Wirtschaft verliert Geduld mit Regierungen

Manche Politiker glauben immer noch, Klimaschutz schade ihren Volkswirtschaften, dabei sind viele Firmen längst weiter. Sie fürchten den Klimawandel mehr als die erforderlichen Maßnahmen, um ihn zu stoppen.


Schwarzes Demo-Schild mit der Aufschrift
Business as usual? Lieber nicht, finden mittlerweile viele Unternehmen – und fordern mehr Klimaschutz. (Foto: John Englart/​Flickr)

In Großbritannien ist der Verkauf von Autos mit Verbrennungsmotor ab dem Jahr 2040 verboten. Ben van Beurden geht das nicht schnell genug: "Wenn man das früher machen könnte, wäre das natürlich willkommen." Viele dürfte diese Aussage überraschen, denn van Beurden ist der Chef des Ölkonzerns Shell.

Nigel Topping wundert sich dagegen nicht. Er ist der Chef von We Mean Business, einer Organisation, die Firmen hilft, sich am Pariser Klimaabkommen auszurichten. "Unternehmen wollen wissen, in welche Richtung es langfristig geht. Wenn Länder klar sagen, dass Verbrennungsmotoren abgeschafft werden, dann wird alles viel einfacher."

Die Wirtschaft wünscht sich aber nicht nur eine klare Ansage der Politik, sondern fordert auch, dass die Klimapolitik am Stand der Wissenschaft ausgerichtet wird. Insbesondere der Sonderbericht des Weltklimarats IPCC zum 1,5-Grad-Ziel habe viele Firmenlenker "wachgerüttelt" so Topping. "Firmen operieren in der realen Welt" und sie verstünden, dass schon eine Erwärmung um zwei Grad katastrophale Folgen haben wird.

Interesse der Wirtschaft an Klimakonferenzen wächst

Immer mehr Unternehmen sind daher bereit, ihr Geschäft an den IPCC-Berichten auszurichten. Über 500 Firmen haben sich in Zusammenarbeit mit We Mean Business "wissenschaftsbasierte Klimaziele" gesetzt. Dazu gehören auch Firmen aus Branchen, die ihre Emissionen nur schwer senken können: So hat etwa der indische Zementhersteller Dalmia angekündigt, seinen CO2-Ausstoß bis zum Jahr 2040 auf null zu bringen.

Die Firmen nutzen außerdem gezielt ihre Nachfragemacht: So haben 168 Konzerne versprochen, nur noch Strom aus erneuerbaren Quellen zu kaufen. Zusammen haben sie einen größeren Stromverbrauch als Polen. Ähnlich ist es bei Elektrofahrzeugen. Hier haben zwar nur 26 Konzerne zugesagt, ihre Flotten komplett umzustellen, dafür gehören einige Schwergewichte dazu: das schwedische Möbelhaus Ikea, der holländische Autoleasingkonzern Leaseplan und das größte Logistikunternehmen der Welt, die Deutsche Post DHL.

We Mean Business hat denn auch eine klare Ansage für Autokonzerne: "Die Entwicklung zum Null-Emissions-Verkehr ist nicht aufzuhalten." Auslöser für die ehrgeizigen Klimaziele vieler Firmen war die Pariser Klimakonferenz. Dort seien zum ersten Mal Firmen eingeladen worden, einen Beitrag zum globalen Klimaschutz zu leisten, erklärt Topping.

Das Interesse an den Konferenzen hat seither noch zugenommen und ebenso die Sorge um deren Resultate. So sagt der Chef des Bundesverbands der deutschen Industrie (BDI) Dieter Kempf: "Die deutsche Industrie ist sehr besorgt über den schleppenden Fortschritt bei den Klimaverhandlungen in Kattowitz. Die Verabschiedung eines konkreten Regelwerks zur Umsetzung des vor drei Jahren beschlossenen Pariser Abkommens ist längst überfällig."

Staaten wollen IPCC-Bericht nicht "willkommen heißen"

Sven Harmeling von der Entwicklungsorganisation Care fordert daher, dass die Regierungen auf ihre Wirtschaftsführer hören: "Die Regierungen sollten die Positionen dieser Akteure aufgreifen, statt sich hinter die zu stellen, die dem notwendigen schnellen Wandel im Weg stehen."

Diese Nachricht haben einige Länder allerdings noch nicht bekommen: Am vergangenen Samstag haben die USA, Saudi-Arabien, Russland und Kuweit verhindert, dass die Klimakonferenz den IPCC-Bericht "willkommen heißt". Sie bestanden darauf, den Bericht nur "zur Kenntnis zu nehmen". Damit haben sie verhindert, dass der Bericht eines technischen Unterorgans der Klimakonferenz verabschiedet wird.

Nun müssen sich diese Woche die Minister im politischen Teil der Konferenz um die richtige Wortwahl kümmern. Eine geeignetes Forum zu dieser Frage gibt es allerdings nicht. Die polnische Konferenzpräsidentschaft hat es versäumt, eine Arbeitsgruppe zu bilden, die sich um mehr Ehrgeiz beim Klimaschutz kümmert.

Greenpeace-Chefin Jennifer Morgan reagierte entgeistert: "Wie kann man nach Erscheinen des IPCC-Berichts eine Klimakonferenz leiten und keine Arbeitsgruppe einrichten, die ein Signal für mehr Ehrgeiz sendet?" Ähnlich sieht das Topping. Er bezeichnete die Position der USA und ihrer Mitstreiter als "tragisch".

Alle Beiträge zur Klimakonferenz COP 24 in Polen finden Sie in unserem Katowice-Dossier

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