"Fossile Brennstoffe bringen uns um"

Die Weltgesundheitsorganisation appelliert an den kommenden UN-Klimagipfel in Glasgow, endlich die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas zu stoppen. Die Klimakrise sei die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit.


Auch aus Erdöl und Erdgas muss die Welt schnellstens aussteigen, fordert die WHO. (Foto: Tim Reckmann/​Flickr, CC BY 2.0)

Die Weltgesundheitsorganisation WHO warnt vor einer medizinischen Katastrophe durch den Klimawandel und die weiter ungebremste Nutzung von Kohle, Erdöl und Erdgas.

In einem neuen Report, vorgelegt im Vorfeld des Weltklimagipfels COP 26 in Glasgow Anfang November, wählt die UN-Organisation dramatische Worte: "Die Verbrennung fossiler Brennstoffe bringt uns um. Der Klimawandel ist die größte Gesundheitsbedrohung für die Menschheit."

Auf dem Gipfel müssten die Regierungen ehrgeizige nationale CO2-Reduktionsziele festlegen, um die globale Erwärmung auf 1,5 Grad zu begrenzen. Dies helfe auch, um eine nachhaltige Erholung von der Corona-Pandemie zu sichern.

Die WHO betonte, nie dagewesene extreme Wetterereignisse und andere Klimaauswirkungen beeinträchtigten zunehmend das Leben und die Gesundheit der Menschen und bedrohten gleichzeitig Gesundheitssysteme und -einrichtungen – gerade, wenn sie am meisten benötigt würden. Sie gefährdeten zudem die Ernährungssicherheit und leisteten zahlreichen Krankheiten Vorschub, darunter Infektionskrankheiten wie Malaria. Darüber hinaus wirke sich der Klimawandel auch auf die psychische Gesundheit aus.

WHO-Generaldirektor Tedros Adhanom kommentierte, Corona habe die engen Beziehungen zwischen Menschen, Tieren und Umwelt deutlich gemacht. "Die gleichen nicht nachhaltigen Entscheidungen, die unseren Planeten zerstören, zerstören auch Menschen."

Seine Organisation rufe daher alle Länder auf, sich in Glasgow zu entschlossenem Handeln zu verpflichten, um die globale Erwärmung bei 1,5 Grad zu stoppen. Falls die Staaten die Ziele des Pariser Klimavertrages noch erreichten, könnten Millionen Menschenleben gerettet werden, sagte Tedros.

Um das 1,5-Grad-Limit in Reichweite zu halten, müsste der globale CO2-Ausstoß bis 2030 in etwa halbiert werden. Bisher reichen die Zusagen der Regierungen, wenn sie eingehalten werden, dafür bei Weitem nicht aus. Insgesamt wird sogar ein Anstieg der Emissionen bis Ende des Jahrzehnts erwartet.

Neue WHO-Werte auch in Deutschland überschritten

Laut dem WHO-Bericht über Klimawandel und Gesundheit ist allein die Luftverschmutzung, die vor allem durch das Verbrennen fossiler Energien verursacht wird, pro Jahr für den vorzeitigen Tod von fast sieben Millionen Menschen verantwortlich. Das seien 13 Opfer pro Minute.

Ein Umstieg auf CO2-freie Energien würde laut WHO doppelt positive Folgen haben. "Eine Senkung der Luftverschmutzung auf das Niveau der WHO-Leitlinien würde beispielsweise die Gesamtzahl der weltweiten Todesfälle durch Luftverschmutzung um 80 Prozent reduzieren", erläuterte die WHO-Direktorin für Umwelt, Klimawandel und Gesundheit, María Neira. Gleichzeitig würden damit auch die Treibhausgasemissionen drastisch reduziert.

Die Organisation hat die ihre Empfehlungen für Grenzwerte etwa für Feinstaub und Stickstoffdioxid (NO2) erst im letzten Monat deutlich verschärft. Die neuen WHO-Werte werden in vielen Ballungsgebieten und Großstädten praktisch weltweit überschritten. Das gilt nach Angaben des Umweltbundesamtes auch in weiten Teilen Deutschlands.

Der Report kommt zu dem Schluss, dass der Klimaschutz und der Schutz der Gesundheit der Menschen Veränderungen in jedem Sektor nötig mache, darunter Energie, Verkehr, Naturschutz, Nahrungsmittelproduktion und Finanzen. Dabei werde der Nutzen für die öffentliche Gesundheit die Kosten bei Weitem überwiegen. "Nie war es klarer, dass die Klimakrise eine der dringendsten Gesundheitskrisen ist, mit denen wir alle konfrontiert sind", sagte Neira.

In einem Zehn-Punkte-Plan rief die WHO den Glasgow-Gipfel zu einem Klimaschutz auf, der Gesundheit und soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. Dies betreffe unter anderem die Stadt- und Verkehrsplanung, den Schutz von Naturräumen sowie gesunde und nachhaltige Ernährungssysteme.

"Alle Genehmigungen und Finanzierungen streichen"

Parallel zu dem WHO-Bericht wurde ein offener Brief von 450 Organisationen veröffentlicht, die etwa 45 Millionen Fachkräfte aus dem Gesundheitswesen vertreten – drei Viertel des weltweiten Gesundheitspersonals. Er richtet sich ebenfalls an die Delegationen auf dem Klimagipfel.

In dem Brief heißt es: "Wo immer wir Pflege leisten, reagieren wir in unseren Kliniken auf der ganzen Welt bereits auf die gesundheitlichen Schäden, die durch den Klimawandel verursacht werden." Die Klimakrise beschleunige sich schnell und werde "weitaus katastrophaler ausfallen und länger andauern als die Covid-19-Pandemie".

Die Organisationen fordern die reichen Länder auf, bei der Umstellung auf Ökoenergien voranzugehen und ärmeren Ländern dabei zu helfen, ihnen zu folgen. Dazu müssten alle Genehmigungen, Subventionen und Finanzierungen für fossile Brennstoffe gestrichen werden und die Gelder in den Ausbau sauberer Energie umgeschichtet werden.

Außerdem sollten die Länder "klimaresistente, CO2-arme und nachhaltige Gesundheitssysteme" aufbauen. Weiterer Punkt: "Wir fordern die Regierungen auf, auch dafür zu sorgen, dass Investitionen zur Pandemievorsorge Klimamaßnahmen unterstützen und soziale und gesundheitliche Ungleichheiten abbauen."

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