"Alarmstufe Rot" bei den internationalen Klimazielen

Die neuen Klimaziele der Staaten für 2030 bringen kaum etwas, haben die Vereinten Nationen analysiert. Entgegen den Absprachen im Paris-Abkommen haben die meisten Staaten noch nicht einmal welche geliefert.


Patricia Espinosa vor Wand mit Aufschrift
"Wie mit verbundenen Augen ein Minenfeld betreten": UN-Klimachefin Patricia Espinosa kritisiert die Regierungen für ihr Zögern und Zaudern beim Klimaschutz. (Foto: Screenshot/​UNFCCC)

196 Staaten sind Mitglied im Weltklimaabkommen von Paris – aber nur 75 von ihnen haben bislang wie darin versprochen neue Klimaziele für das Jahr 2030 vorgelegt.

Die Vereinten Nationen haben die 75 Pläne nun ausgewertet und kommen zu einem dramatischen Ergebnis: Bis zum Ende des Jahrzehnts würden sie die Treibhausgasemissionen der betreffenden Länder im Durchschnitt nur um ein halbes Prozent gegenüber dem Niveau von 2010 senken – sofern die Ziele überhaupt erreicht werden.

Das steht in krassem Widerspruch zu dem, was aus naturwissenschaftlicher Sicht nötig wäre. Um die Erderhitzung bei 1,5 Grad gegenüber vorindustriellen Zeiten zu begrenzen, ist es laut Weltklimarat nötig, dass die Emissionen in diesem Zeitraum um 45 Prozent sinken, um spätestens 2050 praktisch bei null zu liegen.

Und selbst das reicht wahrscheinlich noch nicht aus. Neuere Berechnungen zum globalen CO2-Budget legen nahe, dass die Reduktion eigentlich noch drastischer ausfallen müsste.

Die UN-Klimachefin Patricia Espinosa äußerte sich entsprechend drastisch. "Im Moment ist es so, als würden wir ein Minenfeld mit verbundenen Augen betreten", sagte sie am Freitag. "Wir brauchen jetzt konkrete Pläne, so schnell wie möglich aus der fossilen Energiegewinnung auszusteigen." UN-Generalsekretär António Guterres sprach von der "Alarmstufe Rot für den Planeten".

Es war die erste richtige Probe für den Pariser Klimavertrag. Das Abkommen macht den Staaten keine Vorgaben, wie stark sie ihre Emissionen senken müssen. Es verpflichtet sie stattdessen, sich selbst entsprechende Ziele zu setzen und diese alle fünf Jahre "zu überprüfen und anzupassen".

Diese Überprüfungsrunde war letztes Jahr zum ersten Mal dran. Mit der regelmäßigen Anpassung der Ziele soll nach und nach erreicht werden, dass die Staaten Maßnahmen ergreifen, mit denen die Erderhitzung möglichst bei 1,5 Grad begrenzt wird, auf jeden Fall aber bei "deutlich unter zwei Grad".

"Die Regierungen versagen"

Die katastrophale Bilanz der neuen Klima-Zusagen kommt auch daher, dass etliche von ihnen gar keine Verbesserung gegenüber den fünf Jahre alten Zielen bedeuten.

Das Team des Climate Action Tracker, eines Projekts der deutschen Denkfabriken Climate Analytics und New Climate Institute, hat sich das für die einzelnen Länder genauer angesehen. Den EU-Staaten sowie Argentinien, Chile, Großbritannien, Kenia, Norwegen und der Ukraine attestieren die Wissenschaftler:innen zumindest eine deutliche Steigerung gegenüber den bisherigen Plänen.

Australien, Japan, Neuseeland, Russland, die Schweiz und Südkorea hingegen ruhen sich laut der Analyse praktisch auf ihrem alten Niveau aus.

Nicht nur auf diese Länder kommt es nun an, sondern natürlich auch auf den großen Rest, der gar kein neues Ziel abgegeben hat, das man bewerten könnte. Darunter sind Schwergewichte wie China und die USA. Beide Länder haben allerdings angekündigt, bald nachzuziehen.

Insgesamt liegt zwar mehr als nichts auf dem Tisch der Klima-Versprechen. Denn auch die Staaten, die sich im vergangenen Jahr nicht gerührt haben, hatten beim Abschluss des Paris-Abkommens schon erste Ziele vorgelegt. Würden alle Länder nur die damals abgegebenen Zusagen einhalten, liefe das aber nach verschiedenen wissenschaftlichen Abschätzungen auf eine Erderhitzung zwischen drei und vier Grad hinaus.

"Der Bericht zeigt in krassen Zahlen, wie die Regierungen dabei versagen, die Klimakrise zu stoppen", sagte Tasneem Essop, die Chefin des internationalen Klima-Dachverbands Climate Action Network (CAN). "Mit ihren bedauerlich schwachen Klimazielen ziehen große Emittenten wie Japan, Australien und Brasilien die globalen Ambitionen herunter, während sie eigentlich eine Führungsrolle einnehmen sollten."

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