Kopenhagen steht vor den Toren Madrids

Das Jahr 2019 eignet sich schlecht für eine Klimakonferenz, in der es vor allem um technische Details geht. Die Menschen wollen mehr Klimaschutz, aber verhandelt wird über bessere Regeln. Dieses Dilemma wird in Madrid zunehmend zum Problem.


Handgemenge bei einer Protestaktion auf dem Klimagipfel in Madrid, man sieht vor allem hochgehaltene Fotohandys und das Konferenzmotto
Das Motto des Klimagipfels ruft gerade nur noch Kopfschütteln hervor. Diese Protestaktion auf dem Konferenzgelände endete am Mittwoch im Eklat. (Foto: Screenshot/​Kathrin Henneberger/​Twitter)

Wo die Verhandlungen bei der Klimakonferenz in Madrid stehen, wissen nur wenige Minister. Die versuchen bei ihren Kollegen auszuloten, ob und wo Raum für Kompromisse besteht. Drei Teams aus je zwei Ministern versuchen so, die Verhandlungen über die CO2-Märkte, über Schäden und Verluste und über die Klimapläne noch zu retten.

Ob das gelingt, ist unklar. In Madrids Messehallen hört man mittlerweile das Wort "Kopenhagen". Dort scheiterte vor genau zehn Jahren eine Klimakonferenz spektakulär. Ein Delegierter meinte, vielleicht "brauche der Verhandlungsprozess einen Fehlschlag, um alle wieder zu motivieren, es besser zu machen".

Im Gegensatz dazu signalisierten viele Länder ihre Entschlossenheit beim Kampf gegen die Klimakrise. Die langfristig wohl wichtigste Ankündigung erfolgte allerdings nicht in Madrid, sondern in Brüssel. Dort stellte am Mittwoch die neue Chefin der EU-Kommission Ursula von der Leyen Europas "Green Deal" vor.

Das Konzept wurde von vielen Umwelt- und Wirtschaftsverbänden begrüßt. Martin Porter von der European Corporate Leaders Group sagte: "Dieser weitreichende Plan kann als Europas neue Wachstumsstrategie dienen."

Noch ist der Green Deal nur ein Plan der EU-Kommission. Inwiefern auch die EU-Staaten dahinter stehen, könnte sich allerdings schnell zeigen. Denn am heutigen Donnerstag soll auf einem EU-Gipfel Klimaneutralität für 2050 beschlossen werden – ein Bestandteil des Plans.

Länder- und Unternehmens-Allianzen machen Druck

In Madrid verkündeten derweil diverse Länderallianzen den Beitritt weiterer Staaten. Den Anfang machte die Carbon Neutrality Coalition, deren Mitglieder bis 2050 klimaneutral werden wollen. Die Ländergruppe kommt dank fünf Neuzugängen nun auf 29 Mitglieder inklusive Deutschland. Hinzugekommen sind Fidschi, Irland, Monaco, die Schweiz und Südkorea.

Bei deren Vorstellung machte Laurence Tubiana, die "Architektin" des Pariser Klimaabkommens und heutige Chefin der European Climate Foundation, aber auch klar, dass es nicht nur um das Ziel für 2050 gehen kann: "Es geht nicht nur um ein langfristiges Ziel, es geht auch um kurzfristiges Handeln."

Große Buchstaben, grün angestrahlt:
Foto: Susanne Schwarz

Live von der COP 25

Die 25. UN-Klimakonferenz findet vom 2. bis zum 13. Dezember in Madrid statt. Klimareporter° ist vor Ort und berichtet direkt vom Konferenzparkett.

Dazu verpflichten sich die Mitglieder der Climate Ambition Alliance, die nächstes Jahr ein neues Klimaziel für das Jahr 2030 verabschieden wollen. Mittlerweile gehören 72 Länder sowie die EU zu diesem Club, acht Länder mehr als noch im September.

Gar von "exponentiellem Wachstum" spricht derweil eine Initiative der Wirtschaft. We Mean Business vermeldete, dass sich jetzt 177 Unternehmen dazu verpflichten, ihre Klimastrategie am 1,5-Grad-Ziel des Paris Abkommens auszurichten. Das sind mehr als doppelt so viele wie noch im September. Die direkten Emissionen dieser Firmen entsprechen denen Frankreichs.

Käufer für deren Aktien gibt es auch: Eine Gruppe institutioneller Investoren, die Net Zero Asset Owner Alliance, strebt für das Jahr 2050 klimaneutrale Anlageportfolios an. Diese Investoren verwalten zusammen vier Billionen US-Dollar. Das entspricht knapp einem Viertel der EU-Wirtschaftsleistung.

Aus der Wirtschaft kam zudem eine klare Ansage an die Politik: Die "letzte Gelegenheit auf der richtigen Seite der Geschichte zu stehen", komme schnell näher, sagte Lise Kingo vom Global Compact. Daher müssten Firmen "Aktivisten für die Zukunft" sein und die Wirtschaftsführer sollten ihre Regierungen "herausfordern, mit den Klimazielen der Wirtschaft gleichzuziehen".

Klimaprotest wird grob abgebügelt

In den realen Klimaverhandlungen haben die angesprochenen Regierungen allerdings noch Mühe, den Forderungen der Aktivisten in den Teppichetagen der Wirtschaft und bei den Freitagsdemonstrationen auf der Straße gerecht zu werden.

Alden Meyer vom US-Wissenschaftsverband Union of Concerned Scientists sagte in Madrid: "Ich bin seit 1991 bei diesen Verhandlungen. Noch nie habe ich die beinahe totale Entkopplung gesehen zwischen dem, was die Wissenschaft und die Menschen verlangen, und dem, was die Verhandlungen liefern."

Bemerkbar macht sich dies mittlerweile auch innerhalb der Madrider Messehallen. Am Mittwoch kam es dort zu einer unangemeldeten Demonstration von Jugendlichen. Nach lautstarkem Protest und "Schande"-Rufen gab es ein Handgemenge mit dem Sicherheitspersonal.

Die Protestierenden wurden hinausgeworfen, ihre Konferenzpässe eingezogen. Während sie eine Stunde auf einem Parkplatz ausharren mussten, wurde Journalisten der Zugang zu ihnen verwehrt. Olaf Bandt, Chef des deutschen Umweltverbandes BUND, sprach von "unverhältnismäßiger Aggressivität".

Sven Harmeling von der Hilfsorganisation Care kritisierte, schon in den vergangenen Tagen hätten sich "Restriktionen" des UN-Klimasekretariats auf eine bisher nicht gekannte Weise gehäuft.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz in Madrid finden Sie in unserem COP-25-Dossier

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