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"Das Ende der Kohleverstromung, wie wir sie kennen"

Das neue EU-Klimaziel von 55 Prozent CO2-Reduktion könnte die Emissionszertifikate verknappen und den CO2-Preis nach oben treiben, sagen Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung. Das könnte Kohle und teilweise auch Erdgas schon bis 2030 aus dem Markt kegeln.


Kohlekraftwerk Lünen
Vergangenheit: Das Kraftwerk Lünen wurde vor einem Monat gesprengt. Auch die anderen Kohlekraftwerke könnten noch in dieser Dekade vom Netz gehen. (Foto: Daniel Grothe/Flickr)

Den Kohleausstieg noch für dieses Jahrzehnt zu fordern gehört mittlerweile schon zum guten Ton.

Die jüngste Studie dreier Klima-Thinktanks sieht 2030 als Zielmarke für das Ende der Kohleverstromung.

"Der Kohleausstieg wird schneller kommen als bisher geplant", meinte kürzlich Bundesumweltministein Svenja Schulze (SPD) und verlegte den Termin auf 2030 nach vorn.

Selbst Betreiber von Kohlekraftwerken zeigen sich mehr und mehr aufgeschlossen, ihre fossilen Verbrennungsanlagen nicht mehr unbedingt bis 2038 betreiben zu müssen.

Ein Grund ist das neue EU-Klimaziel mit einer CO2-Einsparung von 55 Prozent bis 2030. Wird das wirklich konsequent umgesetzt, ergibt sich der Kohleausstieg bis 2030 beinahe zwangsläufig, hat nun ein Team des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) ausgerechnet.

Denn mit dem 55-Prozent-Ziel könnte sich der CO2-Preis im EU-Emissionshandel in diesem Jahrzehnt auf rund 130 Euro pro Tonne verdreifachen. Das würde die Kohleverstromung in Europa beenden, und auch die Stromerzeugung aus Erdgas würde unter 40 Prozent des Standes von 2015 fallen, sagen die Potsdamer Forscher in einer jetzt veröffentlichten Studie voraus.

Die Modelle, mit denen die Umsetzung des Klimaziels simuliert wurde, zeigten, dass die erneuerbaren Energien bereits 2030 fast drei Viertel der Stromerzeugung ausmachen würden, sagte Studienautor Robert Pietzcker vom PIK. Schon 2040 könnte dann der Stromsektor emissionsfrei sein. "Wenn der Wandel erst einmal eingeleitet ist, wird er in beispielloser Weise an Geschwindigkeit gewinnen."

Die Modelle berücksichtigten dabei unterschiedlich scharfe Emissionsminderungen, eine sich aus der Sektorkopplung ergebende höhere Stromnachfrage sowie den europaweiten Ausbau der Stromnetze. Einberechnet wurden auch Auswirkungen einer möglichen Nichtverfügbarkeit neuer Kernkraftwerke sowie von CCS-Kraftwerken.

Auch kein Ersatz durch Gaskraftwerke

Das 55-Prozent-Ziel werde sich massiv auf den Stromsektor auswirken, betonte auch Studienautor Sebastian Osorio vom PIK. Beim bisherigen EU-Klimaziel von minus 40 Prozent werde erwartet, dass der CO2-Preis im EU-Emissionshandel bis 2030 auf 35 Euro pro Tonne steigt. Bei minus 55 Prozent werde sich der CO2-Preis aber mehr als verdreifachen – auf rund 130 Euro pro Tonne.

"Das wäre das Ende der Kohleverstromung, wie wir sie kennen", sagte Osorio. Voraussichtlich würden dann 2030 EU-weit nur noch 17 Milliarden Kilowattstunden auf dieser fossilen Basis erzeugt, lediglich zwei Prozent der entsprechenden Strommenge von 2015.

"Anders als das in den letzten Jahren zu beobachten war, wird das Ende der Kohle allerdings nicht dazu führen, dass in Zukunft mehr Strom in Gaskraftwerken erzeugt wird", ergänzte Pietzcker. "Bei CO2-Preisen von über 100 Euro pro Tonne CO2 erwarten wir, dass die gasbasierte Stromerzeugung bis 2030 auf weniger als 40 Prozent des Wertes von 2015 sinkt – und bis zum Jahr 2045 sogar auf weniger als vier Prozent."

