Australien schießt bei Klimaschäden-Debatte quer

Es ist ein heißes Eisen: Wer kommt für Schäden und Verluste auf, die im Zuge der Klimakrise unweigerlich auftreten? Die armen Länder fordern beim Klimagipfel in Madrid zum wiederholten Mal Geld von den Industrieländern. Australien hat sich ein erstaunliches Gegenargument überlegt.


Zerstörtes Haus nach dem Zyklon Winston in Fidschi
Volkswirtschaftliche Katastrophe: Verwüstungen durch den Zyklon "Winston" in der Provinz Tailevu von Fidschi. (Foto: DFAT/​Wikimedia Commons)

42 Tote, tausende zerstörte Häuser, kaputte Straßen, durchtrennte Stromleitungen – der Zyklon "Winston" hat Fidschi 2016 stärker getroffen als je ein Sturm zuvor.

Für den pazifischen Inselstaat bedeutet der extreme Wirbelsturm allerdings nicht nur eine humanitäre Katastrophe, sondern auch eine wirtschaftliche. Winstons Zerstörungswut hat Kosten verursacht, die in etwa einem Drittel von Fidschis Bruttoinlandsprodukt entsprechen.

Auf der Weltklimakonferenz in Madrid wird darüber verhandelt, wie gut der Umgang mit solchen Situationen bisher funktioniert. Das regelt der sogenannte Warschau-Mechanismus für klimabedingte Schäden und Verluste von 2013. Der steht nun auf dem Prüfstand.

Die armen Länder wollen, dass sie für Schäden und Verluste Geld von den Industrieländern bekommen, die den Klimawandel vor allem verursacht haben. Das verspricht der Warschau-Mechanismus auch.

Es gibt schon einige Fonds, in die Industrieländer einzahlen, um arme Länder zu unterstützen. Die sind aber eigentlich für andere Zwecke gedacht, zum Beispiel um Klimaschutzmaßnahmen oder die Anpassung an den Klimawandel zu finanzieren – nicht um die Zerstörungen abzufedern, die nicht mehr verhindert werden können. 

Bei den Verhandlungen am Mittwoch haben besonders die USA und Australien vehement den von Entwicklungsländern geforderten Fonds für Schäden und Verluste blockiert. Sie argumentieren, dass es im Katastrophenfall ja schon humanitäre Hilfe gebe, also zum Beispiel vom Roten Kreuz.

Viele andere Industrieländer halten sich eher bedeckt, verweisen gern auf die Erfolge des Warschau-Mechanismus. Auf die vielen Workshops zum Wissenstransfer, die Dialogformate zum Austausch, die Entwicklung von Versicherungsmodellen.

Soll Australien Klimafinanzierung bekommen?

Australien hat zudem noch einen Hammer in die Verhandlungen eingebracht. Zur Kasse will das Land nicht gebeten werden. Es sieht aber so aus, als hätte es weniger Probleme damit, Geld für eigene Verluste und Schäden von der internationalen Gemeinschaft zu bekommen.

Wie Klimareporter° von mehreren Beobachtern der Verhandlungen erfuhr, hat das Land vorgebracht, dass es auch in Industrieländern arme und vom Klimawandel betroffene Menschen gebe, die dann ebenfalls vom Warschau-Mechanismus profitieren sollten.

Speziell auf die indigene Bevölkerung habe Australien verwiesen. Damit will das Land offenbar den Weg dafür ebnen, selbst Zugang zum Klimaschäden-Geld zu bekommen, sollte es denn welches geben.

Große Buchstaben, grün angestrahlt:
Foto: Susanne Schwarz

Live von der COP 25

Die 25. UN-Klimakonferenz findet vom 2. bis zum 13. Dezember in Madrid statt. Klimareporter° ist vor Ort und berichtet direkt vom Konferenzparkett.

"Das ist absurd", sagte Sabine Minninger vom Hilfswerk Brot für die Welt am Rande der Konferenz gegenüber Klimareporter°. "Australien braucht kein Geld aus der internationalen Klimafinanzierung, um für seine Bürger zu sorgen."

Das sei bei den armen Ländern anders, "vor allem nach einem Extremwetterereignis, das viel Zerstörung angerichtet hat", so die Klimaexpertin. "Dafür müssen die Industriestaaten aufkommen, deren Wohlstand auf der Klimakrise beruht. Das nennt man Verursacherprinzip."

Auch andere Klimaschützer sehen das so. Australien bekam für seine Verhandlungsstrategie schon zum zweiten Mal in dieser Woche den Schmähpreis "Fossil of the Day" vom Climate Action Network verliehen.

Hinter dem Streit um die Finanzierung von Schäden und Verlusten steckt noch eine größere Debatte: die um die Schuld am Klimawandel. 

Die Industrieländer wollen auf keinen Fall, dass ein Beschluss wie eine Art Schuldeingeständnis gewertet werden kann, das dann vielleicht eine Haftung für die ganze Klimakrise nach sich ziehen könnte. Dass das passiert, ist im Paris-Abkommen eigentlich ausgeschlossen, könnte aber noch einmal hochkochen.

"Die Positionen der Staaten sind bei der Debatte um Schäden und Verluste sehr weit gefächert", sagte Rixa Schwarz, Klimachefin der Umweltorganisation Germanwatch, im Gespräch mit Klimareporter° in Madrid. "Das macht die Verhandlungen unglaublich zäh."

Alle Beiträge zur Klimakonferenz in Madrid und zum Alternativgipfel in Santiago finden Sie in unserem COP-25-Dossier.

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