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Fast zwei Erden nötig

Der "Earth Overshoot Day" wurde wieder einen Tag früher erreicht. Ein Teil der Menschheit lebt weiter auf viel zu großem Fuß. Der Metallverbrauch muss dringend gesenkt werden, warnen Nichtregierungsorganisationen.


Satellitenaufnahme der Carajás-Mine in Brasilien
Satelliten-Aufnahme der Carajás-Mine im Norden Brasiliens: Eisenerz und andere Rohstoffe werden hier gefördert. (Foto: Jesse Allen/​NASA)

Der "Earth Overshoot Day" ist da. Am heutigen Donnerstag hat die Menschheit alle natürlichen Ressourcen verbraucht, die die Erde in diesem Jahr erzeugen und erneuern kann. Das heißt: Für den Rest des Jahres leben wir aus ökologischer Sicht auf Pump.

NGOs fordern, gerade Deutschland als führendes Industrieland – und zum Beispiel fünftgrößter Metallverbraucher der Welt ­– müsse dafür sorgen, dass die Rohstoffnutzung sinkt.

Der globale Ressourcenverbrauch ist so hoch, dass eigentlich 1,75 Erden nötig wären, um ihn nachhaltig zu decken. Auch 2022 steigt er weiter an, so dass der "Erdüberlastungstag" erneut einen Tag früher im Jahr erreicht wird, am 28. Juli. Bei seiner ersten Berechnung 1987 fiel der Overshoot Day noch auf Anfang Dezember.

Der Trend geht also weiter in die falsche Richtung, unterbrochen wurde er in den letzten Jahrzehnten nur durch große ökonomische Verwerfungen wie die beiden Ölkrisen in den 1970er Jahren, die Weltfinanzkrise 2008/2009 und zuletzt die Corona-Pandemie, als in den Lockdowns die Industrieproduktion und der Verkehr heruntergefahren wurden.

Der Erdüberlastungstag wird von der US-Organisation Global Footprint Network berechnet. Sie stellt dabei zwei Größen gegenüber: einerseits die biologische Kapazität der Erde zum Aufbau von Biomasse und anderen Rohstoffen sowie zur Aufnahme von Emissionen und Müll, andererseits den Gesamtbedarf an Ressourcen wie Ackerland, Wäldern oder Wasser, die die Menschheit für ihre Lebens- und Wirtschaftsweise in Anspruch nimmt.

Das Network nutzt das dafür das Konzept des "ökologischen Fußabdrucks", quasi ein Buchhaltungssystem für die natürlichen Ressourcen.

Umweltverbände sehen die aktuellen Nachrichten als Beleg für die Übernutzung des Planeten. Der Vorsitzende des BUND, Olaf Bandt, sagte: "Hitzesommer und Überschwemmungen, brennende Wälder in Deutschland, Südeuropa und Kalifornien: Das Klima ist aus den Fugen, die Warnlampen des Planeten leuchten dunkelrot."

Die Auswirkungen der Klimakrise und des weltweiten Artensterbens müssten unverzüglich begrenzt werden, so Bandt. "Wir alle zahlen die Zeche für vermeintliche Freiheiten ohne Verzicht. Vor allem aber leben wir auf Kosten unserer Kinder und Enkel", mahnte er. Seit dem russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine zeige sich besonders eindringlich, "wie verletzlich unsere Rohstoffversorgung ist und wie abhängig unser Lebensstil davon".

Deutsche Wirtschaft braucht drei Planeten

Tatsächlich hat der Raubbau an der Erde in den letzten 50 Jahren deutlich zugenommen. In den 1960ern übertraf die Neubildung der Ressourcen laut den Network-Berechnungen global gesehen noch die Nutzung. 1971 war der Overshoot Day dann bereits am 21. Dezember erreicht. Inzwischen ist er fünf Monate nach vorne gerückt.

Zwar ist seit dem UN-Erdgipfel in Rio de Janeiro 1992 das Bewusstsein weltweit gestiegen, dass die globalen Ressourcen übernutzt werden. Doch trotz der damals verabschiedeten Konventionen zu Klima, Biodiversität und gegen Wüstenbildung sowie Initiativen zum Waldschutz wurde der Raubbau nicht gebremst.

Heute gibt es weltweit kein Land, das die grundlegenden Bedürfnisse seiner Einwohner erfüllt, ohne die ökologischen Grenzen zu sprengen. Deutschland strapaziert sie dabei deutlich stärker als der Durchschnitt.

Nach den Network-Berechnungen wären sogar drei Planeten notwendig, wenn alle Länder so wirtschaften und konsumieren würden wie die Deutschen. Der deutsche Erdüberlastungstag war in diesem Jahr denn auch schon am 4. Mai. Bei einer Lebensweise wie in den USA bräuchte die Menschheit sogar fünf Erden, beim Modell des Schwellenlandes China wären es mehr als zwei.

Deutschland trägt also durchaus eine große Verantwortung bei der Ressourcennutzung, da es als Rohstoffimportland einen Großteil von den ökologischen Folgen quasi "exportiert".

"Metalle im Kreislauf führen"

Die deutschen Entwicklungsorganisationen Inkota und Powershift fordern die Bundesregierung anlässlich des Overshoot Days dazu auf, endlich eine "Rohstoffwende" einzuleiten.

Bei der geplanten Überarbeitung der deutschen Rohstoffstrategie müsse dort zum Beispiel die Reduktion des Verbrauchs von Metallrohstoffen auf ein global verträgliches Maß verankert werden, und zwar nicht nur aus ökologischen Gründen, denn Bergbau sei auch "mit gravierenden Menschenrechtsverletzungen in den Abbauregionen" verbunden.

Deutschland ist laut Powershift der fünftgrößte Metallverbraucher der Welt. Global seien allein der Abbau und die Weiterverarbeitung von Eisenerz zu Stahl und von Bauxit zu Aluminium für mindestens elf Prozent der CO2-Emissionen verantwortlich. Hier gebe es enorme Einsparmöglichkeiten durch Recycling, die Metalle müssten "im Kreislauf geführt" werden.

Die Ampel hat im Koalitionsvertrag festgelegt, dass der Verbrauch an primären Rohstoffen gesenkt und die abfalllose Kreislaufwirtschaft gestärkt werden soll. Aktuell plant sie, die deutsche Rohstoffstrategie aus dem Jahr 2020 zu überarbeiten.

Powershift-Experte Michael Reckordt sagte dazu: "Im Sinne der Klima- und Ressourcengerechtigkeit muss die Bundesregierung ihren Worten jetzt Taten folgen lassen und die deutsche Rohstoffstrategie nachhaltiger ausrichten." Nötig sei eine "echte Rohstoffwende" mit konkreten Zielen für die Verringerung des Metall-Rohstoffverbrauchs.

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