Das Risiko in der Nachkommastelle

Am Mittwoch können Siemens und sein größter Aktionär Blackrock ihren Bekenntnissen zum Klimaschutz Taten folgen lassen – oder klar aussprechen, dass sie mit dem Adani-Projekt bereit sind, unsere Zukunft auch für die letzte Nachkommastelle aufs Spiel zu setzen, meint unsere Gastautorin von der Umweltorganisation 350.org.


Vor der Siemens-Niederlassung in Dortmund hält eine Klimaaktivistin ein Pappschild hoch mit der Aufschrift
Siemens und seine Aktionäre haben es jetzt in der Hand, eine Weichenstellung für oder gegen Kohle vorzunehmen. (Foto: Fridays for Future/​Flickr)

Am Ende sind es Nachkommastellen, die darüber entscheiden, ob eine der größten Kohlegruben der Welt aufgeschlossen wird oder nicht. Als Siemens-Chef Joe Kaeser am 12. Januar bekannt gab, sein Konzern müsse "vertragliche Verpflichtungen einhalten", war längst bekannt, dass besagter Vertrag zum Bau einer Bahnstrecke, die die geplante Mine und die Kohlehäfen am Great Barrier Reef verbinden soll, weniger als 20 Millionen Euro wert ist – für ein Unternehmen mit einem Jahresumsatz von mehr als 86 Milliarden Euro gerade noch eine Nachkommastelle.

Auch wenn Geld bei der Entscheidung für das Projekt kaum eine Rolle gespielt zu haben scheint, muss es jetzt Geld sein, das Kaeser zum Einlenken bringt. Wenn Siemens morgen zur jährlichen Aktionärshauptversammlung nach München lädt, müssen Aktionärinnen und Investoren zeigen, dass sie es mit dem Klimaschutz ernst meinen.

Eine wichtige Rolle fällt dabei dem Investmentgiganten Blackrock zu. Mit über 7.000 Milliarden US-Dollar verwaltet er mehr Geld als jedes andere Unternehmen auf der Welt. Gleichzeitig ist Blackrock einer der größten Anteilseigner bei Siemens. Mit einer Beteiligung von über fünf Prozent am Unternehmen hat Blackrock einen immensen Einfluss auf die Firmenpolitik.

Siemens wird so zum ersten wirklichen Test für die neue Ausrichtung von Blackrock. Als Blackrock-Vorstandschef Larry Fink Anfang Januar seinen jährlichen Brief zur Anlagestrategie seines Unternehmens veröffentlichte, löste er damit ein kleines Erdbeben auf den Finanzmärkten aus.

Was sind die Nachhaltigkeits-Ankündigungen wert?

Neben einer Neuausrichtung des Blackrock-Anlageportfolios entlang von Klimazielen kündigte Fink auch an, dass Blackrock in Zukunft seinen Einfluss nutzen werde, um gegen das Management von Unternehmen zu stimmen, die Klimarisiken nicht ausreichend berücksichtigen.

Diese Ankündigung kam nicht von ungefähr. Noch vor wenigen Jahren fand die Finanzindustrie als Nischenthema in der Klimabewegung wenig Beachtung. Mittlerweile haben Bewegungen wie Fridays for Future und verschiedene Nichtregierungsorganisationen Banken, Versicherungen und Investoren als Mitverursacher der Klimakrise ins Visier genommen und weitere Proteste für die Zukunft angekündigt.

Porträtaufnahme von Kate Cahoon.
Foto: Christian Schneider

Kate Cahoon

Die australische Feministin und Umwelt­schützerin arbeitet in Berlin als Campaignerin bei der internationalen Klima­schutz­organisation 350.org. Zuvor war sie bei Gender CC – Women for Climate Justice tätig. Die Expertin für feministische Theorie, Menschen­rechte und Klimawandel sowie Energie­demokratie und städtische Klima­politik hat an mehreren UN-Klima­konferenzen teilgenommen.

Dass die Entscheidung von Siemens ins Blickfeld der Öffentlichkeit geraten ist, ist nicht zuletzt diesen Protesten zu verdanken.

Warum Joe Kaeser sich trotz alledem für eine Beteiligung am Aufbau der Infrastruktur für das Mega-Kohleprojekt entschieden hat, wird sein Geheimnis bleiben. Wahrscheinlich ging es um Folgeaufträge. Auch der Druck der australischen Regierung unter dem Einfluss der dortigen Kohlelobby wird eine Rolle gespielt haben.

Was bleibt, ist das Wissen, dass blumige Aussagen zur Nachhaltigkeit auch bei Siemens nur wenig mehr als Marketing sind. Die Aktionärshauptversammlung wird deshalb die Frage beantworten müssen, ob sich auch Schwergewichte wie Blackrock von Hochglanzbroschüren zur Nachhaltigkeit blenden lassen oder ob sie Siemens zum Einlenken zwingen.

Die Antwort auf diese Frage sollte klar sein: Ein Unternehmen, das sich damit rühmt, seine Vorstandsgehälter an Nachhaltigkeitszielen auszurichten, kann nicht gleichzeitig mithelfen, eine ganze Region für die Kohleförderung zu erschließen. Denn auch wenn Siemens großen Wert auf die Feststellung legt, dass es bei dem Auftrag nur um den Bau einer Bahnstrecke geht, geht es in Wirklichkeit um sehr viel mehr.

Eine weitreichende Entscheidung

Das Galilee-Becken liegt etwa 200 Kilometer westlich vom Great Barrier Reef und enthält eine der größten noch unerschlossenen Kohlelagerstätten der Welt. Würde das ganze Becken – auch durch weitere Tagebaue und Bergwerke – erschlossen und die gesamte dort vorhandene Kohle verbrannt werden, könnten bis zu 700 Millionen Tonnen Treibhausgase zusätzlich in die Atmosphäre gelangen. Jedes Jahr.

Joe Kaesers Entscheidung für oder gegen den Bau der Bahnstrecke könnte also darüber entscheiden, ob fast sieben Prozent der CO2-Menge, die die Menschheit überhaupt noch ausstoßen darf, um den Klimawandel einzudämmen, per Kohleverbrennung emittiert werden oder nicht.

Der Grund dafür ist simpel: Ohne Technologie von Siemens kann die Bahnlinie zwischen den geplanten Kohleabbaustätten und der Küste mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht gebaut werden. Es gibt weltweit nur drei Unternehmen, die die Anforderungen der australischen Regierung zum Bau der Strecke erfüllen. Zwei von ihnen haben eine Beteiligung an dem Projekt bereits ausgeschlossen, das dritte ist Siemens.

Die Entscheidung könnte also klarer nicht sein. Am 5. Februar können sowohl Blackrock als auch Siemens ihren Bekenntnissen zum Klimaschutz Nachdruck verleihen – oder in aller Deutlichkeit sagen, dass sie bereit sind, unsere Zukunft auch für die letzte Nachkommastelle aufs Spiel zu setzen.

In einer Zeit, in der in Australien schon eine Fläche größer als ein Drittel von Deutschland verbrannt ist, sollte die Antwort auf diese Frage nicht schwierig sein.

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