Das Konto "Erde" ist überzogen

Die Menschheit hat ihr ökologisches Jahresbudget am heutigen Tag ausgeschöpft. Schon nach einem guten halben Jahr sind mehr Ressourcen verbraucht, als die Erde in einem Jahr bereitstellen kann. Würde die ganze Welt nach deutschen Verhältnissen leben, bräuchten wir drei Erden.


Sonnenaufgang und die Erde
Die Erde ist überlastet, die Ressourcen für 2019 sind aufgebraucht. (Foto: Orlando Piro 4D/​Pixabay)

Hitzewellen, Eisschmelze, Waldsterben – dass wir über unsere Verhältnisse leben, ist sichtbar und nun auch datiert. Der "Erdüberlastungstag" fällt dieses Jahr auf den 29. Juli, errechnete die internationale Denkfabrik Global Footprint Network.

Das Ressourcenbudget der Weltbevölkerung wurde damit drei Tage früher verbraucht als im letzten Jahr. Der jetzige Lebensstandard der Menschen benötige im Durchschnitt 1,75 Erden, in Deutschland seien es sogar drei Planeten.

Die Berechnungen für das Überlastungsdatum erfolgen auf Grundlage des ökologischen Fußabdrucks. Diese Kennzahl stellt die Fläche dar, die notwendig ist, um den Lebensstil von Menschen oder Ländern zu ermöglichen. Eingerechnet werden hier zum Beispiel der Bedarf an Nahrung, Holz oder Energie, aber auch Flächen wie Wälder, die Kohlenstoff binden.

Wenn dieser meist in Hektar gemessene Fußabdruck die Menge der Ressourcen übersteigt, die die Erde in einem Jahr erzeugen kann, entsteht ein Defizit. Daraus ergibt sich der Erdüberlastungstag oder englisch Earth Overshoot Day als der Tag im Jahr, an dem die Ressourcen rechnerisch aufgebraucht sind.

Der Tag wird seit den 1970ern errechnet, damals wurde er allerdings erst wenige Tage vor Silvester erreicht. Seither erzwingt die Weltbevölkerung – oder ihr verschwenderischer Teil – den Überlastungstag immer früher: 1980 war er Anfang November, 2005 im August und im letzten Jahr am 1. August.

Während Länder wie Uruguay, Gabun oder Finnland weniger Ressourcen verbrauchen, als unser Planet zur Verfügung hätte, überschreiten Länder wie Deutschland, China oder Ägypten die ökologische Kapazität der Erde um ein Mehrfaches.

Für Eon ein Anlass zur Produktwerbung

In der Bundesrepublik überziehen Industrie und Bevölkerung das Ressourcenbudget vor allem aufgrund ihres viel zu hohen CO2-Ausstoßes, wie der Vorsitzende des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger, betonte. "Von der Bundesregierung erwarten wir, dass sie eine ökologisch und sozial nachhaltige Entwicklung endlich zur politischen Maxime macht."

Der BUND fordert eine Verkehrs- und Agrarwende und auch einen Kohleausstieg bis 2030. Nach den bisherigen Plänen will Deutschland erst 2038 endgültig aus der Kohle aussteigen.

Für den größten deutschen Energiekonzern Eon ist der Erdüberlastungstag Anlass für Eigenwerbung. Nach eigenen Berechnungen könne jeder Stromverbraucher durch den Wechsel zu Eon-Ökostrom den Erdüberlastungstag um zwei Tage nach hinten verschieben, teilte das Unternehmen mit.

Energiewendeexperten und unabhängige Ökostromer bestreiten allerdings, dass die von Eon und anderen konventionellen Energieunternehmen mit großem Aufwand als Ökostrom angebotenen Produkte wirklich die Energiewende voranbringen.

Lange Zeit betrieb Eon auch Kohlekraftwerke. Im Jahr 2016 hat der Konzern seine gesamten Kraftwerksgeschäfte an das Unternehmen Uniper abgespalten. Kritiker sehen in dem Unternehmen eine Art Resterampe.

"Deutschland muss sich von Wachstumsbesessenheit befreien"

Der Kampf um Klima- und Ressourcenschutz ist den Initiatoren des Earth Overshoot Day zufolge aber noch nicht verloren. Sie sind sich sicher, dass das Defizit zwischen der Nachfrage und den verfügbaren Ressourcen wieder ausgeglichen werden kann. Dafür müsste die Weltbevölkerung jedoch einen nachhaltigen Lebensstil führen und auf fossile Energieträger wie Kohle, Öl und Gas verzichten.

Das Global Footprint Network fordert eine politische Kehrtwende vor allem in den Ländern mit hohem Ressourcenverbrauch. "Statt ökologisch gegen die Wand zu fahren, wäre es für Deutschland von Vorteil, wenn sich seine Regierung für eine wesentlich ambitioniertere Energie-, Verkehrs- und Agrarpolitik stark machen und sich von der ressourcenintensiven und wachstumsbesessenen Wirtschaftsweise befreien würde", sagte Mathis Wackernagel vom Global Footprint Network.

Der BUND schließt sich der Forderung an. "Unsere Erde ist kein Konto, dass wir ohne Konsequenzen Jahr für Jahr überziehen können", mahnte BUND-Chef Weiger. "Bald haben wir alle Reserven aufgebraucht, wir sind auf dem direkten Weg in den ökologischen Ressourcen-Bankrott."

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