Anzeige
Hydrogen Dialogue Summit and Expo
Anzeige
Wettermacher - Ein Film von Stanislaw Mucha

Insekten noch viel wertvoller

Der volkswirtschaftliche Nutzen der Bestäubungsarbeit von Tieren beträgt weltweit eine Billion US-Dollar pro Jahr. Das haben Stuttgarter Wissenschaftler mit einer neuen Methode errechnet. Vor allem die Landwirtschaft macht den Bestäubern den Garaus, in den Tropen auch der Klimawandel. 


Eine dicke Hummel fliegt auf eine weißrosa Apfelblüte zu.
Hummel bestäubt Apfelblüten: Ökologen hoffen, dass es hilft, diese Leistung in Dollar und Cent auszuweisen. (Foto: M. Celles/​Pixabay)

Wird die Naturzerstörung nicht gebremst, könnte die Menschheit jährlich Billionen von Dollar verlieren. Das ist breit mit Fakten untermauert.

Bereits 2010 wurde auf der UN-Artenschutz-Konferenz im japanischen Nagoya der Großreport zur "Ökonomie der Ökosysteme und Biodiversität", kurz TEEB, vorgestellt.

Danach sorgen allein die Insekten jährlich für 153 Milliarden US-Dollar an Bestäubungsleistung, und die Korallenriffe bieten pro Jahr 172 Milliarden Dollar an Einkommen, Nahrung und weiteren Gewinnen, so die Studie.

Eine neue Untersuchung setzt nun den Wert der "Arbeit" von Tieren bei der Bestäubung von Blüten, allen voran der Insekten, noch deutlich höher an. Sie ist danach pro Jahr eine Billion Dollar wert, also 1.000 Milliarden – rund ein Prozent des weltweiten Bruttosozialprodukts.

In Deutschland allein würde die Gesellschaft ohne die bestäubenden Insekten jährlich rund 3,8 Milliarden Euro verlieren.

In Europa leisten vor allem Bienen, aber auch Käfer, Schmetterlinge und andere Insekten die Bestäubungsarbeit, in den Tropen auch Fledermäuse und Vögel wie die Kolibris.

Bei Äpfeln und Kirschen zum Beispiel sind im Schnitt rund 65 Prozent des Ertrags der Tierbestäubung zu verdanken, bei manchen Pflanzen wie beim Kürbis sogar 95 Prozent, während Getreidearten wie Weizen und Reis Wind- oder Selbstbestäuber sind.

Ein Viertel weniger Insekten in 30 Jahren

Die Menge der Insekten ist in den letzten Jahrzehnten weltweit stark gesunken, und zwar besonders stark in Europa und Nordamerika. Das zeigte im Frühjahr eine in Science veröffentlichte Studie eines internationalen Forschungsteams um Roel van Klink vom Deutschen Zentrum für Integrative Biodiversitätsforschung (Idiv) in Leipzig.

Europas Naturräume schwächeln

Nur noch 15 Prozent der natürlichen Lebensräume in der Europäischen Union sind in einem guten Erhaltungszustand, Tendenz weiter abnehmend. Der gerade erschienene Bericht zum Zustand der Natur in der EU warnt vor einem "drastischen Rückgang der biologischen Vielfalt in Europa". Hauptursachen seien industrielle Landwirtschaft und Flächenfraß.

Die Landinsekten gingen nach den darin ausgewerteten Langzeituntersuchungen global um 0,9 Prozent pro Jahr zurück – das heißt, um rund ein Viertel in nur 30 Jahren.

Als wichtigste Ursache für den Insektenschwund gelten der Verlust von Lebensraum durch intensive Landwirtschaft und den Bau von Städten und Straßen, der massenhafte Einsatz von Kunstdünger und Pestiziden sowie eingeschleppte Parasiten.

Der Klimawandel schadet vor allem Insekten in den Tropen. Schon ein leichter Anstieg der Temperaturen kann hier laut Experten für Tiere, die bereits an der Obergrenze dessen leben, worauf der Organismus ausgerichtet ist, zu viel sein und die Population zusammenbrechen lassen.

Neue Methode berücksichtigt Reaktion der Branche

Die neue Abschätzung zum Wert der "Bestäubungsarbeit" wurde von drei Wissenschaftlern der Universität Hohenheim in Stuttgart vorgenommen. Sie simulierten in Modellrechnungen, welche Auswirkungen der schlagartige Wegfall aller Bestäuber auf den Verbrauchernutzen in Deutschland und weltweit haben würde.

Ergebnis: Es käme zu Ernteausfällen, und der Ertrag von Feldern und Obstplantagen würde sinken. Folge: Die Preise würden steigen, bis das reduzierte Angebot und die nachgefragte Menge wieder übereinstimmen.

Fazit: "Die Verbraucher verlieren gleich doppelt, weil sie nun weniger Obst und Gemüse bekommen und weil sie für die verbleibende Menge mehr bezahlen müssen."

Das Team um den Hohenheimer Professor Christian Lippert berechnete den wirtschaftlichen Verlust nach einer neuen Methode. Simuliert wurde zuerst das Minus für das Jahr unmittelbar nach dem hypothetischen Ausfall aller Bestäuber und für die Folgejahre die mögliche Reaktion in der Landwirtschaft – so könnten etwa verstärkt selbst- oder windbestäubte Sorten angebaut werden.

"Die Landwirte können geringere Erträge bis zu einem gewissen Grad durch höhere Preise kompensieren", sagte Lippert. Die Verbraucher würden aber in jedem Fall verlieren, da sie die gestiegenen Preise bezahlen müssten.

"Preisschild" bleibt unvollständig

Laut den Forschern wurden die Schäden bislang aufgrund von Annahmen zur langfristigen Anpassung der Agrarsysteme errechnet. "Das ist aus unserer Sicht jedoch nicht korrekt", so Lippert. Die langfristigen Anpassungsreaktionen sowohl der Agrarökosysteme als auch von Angebot und Nachfrage seien nicht wirklich absehbar.

Co-Autor Manuel Narjes räumte ein, dass sich auch mit der neuen Methode nicht alle Auswirkungen eines so katastrophalen Ereignisses, wie es der Ausfall der Bestäubung wäre, auf die Umwelt und den Menschen erfassen lassen. Diese gingen nämlich "über die bloßen Schäden durch einen geringeren Ertrag weit hinaus".

Die Schätzungen könnten aber das Bewusstsein der Bürger für die Bedeutung intakter Ökosysteme stärken und so einen Beitrag zum Erhalt der Artenvielfalt leisten.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier