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Physik oder Ideologie? Wie man Begriffe verbiegt, um vergangene Träume weiterzuträumen

Auch in der Energiekrise werden polemische Verdrehungen genutzt, um Sachargumenten auszuweichen. Wer Klimaschutz fordert, gibt sich demnach einer fehlgeleiteten Ideologie hin – wer an Kohle, Atom und Gas festhält, steht angeblich auf dem Boden der Physik. Diese Begriffsverkehrungen halten gefährliche Träume lebendig.


Dunkle Silhouette eines Mannes mit Brille, der auf ein Diagramm mit ökonomischen Zahlen schaut. Anstelle seines Gehirns ist ein Wirbelsturm abgebildet.
Physik wird als Ideologie diskreditiert, Ideologie als Physik verkauft. (Bild: Golden Dayz/​Shutterstock)

Könnten Begriffe sich gegen Missbrauch wehren, hätten die Physik und die Ideologie gerade keine ruhige Minute mehr.

In digitalen Netzwerken, in den Medien, in der politischen Diskussion werden beide immer noch und immer wieder für Kämpfe missbraucht, die längst entschieden sein sollten.

Wer beispielsweise gegen den schnellstmöglichen Ausbau regenerativer Energien ist, argumentiert, dass es die Physik sei, die ein erneuerbares Energiesystem verhindere: Strom aus Wind und Sonne fluktuiere eben. Ohne Erdgas, Kohle und Atomkraft könne daher ein Energiesystem nicht funktionieren, zumindest nicht vor 2050. Wo sollen schließlich die ganzen Speicher herkommen? Und wo der ganze Strom für die Wärmepumpen? Das sei doch alles nicht machbar.

Um nur ein Beispiel zu nennen: Der Comedian Vince Ebert lässt sich beim Werben für sein neues Buch durch die Presse reichen mit Schlagzeilen wie: "Wind und Sonne sind einfach nicht grundlastfähig." Erstaunliche Erkenntnisdichte.

Spoiler: Die Fluktuationen der erneuerbaren Energien gleicht man durch Sektorenkopplung, Flexibilitätsanreize und Speicher aus. Ist nicht neu, zigfach fundiert gerechnet worden und zukünftig ein gutes Geschäft. Man muss es nur wollen.

Auch wer ganz besonders krampfhaft die Augen vor der Klimakatastrophe verschließen und an unserer heutigen Wirtschafts- und Lebensweise festhalten will, hat einen sprachlichen Kniff: Er oder sie argumentiert, dass es doch "reine Ideologie" sei, auf echten Klimaschutz und eine Turbo-Energiewende zu drängen.

"Werd' du erst mal erwachsen"

Ebenso ideologisch ist es demnach, unbequeme Wahrheiten auszusprechen und alte Wirtschaftslogiken infrage zu stellen. Für Friedrich Merz scheint fast alles, was kein "Zurück in die gute alte Zeit" ist, im negativen Sinne ideologisch.

Christian Lindner bemüht aktuell die Ideologie als einzig denkbaren Grund, gegen Fracking in Deutschland zu sein. In der Sache sei hierzu nur gesagt, dass die Klimabilanz von Fracking-Gas schlecht ist und wir das Gas gar nicht mehr verwenden dürfen, wenn es endlich mal erschlossen wäre. Wir haben schon genügend stranded investments in LNG-Infrastruktur, da brauchen wir nicht noch mehr in nicht zukunftsfähige eigene Gasförderung.

Der Begriffsmissbrauch dient immer demselben Zweck: den Absender ins Recht zu setzen – als angeblich hoch rational, der Physik und der Realität verpflichtet, immun gegen bloße Ideen und (Irr-)Glauben. Und den Empfänger als naiv abzustempeln und unter Rechtfertigungsdruck zu setzen. "Werd' du mal erwachsen, dann siehst du schon, dass das nur Flausen sind."

Dass viele faktische Entwicklungen der letzten Jahrzehnte die umgekehrte Rollenverteilung belegen – geschenkt. Mitte der 1990er Jahre war sich beispielsweise die deutsche Energiewirtschaft noch sicher, dass Wind und Sonne nie mehr als vier Prozent der Stromversorgung ausmachen können.

