Siemens hält an Kohleprojekt fest

Der Münchner Technologiekonzern will seinen Auftrag in Zusammenhang mit der neuen Carmichael-Kohlemine in Australien trotz internationaler Proteste fortführen.


Joe Kaeser spricht am Mikro, im Hintergrund der Siemens-Schriftzug.
Joe Kaeser möchte als Chef eines klimafreundlichen Unternehmens gesehen werden – und die Siemens-Beteiligung an einem Mega-Kohleprojekt trotzdem fortführen. (Foto: Adam Berry/​Siemens)

Der Siemens-Konzern hält an dem umstrittenen Auftrag um die neue Carmichael-Kohlemine in Australien fest. Nach einer Sondersitzung des Vorstands gab Siemens-Chef Joe Kaeser am Sonntagabend auf Twitter bekannt, man werde den Vertrag mit dem indischen Kohle-Unternehmen Adani erfüllen.

Der Konzern will die Signaltechnik für die geplante Bahnlinie liefern, die die neue Steinkohlegrube im australischen Bundesstaat Queensland mit einem Exporthafen verbinden soll. Klima- und Umweltschützer zeigten sich über die Entscheidung empört.

Die Debatte über die Siemens-Beteiligung an dem Projekt läuft seit Dezember. Fahrt nahm sie durch die Fridays-for-Future-Demonstrationen vor Konzernstandorten am vergangenen Freitag auf. Kaeser hatte angekündigt, das Projekt überprüfen zu wollen.

Eigentlich sollte die Entscheidung am heutigen Montag verkündet werden. Das zog Siemens dann aber offenbar wegen des großen öffentlichen Interesses vor. Kaeser kündigte zugleich die Schaffung eines Nachhaltigkeitsbeirats an, der sich mit den Auswirkungen von Geschäften des Konzerns auf die Umwelt beschäftigen soll.

Die Reaktionen aus der Klimaschutz-Szene waren erwartungsgemäß heftig. Die Fridays-for-Future-Aktivistin Luisa Neubauer, die am Freitag bei einem Treffen mit Kaeser in Berlin für einen Abbruch geworben hatte, sagte am Sonntagabend, der Konzernchef begehe "einen unentschuldbaren Fehler". In der offiziellen Stellungnahme der Klimastreik-Bewegung heißt es, die Entscheidung mache "die Bestrebungen von Kaeser, den Siemens-Konzern zukunftsgerichtet wirken zu lassen, vollständig zunichte".

In Zeiten der Klimakrise müssten gerade auch Konzerne Wort halten und ihre Versprechen zum Klimaschutz erfüllen. Siemens hat angekündigt, bis 2030 klimaneutral werden zu wollen. "Dazu gehört eben auch, sich nicht am Bau eines Wahnsinns-Projekts zu beteiligen, das im Alleingang das weltweite 1,5-Grad-Ziel gefährdet", so Fridays for Future. Die Aktivisten kündigten an, auf der Aktionärsversammlung von Siemens Anfang Februar sprechen zu wollen und weiterhin gegen die Entscheidung zu protestieren.

Konkurrenz schlug Beteiligung aus

Umweltgruppen äußerten sich ähnlich. "Versprechen gegenüber Kunden, egal wie dreckig, sind dem Unternehmen wichtiger als Klimaschutz, das hat Siemens damit klargemacht", kritisierte die Umwelt- und Menschenrechtsorganisation Urgewald. Kaeser habe seinem Konzern einen durchgreifenden Reputationsschaden beschert, und zwar für ein in Siemens-Maßstäben mit 18 Millionen Euro Umsatz mehr als überschaubares Geschäft, sagte Urgewald-Campaignerin Regine Richter.

Die Organisation verwies darauf, dass die Siemens-Konkurrenten Alstom und Hitachi in der Vergangenheit eine Zusammenarbeit mit dem Adani-Konzern abgelehnt haben. "Siemens hat damit die Chance vertan, Sargnagel bei einem der verheerendsten Minenprojekte unserer Zeit zu sein. Kaeser macht Siemens zum Mittäter", kritisierte Richter.

Kritik kam auch von Umweltschützern in Australien. Die Gruppe Galilee Blockade, die gegen die Erschließung von Kohleminen wie das Adani-Projekt im australischen Galilee-Becken kämpft, hält die Siemens-Entscheidung angesichts der verheerenden Buschbrände im  Land für fatal. "Diese rücksichtslose Ignoranz angesichts des Leidens in Australien wird hart verurteilt werden – jetzt und in Zukunft, wenn die Menschheit auf diesen entscheidenden Moment zurückblickt", sagte Sprecher Ben Pennings.

Bei der australischen Umweltschutzorganisation Market Forces hieß es: "Siemens wird diese Entscheidung bereuen. Der Konzern erntet nun weltweite Empörung und einen verschärften Klimawandel."

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