrockenheit auszugleichen, müsste es eine mehrwöchige nasse Phase mit anhaltenden, gleichmäßigen Niederschlägen geben – am besten über zwei oder drei Monate hinweg.

"Die Regen- und Schneefälle in den Wintermonaten lagen zwar leicht über dem Durchschnitt", sagte der Klimaexperte Andreas Marx vom Leipziger Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ) gegenüber Klimareporter°. "Die Dürre im Gesamtboden hat damit aber nicht wesentlich abgenommen."

Die Niederschläge haben die tieferen Bodenschichten bisher nicht erreicht. Hinzu kommt, dass der November, normalerweise ein relativ regenreicher Monat, viel zu trocken war.

Der "Dürremonitor" des UFZ zeigt die aktuelle Lage. Die Grafik zum "pflanzenverfügbaren Wasser bis 25 cm" – wichtig vor allem für die Landwirtschaft – ist durchweg blau und dunkelblau eingefärbt. Das heißt: gute bis sehr gute Sättigung mit Wasser.

Ganz anders der "Dürremonitor Gesamtboden", der die Situation in etwa 1,80 Metern Tiefe darstellt. Fast alle Regionen des Bundesgebiets fallen in eine der fünf Trockenheitskategorien von "ungewöhnlich trocken" bis zur Extrembewertung "außergewöhnliche Dürre". Ausnahmen bilden unter anderem das Alpenvorland und Teile des westlichen Niedersachsen.

Hochwasser bei gleichzeitiger Dürre

Auch die starken Niederschläge und die zum Teil ungewöhnlich hohen Schneemengen der letzten Wochen, die nun wegen der hohen Temperaturen schnell tauen, haben kaum etwas daran geändert. Der Grund: Das Wasser sickert gerade in ausgetrockneten Bodenschichten nur sehr langsam nach unten.

"Der Zustand des Gesamtbodens kann ohne Weiteres sehr trocken sein, obwohl die Oberfläche matschig ist und Pfützen an der Oberfläche stehen", erläutert Marx. Auch der nun tauende Schnee helfe meist nur wenig, so der Experte. Er habe zwar eine große Masse, die darin gespeicherten Wassermengen seien aber relativ gering.

Ein weiteres Paradoxon: Es könnten sogar Hochwasser-Lagen bei gleichzeitiger Dürre im Gesamtboden entstehen. Marx: "Wenn viel Wasser in den Flüssen ist, bedeutet das, dass das Wasser nicht in den Boden eingedrungen ist und die Feuchtigkeit darin erhöht hat." Es konnte nicht schnell genug in den Boden einsickern, es läuft dann besonders in bergigen Regionen schnell zu den Flüssen ab.

Marx betont: "Die Dürre-Lage ist außergewöhnlich." Es habe seit Beginn der Aufzeichnungen durchaus schon Jahre mit praktisch flächendeckend starker Trockenheit in Deutschland gegeben, etwa 1951 oder 1976. Aber die Dürre sei dann im nachfolgenden Jahr wieder ausgeglichen worden.

Für die Zukunft sind in Prognosen in diesem Zusammenhang nicht rosig – wegen des Klimawandels. "Die Temperaturen steigen weiter, und es wird mehr Hitzewellen geben", so der Experte. Das erhöhe die Verdunstung von Wasser aus den Böden – und zwar sogar exponentiell. Will sagen: Selbst bei normalem Niederschlag ergäbe sich eine Tendenz zu mehr Trockenheit.

Eine Prognose, wie sich die Dürre-Lage entwickeln wird, mag Marx derzeit nicht geben. "Statistisch spricht alles dafür, dass wieder eine Gegentendenz kommen muss", sagt er. Doch mit dieser Aussage habe er schon in den letzten zwei Jahren falsch gelegen. Es wurde noch trockener.

Prinzip Hoffnung beim Bauernverband

Für die Landwirtschaft wäre ein erneutes Trockenjahr kritisch, denn es wäre das vierte Jahr mit unter dem Strich unterdurchschnittlichen Erträgen. Im Jahr 2018 war im Oberboden, der für den Anbau relevant ist, praktisch bundesweit zu wenig Wasser verfügbar – bei vielen Kulturen gab es Ausfälle.