Es ist nur ein Jahrzehnt her, da schimpfte der damalige Vorstandsvorsitzende von RWE "Solarenergie in Deutschland ist so sinnvoll, wie Ananas züchten in Alaska." Er sprach da immer noch für die Mehrheit in Deutschland. Und vor nicht einmal zehn Jahren warnte Angela Merkel noch beim Energieverband BDEW vor zu hohen Erwartungen mit Blick auf die Erneuerbaren.

Heute sind wir stolz und sehr froh, dass wir über 50 Prozent erneuerbaren Strom im Netz haben. War da was?

Grenzenloses Wachstum ist pure Ideologie 

Dass so vieles, wofür man vor einigen Jahren noch angegriffen oder ausgelacht wurde, heute als "Mainstream" gilt, dass uns die Physik und der Erfolg offenbar recht gegeben haben – wir stehen darüber. Hier soll es um den Mechanismus selbst gehen.

Denn die Beispiele von Ebert, Merz, Lindner und Co zeigen, dass in der öffentlichen Wahrnehmung das Spiel mit dem heiteren Etikettenkleben, mit den falschen Rollenzuschreibungen und dem Missbrauch von Physik und Ideologie immer noch gerne gespielt wird und allzu oft verfängt.

Tim Meyer

hat Elektro­technik studiert und am Fraunhofer-Institut für Solare Energie­systeme (ISE) promoviert. Nach Tätigkeiten in der Fraunhofer-Gesellschaft, der Industrie und als Gründer im Solar­strom­markt war er zuletzt Vorstand bei der Natur­strom AG. Heute ist er als Berater und Interims­manager für Energie­unter­nehmen tätig.

Wenn wir also in der Debatte ohne Physik und Ideologie nicht auskommen, hier mein alternatives Angebot zur Verwendung beider Begriffe.

Die Physik weiß seit über 100 Jahren, dass die massenhafte Verbrennung fossiler Energieträger die Erdatmosphäre erwärmt. Seit Jahrzehnten liefert die Physik immer detailliertere und immer erdrückendere Erkenntnisse darüber, wie drastisch die Klimakatastrophe den Planeten und unser aller Leben verändern wird. Es ist die seit Jahrzehnten vorherrschende Ideologie vom entfesselten Kapitalismus, von unbegrenztem Wachstum und billiger Energie, die uns in die aktuelle Sackgasse geführt hat.

Längst wissen wir, dass wir mit dieser Ideologie nicht nur beim Klima, sondern auch industrie- und geopolitisch "auf Pump" gelebt haben. Wir bezahlen heute und zukünftig den Preis unseres Wohlstandes der letzten Jahrzehnte. Der alte Traum, Wachstum und Wohlstand wie von Zauberhand aus unbegrenzten Ressourcen schöpfen zu können, ist ausgeträumt. Auch die Umwelt stellt eine Rechnung – es dauert lediglich etwas länger und sie trifft nicht nur die Verursacher, sondern alle.

Eine ökologische Wirtschaftsrevolution

Den längst überfälligen, tiefgreifenden Wandel in unserem Denken und Handeln jetzt nicht mit maximaler Geschwindigkeit voranzutreiben, sich jetzt nicht der wichtigen und harten Diskussion über die Verteilung von Wohlstand und Gerechtigkeit zu stellen, ist verantwortungslos.

Und nicht nur das: Es ist hochgradig irrational.

Es zeugt davon, in wie in breiten Teilen des politischen, medialen und gesellschaftlichen Raumes immer noch der Traum von unbegrenztem Wachstum und Trickle-down-Wohlstand, von unbegrenzten und kostenlosen Ressourcen den Blick auf die Realität vernebelt. Und wie mächtig der Irrglaube ist, Ökologie und erfolgreiches Wirtschaften seien Widersprüche.

Dabei kann uns heute nur noch eine echte ökologische Wirtschaftsrevolution vor einem dramatischen Klimakollaps retten und gleichzeitig neue Wirtschaftsgrundlagen schaffen. Wir müssen die ganze Wirkmacht marktlicher und kapitalgetriebener Mechanismen für einen radikal schnellen Umbau unserer Wirtschaft nutzen – und werden das größte nur denkbare Zukunftsprogramm für unsere Unternehmen ernten.

Das muss doch alles auch etwas kleiner und langsamer gehen? Der "Earth Overshoot Day", an dem die Welt ihre Jahresreserven für ein ökologisches Wirtschaften aufgebraucht hatte, war dieses Jahr am 28. Juli. Das ist Physik. Mehr muss man eigentlich nicht sagen.

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