Jeder zweite Euro bald nachhaltig angelegt

Anlageprofis erwarten eine große Umschichtung. Auch die Europäische Zentralbank will die Ampel auf "grün" stellen. Geht es um handfeste Kriterien, wird aber manche Produktbeschreibung windelweich – und die neuen EU-Regeln werden nur Mindeststandards setzen.


Grafik: Eine Pflanze wächst aus einem Haufen Geldscheine
Grafik: Kristin Rabaschus

"Die Europäische Zentralbank heizt die Klimakrise an", ist das Koalakollektiv überzeugt. Zusammen mit anderen Aktivisten demonstrierte daher die Gruppe aus Frankfurt am Main mit einem brennenden Globus kürzlich vor der Zentrale der Europäischen Zentralbank (EZB).

Die internationale Finanzindustrie habe einen erheblichen Einfluss darauf, in welche Richtung sich die Wirtschaft entwickle. Doch die EZB stecke viele Milliarden in klimaschädliche Industrien. Damit befeuere sie die "Zerstörung unserer Lebensgrundlagen – mit öffentlichen Geldern".

Im Zentrum der Kritik stehen die Anleihekäufe der EZB. Als Spätfolge der Finanzkrise kauft die Zentralbank seit 2015 Anleihen von Unternehmen. Ziel dieser eher ungewöhnlichen geldpolitischen Maßnahme ist es, den Euro als stabile Währung zu erhalten. Bislang sind seither mehr als 200 Milliarden Euro in Unternehmensanleihen geflossen.

Tatsächlich profitieren davon bislang vor allem Sektoren mit großem CO2-Fußabdruck. Das belegt eine neue Studie von Greenpeace, die gemeinsam mit der New Economics Foundation und drei englischen Universitäten erarbeitet wurde. Weit mehr als die Hälfte der von der Zentralbank erworbenen Unternehmensanleihen (63 Prozent) stammt aus wenigen Sektoren, die mit ihrem CO2-Ausstoß massiv zum Klimawandel beitragen.

EZB-Chefin will Klimarisiken mindern

Geldpolitiker und Ökonomen streiten derweil über klimaorientierte Wertpapierkäufe der Notenbank. Schließlich sei die EZB rechtlich allein der Preisstabilität verpflichtet. Außerdem fehle ihr die demokratische Legitimation für eine "grüne" Geldpolitik.

Andererseits will EZB-Präsidentin Christine Lagarde mehr Nachhaltigkeit. Schließlich stellten Klimarisiken zunehmend ein betriebswirtschaftliches Risiko für Banken und damit für die Geldpolitik dar. Daher könnte eine "grüne" Geldpolitik sehr wohl der Preisstabilität nützen.

Lagarde hatte vor diesem Hintergrund 20 nichtstaatliche Organisationen aus der Eurozone für Ende Oktober nach Frankfurt am Main eingeladen. Seit Januar dreht die EZB-Chefin jeden Stein in ihrem Haus um. Am Ende soll dann eine zukunftsfähige Strategie herauskommen. Dabei geht es den Zentralbankern vor allem um das Inflationsziel von bisher "unter, aber nahe zwei Prozent". Ein Ziel, das in der Vergangenheit häufig verfehlt wurde.

Aber es geht in der Strategiediskussion auch um neue Herausforderungen für die Geldpolitik, wie eben Klimafragen oder die sozialen Auswirkungen der extrem niedrigen Zinssätze auf die Gesellschaft. Sie treiben letztlich die Aktienkurse hoch, was vor allem dem reichsten einen Prozent der Bevölkerung zugutekomme, kritisierte die Organisation Positive Money auf dem EZB-Treffen.

Finanzprofis rufen Ära der Nachhaltigkeit aus

Das Meeting war Teil der Aktion "Die EZB hört zu". Dabei haben der Zentralbank zufolge mehr als 3.000 Menschen ihre Meinung zu der künftigen EZB-Strategie geäußert. Bis Ende Oktober war dafür ein Webportal geöffnet. Demnächst sollen die Ergebnisse in einem Bericht veröffentlicht werden.

Lagarde folgt mit ihrem Green-Deal-Versuch einem jungen Megatrend. Erst im September hatte die Bundesregierung die erste grüne Bundesanleihe erfolgreich unter internationalen Großbanken platziert. Eine zweite wurde Anfang November ausgegeben, weitere sollen folgen. Die EZB wiederum will solche und auch andere grüne Anleihen zukünftig als Pfänder akzeptieren (im Gegenzug erhalten Banken Geld geliehen).

Lange Zeit galten nachhaltige Finanzanlagen – wie ehedem regenerative Energien – als Nischenprodukte für gesellschaftliche Außenseiter. Nun erwarten profitorientierte Profis in Banken und Fonds einen Paradigmenwechsel: Innerhalb von nur fünf Jahren werde die Hälfte des Vermögens in europäischen Investmentfonds nachhaltig angelegt sein. Das geht aus einer Umfrage der Beratungsgesellschaft PwC unter 200 Vermögensverwaltern, 300 institutionellen Investoren und 800 Privatkundenbetreuern hervor.

Und auch in Deutschland wächst dieser sogenannte ESG-Fondsmarkt "dynamisch", so der Fondsverband BVI. Das in nachhaltigen "ESG-Fonds" angelegte Vermögen habe inzwischen die Marke von 100 Milliarden Euro überschritten. Getrieben wird der Markt von der Nachfrage in aller Welt. Europas Fondsanbieter hoffen, durch ihre grüne Wende auf dem Weltmarkt eine Führungsposition zu erreichen.

Zu grün, um wahr zu sein

Die Richtung stimmt also. Doch klingen solche Erfolgsmeldungen viel zu grün, um wahr zu sein. Das Kürzel ESG steht in der Finanzwelt für Kriterien in den Bereichen Umwelt, Soziales und Unternehmensführung, englisch environmental, social and corporate governance. Doch was genau damit gemeint ist, regeln Banken, Versicherer und Fondsgesellschaft mehr oder weniger nach eigenem Gusto.

Daneben gibt es einen unübersichtlichen Wildwuchs an internationalen Initiativen und nationalen Siegeln. Viele Manager orientieren sich dann zwar an den Prinzipien für verantwortliches Investieren der Vereinten Nationen, kurz UN PRI. Aber spätestens, wenn es um die Umsetzung in handfeste Produkte geht, wird manche nett zu lesende Produktbeschreibung windelweich.

Die EU gibt sich derzeit Regeln für nachhaltiges Investieren. Sie möchte über die Lenkung der Kapitalströme erreichen, dass nachhaltige Wirtschaftsbereiche und Produktionsverfahren unterstützt werden. Ziel: Die EU-Wirtschaft soll bis 2050 klimaneutral werden. Die Vorlagen dazu werden von den drei EU-Aufsichtsbehörden entwickelt und werden wohl frühestens Ende Januar vorliegen. Im März sollen sie eigentlich in Kraft treten.

Bislang sind die Kriterien in einzelnen Ländern, um als grüner ESG-Fonds zu gelten, sehr unterschiedlich. Letztlich droht eine Sturzgeburt, wie sie einst die Einführung des Euro war. Mehr als Mindeststandards darf ohnehin niemand von der EU und ihren so unterschiedlichen 27 Mitgliedsstaaten erwarten.

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