2019 traf es vor allem den Nordosten der Republik, während es im Südwesten sogar teils überdurchschnittliche Erträge gab. Ähnlich divers war die Situation 2020, in vielen Regionen regnete es von Mitte März bis Mitte Mai fast gar nicht, in anderen aber ausreichend.

Beim Deutschen Bauernverband hofft man natürlich, dass es 2021 besser läuft. Der viele Regen und der abtauende Schnee der letzten Wochen habe etwas geholfen, sagte der Referatsleiter für Ackerbau und nachwachsende Rohstoffe, Johann Meierhöfer, gegenüber Klimareporter°.

Frostig-warmer Februar

Der Februar überrascht mit seinen Wetterextremen. In der ersten Monatshälfte gab es bundesweit eine Winterwoche mit sehr tiefen Temperaturen und teilweise ungewohnt viel Schnee. Nachts sanken die Werte auf bis zu minus 27 Grad.

 

In der letzten Februarwoche erreichten die Höchsttemperaturen teils mehr als 20 Grad plus. Zur Halbzeit war der Februar rund drei Grad kälter als der Durchschnitt der Klima-Vergleichsperiode 1961 bis 1990, am Ende des Monats drehte das aber sogar ins Plus.

 

Der Deutsche Wetterdienst in Offenbach meldete, der Temperaturdurchschnitt habe im Februar mit 1,8 Grad Celsius um 1,4 Grad über dem Wert der Referenzperiode von 1961 bis 1990 gelegen. Im Vergleich zur wärmeren Periode 1991 bis 2020 betrug die positive Abweichung danach 0,3 Grad.

 

Damit war der meteorologische Winter 2020/21 insgesamt zu warm, denn auch Dezember und Januar lagen über dem Durchschnitt. Es war laut DWD hierzulande der zehnte zu warme Winter in Folge.

 

Der Temperaturrekord für einen Februartag in Deutschland stammt allerdings aus dem Jahr 1900, in Jena in Thüringen wurden 23,1 Grad gemessen. Damals gab es aber nur eine kurze Wärmespitze, in diesem Jahr hingegen blieb es für mehrere Tage ungewöhnlich warm.

"Das in weiten Landesteilen vorhandene Niederschlagsdefizit der letzten Jahre konnte dadurch ein klein wenig aufgefüllt werden. Es ist aber noch vorhanden", so Meyerhöfer. Nun brauche es "ganz einfach eine ausreichende und gut verteilte Niederschlagsmenge bis zur Ernte".

Ein neues Trockenjahr träfe auch den Wald hart. Bundesweit sind in den vergangenen Jahren rund 285.000 Hektar abgestorben, durch Wassermangel und die Invasion von Schädlingen wie dem Borkenkäfer. Die Waldschäden sind auf ein Rekordniveau gestiegen.

Bäume ziehen ihr Wasser vor allem aus den tieferen Bodenschichten. Hoffnung macht hier allenfalls, dass der Oberboden derzeit feucht ist und nachgepflanzte Jungbäume nicht in der Gefahr sind zu vertrocknen. Außerdem dürfte der strenge Frost der letzten Wochen die Borkenkäfer-Populationen dezimiert haben.

April entscheidet

Ob das vierte Trockenjahr droht oder nicht, wird man vielleicht im April genauer wissen. Forscher zweier Helmholtz-Zentren, vom UFZ und dem Alfred-Wegener-Institut in Bremerhaven, haben unlängst nämlich herausgefunden, dass in Mitteleuropa die Temperatur- und Niederschlagsmuster in diesem Monat maßgeblich darüber entscheiden, ob die Böden im anschließenden Sommer überdurchschnittlich trocken sind oder nicht.

Denn: Ist der April zu warm und niederschlagsarm, verdunstet ein so großer Teil der im Erdreich gespeicherten Feuchtigkeit, dass eine Sommerdürre sehr wahrscheinlich wird.

Eine Ursache für die in den letzten Jahren häufiger auftretende April-Trockenheit und die damit steigende Dürregefahr hat das Team übrigens ebenfalls identifiziert: Abnehmende Temperaturunterschiede zwischen der Arktis und den mittleren Breiten führen in diesem Monat zu einer Verlagerung des Starkwindbandes Jetstream, und das führt zur Herausbildung eines blockierenden Hochdrucksystems über der Nordsee und Teilen Deutschlands. Dieses wiederum beschert Mitteleuropa dann viel zu warmes und trockenes Aprilwetter.

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