Last Exit Montreal

Die Staaten der Welt nehmen einen neuen Anlauf, endlich mit einem wirksamen Schutz der natürlichen Lebensgrundlagen zu beginnen. Helfen sollen die Unterschutzstellung von 30 Prozent der Erdoberfläche und ein ökonomischer Blick auf die Natur. Ob das klappt, ist ungewiss.


Riesiges abgeerntetes Feld bei Löbnitz in Vorpommern.
Konventioneller Wirtschaftsacker in Deutschland: Was bringen 30 Prozent Schutzgebiete, wenn die Biodiversität auf den anderen 70 Prozent immer mehr sinkt? (Foto: Eric Neuling/​Nabu)

Leben gibt es auf der Erde auf der Erde seit rund 3,5 Milliarden Jahren, und zwar mit einer äußerst wechselhaften Geschichte. Fünfmal starb ein Großteil aller Lebensformen aus, eine bereits hoch entwickelte Biodiversität schrumpfte dabei wieder auf ein Minimum zusammen. Jedes Mal wurde der Verlauf der Evolution in neue Bahnen gelenkt.

Das größte Massenaussterben ereignete sich vor 250 Millionen Jahren. Damals verschwanden etwa drei Viertel aller Landlebewesen und sogar 95 Prozent des Lebens im Ozean binnen weniger tausend Jahre. Das letzte dieser Ereignisse führte vor 66 Millionen Jahren unter anderem zum Verschwinden der Dinosaurier.

Die Fachwelt geht davon aus, dass das sechste Massenaussterben bereits begonnen hat. Allerdings ist diesmal nicht Vulkanismus, eine natürliche Klimaveränderung oder ein Asteroideneinschlag die Ursache. Es ist der Mensch, der die Ökosysteme und damit die Lebensbedingungen der Pflanzen und Tiere radikal verändert.

Es wird geschätzt, dass heute pro Tag 150 Arten aussterben. Bisherige Anläufe, den Artenschwund auf internationaler Ebene zu stoppen, schlugen fehl.

Doch nun startet ein neuer Versuch – auf dem 15. UN-Biodiversitätsgipfel (COP 15), der seit dem heutigen Mittwoch zwei Wochen lang im kanadischen Montreal tagt. Die Mitgliedsländer der Konvention zur Biologischen Diversität – englisch kurz CBD – sollen dort neue Ziele für den Arten- und Naturschutz beschließen. Unter anderem geht es um den Vorschlag, bis 2030 knapp ein Drittel der Land- und Meeresflächen der Erde unter Schutz zu stellen.

Der letzte Überblicksbericht vom Weltbiodiversitätsrat IPBES, dem Pendant zum UN-Klimarat IPCC, zeigt die Dramatik der Situation. Danach sind bis zu einer Million Tier- und Pflanzenarten vom Aussterben bedroht, viele davon bereits in den nächsten Jahrzehnten.

Der Rat machte klar, dass es dabei nicht um Zahlenhuberei geht. Er warnte: Obwohl die biologische Vielfalt und die Leistungen der Ökosysteme wie Nahrung, sauberes Wasser und Medizin für das Überleben der Menschheit essenziell sind, verschlechtert sich ihr Zustand dramatisch.

Der Report benennt fünf Haupttreiber dafür: die Veränderung der Landnutzung – etwa durch Überbauung, Umwandlung von Wald in Agrarland oder Entwässerung –, die kommerzielle Nutzung von Tieren und Pflanzen, die Klimaerwärmung, die Umweltverschmutzung sowie die Ausbreitung invasiver Arten.

Der erste Versuch endete ernüchternd

Der IPBES-Report wurde 2019 vorgelegt, als Basis für den UN-Gipfel, der eigentlich bereits 2020 in der südchinesischen Metropole Kunming stattfinden sollte, dann aber wegen der Corona-Pandemie und Chinas Null-Covid-Politik mehrfach verschoben wurde. Kanada bot an, die Austragung der COP 15 zu übernehmen, in Montreal. China behält den Vorsitz auf dem Gipfel. Über 190 Staaten verhandeln mit. 

In Montreal sollen nun die "Kunming-Ziele" vereinbart werden, als Ersatz für die 2010 auf einem früheren Gipfel in Japan beschlossenen "Aichi-Ziele". Wie dringend das ist, zeigt die Bilanz dieses "Aufbruchs" im Naturschutz, wie er genannt wurde. Schon damals war verabredet worden, den Verlust an natürlichen Lebensräumen bis 2020 zu halbieren und wenn möglich sogar auf null zu senken.

Natur unter Druck

Der UN-Biodiversitätsrat IPBES hat 2019 die Lage der Biodiversität untersucht. Die zentralen Erkenntnisse:

  • Das Artensterben ist heute mindestens zehn- bis hundertmal höher als im Durchschnitt der letzten zehn Millionen Jahre.
  • Drei Viertel der Landoberfläche und zwei Drittel der Meeresfläche sind durch menschlichen Einfluss verändert.
  • Fast ein Drittel der weltweiten Waldfläche ist verschwunden, verglichen mit dem vorindustriellen Zeitalter.
  • Über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind in den letzten 300 Jahren verloren gegangen.
  • Die Hälfte der lebenden Korallen ist seit 1870 verschwunden.

Die Umweltbelastungen sollten auf ein unschädliches Niveau gebracht und die für Landwirtschaft, Aquakultur und Forstwirtschaft genutzten Flächen nachhaltig bewirtschaftet werden. Es sollte die Überfischung der Weltmeere gestoppt, der Wert der biologischen Vielfalt im Bruttosozialprodukt berücksichtigt und ein ausreichend großes Finanzbudget zum Erreichen der Ziele bereitgestellt werden.

