"Es könnte ein Hitzesommer wie 2003 werden"

Europa ächzt unter einer Hitzewelle. Dem Klimaforscher Mojib Latif zufolge hat der Klimawandel zur Dramatik der Waldbrände in Griechenland und Schweden beigetragen.


Mojib Latif
Mojib Latif ist Meteorologe am
Kieler Helmholtz-Zentrum für
Ozeanforschung. (Foto: GEOMAR)

Klimareporter°: Herr Professor Latif, gefällt Ihnen der Sommer?

Mojib Latif: Ich freue mich auch darüber, dass wir einen sonnigen Sommer haben und dass ich hemdsärmelig auf der Terrasse sitzen kann. Ich habe aber auch den anderen Blick auf unser Wetter, den des Klimaforschers. Die Daten sind eindeutig, es wird wärmer in Deutschland, in allen Jahreszeiten.

Der Deutsche Wetterdienst hat eine "Hitzewarnung" herausgegeben. Ist das aktuelle Wetter denn überhaupt ungewöhnlich?

Als Einzelereignis nicht. Aber solche Wettersituationen häufen sich in den letzten Jahrzehnten. Hitzetage mit Temperaturen von über 30 Grad Celsius nehmen deutlich zu so wie auch Tropennächte, in denen die Temperatur nicht mehr unter 20 Grad fällt. Und dann dürfen wir nicht vergessen, dass wir schon seit April außergewöhnlich warme Temperaturen messen.

Gehören die Waldbrände in Schweden, Lettland und Griechenland ebenfalls zu dieser Entwicklung?

Ja. Die Temperaturen nehmen auch in den anderen Regionen Europas zu. Dazu kommt noch die Sommertrockenheit. Das zusammen ist der ideale Nährboden für Waldbrände.

Die EU-Kommission hat erklärt: "Die Feuer in Schweden zeigen, dass der Klimawandel real ist." Kann man das so unumstößlich formulieren?

Natürlich hat es schon früher hin und wieder Feuer in Schweden gegeben. Wir haben aber jetzt eine Situation, die es so noch nie gab – seit Wochen diese Hitze mit Temperaturen von 30 Grad bis hinauf zum Polarkreis. Der Klimawandel hat sicherlich zu der Dramatik der gegenwärtigen Situation beigetragen.

Es werden Erinnerungen wach an den Hitzesommer 2003, der viele negative Folgen hatte – europaweit bis zu 70.000 vorzeitige Todesfälle, vor allem unter alten und kranken Menschen. Könnte es nun wieder so kommen?

Das steht noch nicht fest. Es ist aber durchaus möglich, weil die momentane Hitzewelle früher eingesetzt hat als die von 2003, die erst im August begann.

Hat Europa aus diesem Extremsommer gelernt? Sind zum Beispiel Altersheime besser vorbereitet?

Ich fürchte nicht.

Was müsste für eine bessere Anpassung noch geschehen?

Es müsste in den Städten mehr Beschattung und Begrünung geben, das brächte Erleichterung. Für die Landwirtschaft hingegen ist es schwierig, sich überhaupt anzupassen, denn zur Hitze und Trockenheit werden auch immer häufiger Starkniederschläge hinzutreten.

Auch aus anderen Weltregionen kommen Meldungen über extremes Wetter – zum Beispiel der historische Hitzerekord mit über 41 Grad in Japan. Dort hat es vor Kurzem auch extreme Regenfälle und Überflutungen gegeben.

Das verwundert nicht, denn wir sprechen ja vom globalen Klimawandel. Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Asyldebatte sollten wir endlich auf couragierten Klimaschutz setzen. Klimaschutz ist eine der wichtigsten Maßnahmen zur Bekämpfung von Fluchtursachen.

Durstiger Mann am Meer
Wer in diesen heißen Tagen am Meer ist und sich abkühlen kann, hat Glück. (Foto: Olichel Adamovich/​Pixabay)

Reagiert die Politik denn ausreichend auf diese immer sichtbarer Zeichen der Klimaveränderungen?

Leider nicht. US-Präsident Donald Trump hält den Klimawandel für eine Erfindung der Chinesen, um den Amerikanern zu schaden. Die USA sind immerhin nach China der zweitgrößte Verursacher von CO2. Trump möchte aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen. Das ist ein fatales Signal an den Rest der Welt. Merkt denn dieser Präsident nicht, was bei ihm zuhause passiert: mehr Hitzewellen, zerstörerische Hurrikane, mehr Starkregen, steigende Meeresspiegel? Alles das bedroht die USA schon heute.

Ausgerechnet der "Klimaweltmeister" Deutschland ist unter der "Klimakanzlerin" Merkel zum Nachzügler geworden, der sein CO2-Reduktionsziel für 2020 krachend verfehlt. Sehen Sie eine Chance für einen Politikwechsel?

Es ist tragisch, dass sich Deutschland de facto vom Klimaschutz verabschiedet. Das Thema hat schon im letzten Bundestagswahlkampf keine Rolle gespielt. Im Koalitionsvertrag von Union und SPD steht nichts Konkretes zum Klimaschutz. So scheint man nicht gewillt zu sein, zügig aus der schmutzigen Braunkohle auszusteigen. In diesem Schneckentempo wird man das 2030er Ziel auch nicht erreichen können, nämlich die Treibhausgas-Emissionen um 55 Prozent gegenüber 1990 zu verringern.

Gerade wegen Trump braucht es jetzt Länder, die beim Klimaschutz vorangehen. Die Zivilgesellschaft ist jetzt gefragt, es muss mehr Duck von unten kommen. Nur so haben wir auch den Atomausstieg geschafft.

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