PIK-Forscher Pietzcker sieht auf Nachfrage auch keine entscheidenden Trends, die diese Entwicklung verhindern könnten. In den Modellen seien fast alle aktuellen Länder-Kohleausstiegspläne in Europa berücksichtigt worden. Selbst wenn einige Staaten einen noch schnelleren Kohleausstieg beschließen und vollziehen würden, wäre der Effekt durch zusätzlich frei werdende Zertifikate auf die CO2-Preise gering.

"Unter einem verschärften Emissionshandels-Ziel würden 2030 so oder so fast alle Kohlekraftwerke durch den Preis aus dem Markt gedrückt", erklärt Pietzcker.

Einbeziehen von Verkehr und Gebäuden ändert Trend nicht

Auch ein Einbeziehen der Bereiche Verkehr und Gebäude ins bestehende Emissionshandelssystem oder der Aufbau eines eigenen Emissionshandels für Verkehr und Gebäude würde an der Entwicklung nichts Grundlegendes ändern, meint der PIK-Forscher. In dem Fall, dass Verkehr und Gebäude ins jetzige System einbezogen werden, würde der CO2-Preis "aller Wahrscheinlichkeit nach noch deutlich stärker steigen als auf die 130 Euro".

Ein Grund dafür ist Pietzcker zufolge, dass Emissionen im Verkehr und bei Gebäuden zurzeit noch weniger stark auf CO2-Preise reagieren als im Stromsektor. Das liege am Verhältnis des CO2-Preises zu den Gesamtkosten des jeweiligen Energieträgers.

Ein Aufschlag von 100 Euro je Tonne CO2 erhöhe den Benzinpreis um etwa 29 Cent je Liter, also um etwa ein Fünftel des heutigen Niveaus. Derselbe CO2-Preis steigere die variablen Kosten von Braunkohlestrom von etwa zwei auf zwölf Cent je Kilowattstunde, also auf das Sechsfache. "Entsprechend ist die Wirkung des CO2-Preises deutlich stärker", betont Pietzcker.

Ein weiterer Grund, warum sich hohe CO2-Preise im Verkehr weniger bemerkbar machen: Dort sind alternative Technologien wie die E-Mobilität noch nicht so ausgereift.

"Auch wenn bei einigen Batterieautos in den nächsten Jahren der Punkt erreicht wird, wo die gesamten Lebenszykluskosten günstiger sind als bei Verbrennerautos, erschweren die doch anfangs immer noch höheren Investitionskosten den Einstieg in die E-Mobilität", sagt Pietzcker.

Zudem stecke die Stromerzeugung schon mitten in der Transformation, dort werde seit Jahren in die Anpassung der Infrastruktur investiert. "Im Verkehrssektor wird erst jetzt langsam Ernst gemacht mit der Bereitstellung von Ladeinfrastruktur und der Verbesserung des öffentlichen Verkehrs und der Fahrradinfrastruktur in Städten."

"Anleger können keine CO2-Zertifikate erschaffen"

Auch dass derzeit viele institutionelle Anleger den Emissionshandel für sich als Spiel- und Gewinnfeld entdeckt haben, verändert für den PIK-Forscher die grundlegenden Trends nicht. "Kurzfristig kann dadurch eine sehr hohe Unsicherheit entstehen – langfristig treiben diese Aktivitäten den Preis höchstens nach oben. Anleger können keine neuen Zertifikate erschaffen. Die durch die Kürzungen im EU-Emissionshandel geschaffene Knappheit bleibt bestehen."

Zu guter Letzt, so Pietzcker, könnten sich auch fossile Stromversorger nicht dauerhaft von der Entwicklung der CO2-Preise abkoppeln, indem sie sich jetzt mit relativ preiswerten Zertifikaten eindecken und sich entsprechende Optionen auf die Zukunft sichern. "Die Reichweite dieser 'Vorsorge' liegt im Schnitt bei einem bis drei Jahren und wird längst nicht von allen Marktakteuren betrieben", so seine Einschätzung. Entsprechend gering sei die Auswirkung auf die mittelfristigen Preise bis 2030.

Auch mithilfe von Optionsgeschäften auf Zertifikate lasse sich die fundamentale Verknappung durch ein Green-Deal-konformes Kürzen bei den Emissionsrechten nicht verändern und damit auch der Marktpreis nicht, betont Pietzcker.

"Es gibt dann einfach ein paar wenige glückliche Firmen, die sich sehr günstig mit Optionen auf Zertifikate eingedeckt haben und die dann überlegen können, ob sie die Zertifikate nutzen, um ihre Kohle zu verstromen, oder lieber einen höheren Gewinn machen, indem sie die Emissionsrechte zu Marktpreisen verkaufen."

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