Das Fazit zehn Jahre danach fiel ernüchternd aus. Der 2020 vom UN-Umweltprogramm in Nairobi herausgegebene "Global Biodiversity Outlook" zeigte auf, dass keines der 20 Kernziele zum Schutz der Biodiversität vollständig erreicht wurde.

Der Verlust von Arten und Lebensräumen ging praktisch ungebremst weiter, obwohl es durchaus Fortschritte bei der Ausweitung der Schutzgebiete gab. Die Aichi-Vorgabe, 17 Prozent der Fläche an Land und zehn Prozent bei den Meeren unter Schutz zustellen, ist fast erreicht. Was aber nur den einen Schluss zulässt, dass sie schlicht zu niedrig liegt.

Der Naturschutz braucht also einen Booster – und den soll der Gipfel in Montreal nun bringen. Die Chefin der UN-Konvention, Elizabeth Mrema, wünscht sich ein "Paris-Moment" für die Biodiversität. Sie spielt dabei auf das 2015 in Paris geschlossene Weltklimaabkommen an, das erstmals alle Staaten der Welt zur CO2-Einsparung verpflichtet und, zumindest in der Theorie, auch für die Unternehmen und Finanzmarktakteure den Rahmen des Handelns darstellt.

Paris-Moment oder Kopenhagen-Desaster?

Um die Biodiversitäts-Wende zu schaffen, ist es entscheidend, dass alle gesellschaftlichen Akteure das Problem erkennen. Die Aufgabe, die wirtschaftliche Bedeutung einer intakten Natur deutlich zu machen, übernahm ein Forschungsteam unter Schirmherrschaft des UN-Umweltprogramms vor gut einem Jahrzehnt. Es entstand die großangelegte Studie "The Economy of Ecosystems and Biodiversity", kurz TEEB.

Sie zeigte, dass die Leistungen der Ökosysteme wie sauberes Wasser, Regulation des Klimas, Bestäubung von Pflanzen oder auch Arbeitsplätze etwa im Tourismus, völlig unterschätzt wurden. Heute weiß man: Die Hälfte des weltweiten Bruttoinlandsprodukts (BIP) – das entspricht einem Betrag von 40 Billionen Euro – ist letzten Endes abhängig von der Natur.

Ein solcher Blick auf die Biodiversität hat dazu beigetragen, dass immer mehr Kommunen, Regionen, Unternehmen, Investoren und auch Finanzaufsichtsbehörden die grundlegenden Risiken erkennen, die aus der Naturzerstörung erwachsen. Auch Multis, andere Großkonzerne und Finanzinstitute engagieren sich hier.

Die Biodiversitätskonvention

Auf dem UN-Erdgipfel in Rio der Janeiro wurde 1992 das "Übereinkommen über die biologische Vielfalt" (Convention on Biological Diversity, CBD) beschlossen, es trat Ende 1993 in Kraft. Es ist das erste globale Übereinkommen, das alle Aspekte des Biodiversitätsschutzes umfasst: die Erhaltung der biologischen Vielfalt, die nachhaltige Nutzung der Ökosysteme sowie die gerechte Aufteilung der sich aus der Nutzung der genetischen Ressourcen ergebenden Vorteile. Das CBD-Sekretariat mit Sitz im kanadischen Montreal wurde zur Unterstützung der Umsetzung der Konvention eingerichtet.

 

In Montreal findet nun auch die 15. "Conference of the Parties" (COP) der Konvention mit Delegationen aus über 190 Ländern statt. Erwartet werden auf dem Gipfel rund 10.000 Teilnehmer. Eigentlich war der Gipfel bereits für 2020 im chinesischen Kunming geplant gewesen.

So haben sich über 330 Unternehmen mit einem Gesamtumsatz von zusammen mehr als 1,5 Billionen US-Dollar in einer "Business for Nature"-Koalition zusammengeschlossen, darunter H&M, IKEA, Nestlé, Rabobank, Sony, Tata Steel und Unilever. Sie rufen die Regierungen mit Blick auf die Montreal-Konferenz auf, in diesem Jahrzehnt durchgreifende Maßnahmen zur Umkehr des Natur- und Artenverlusts durchzusetzen. Weitere Forderung: Konzerne sollten verpflichtet werden, ihre Abhängigkeiten von der biologischen Vielfalt und die Auswirkungen ihres Geschäfts darauf bis 2030 zu bewerten und offenzulegen.

Ob solcher Druck reicht, um in Montreal tatsächlich ein "Paris-Moment" zu erzeugen, ist offen. Verhandelt wird dort über 22 Ziele, die bis 2030 erreicht werden sollen, darunter neben der 30-Prozent-Marke für Schutzgebiete die Wiederherstellung von drei Millionen Hektar degradierter Ökosysteme sowie ein Finanzierungsrahmen von 200 Milliarden Dollar jährlich.

Es gibt jede Menge Möglichkeiten, sich festzubeißen. Der Entwurf für die Abschlusserklärung enthält nämlich noch über 950 mit eckigen Klammern versehene Textstellen, also Formulierungen, bei denen sich die Staaten noch nicht einig sind.

Das heißt: Statt des "Paris-Moments" kann es durchaus auch zu einem "Kopenhagen-GAU" kommen. In Kopenhagen scheiterte 2009 der Versuch, einen globalen Klimavertrag zu schließen, an den Differenzen der großen Staatenblöcke. Es dauerte dann sechs Jahre, bis in Paris der zweite Anlauf gelang.

Lesen Sie dazu auch den Gastbeitrag von Reinhard Loske: Das Ende des harmlosen Naturschutzes

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