Energiegenossenschaften vor der Dunkelflaute?

Von ihrer früheren Teilhabe an der Energiewende sehen sich die Genossenschaften immer weiter entfernt. Dass sie für ihre Probleme vor der Bundestagswahl Gehör finden, ist nach dem gestrigen Jahreskongress eher noch unwahrscheinlicher geworden.


Solar-Lärmschutzwand Neuötting
Solar-Lärmschutzwände gehören zu den Projekten, mit denen sich Energiegenossenschaften an Innovationsausschreibungen beteiligen könnten – statt an große Wind- und Solarparks zu denken. (Foto: Falk Heller)

Wer es nicht wahrhaben wollte, wurde spätestens mit einer Mitte Januar veröffentlichten Studie des Instituts Trend Research über die Lage der Bürgerenergie aufgeklärt. Beim Ausbau der erneuerbaren Energien bilden danach Privatleute nicht mehr die Spitzengruppe, sondern erreichten nur noch einen Anteil von 18 Prozent.

Fonds und Banken übernahmen die Führung mit 21 Prozent. Die Bürgerenergie kam 2019, zählt man noch landwirtschaftliche Betreiber hinzu, nur auf einen Anteil von etwa einem Viertel,  rund 15 Prozentpunkte weniger als im Anlagenbestand. Für die Zukunft prognostiziert die Studie: Rückgang.

Der schleichende Zeitenwechsel macht auch vor Energiegenossenschaften nicht halt. Ihre Zahl stagniert seit Jahren. 2015 lag sie schon einmal jenseits der 900, zurzeit sollen es nach Angaben des Genossenschaftsverbandes DGRV noch knapp 850 sein. Die Mitgliederzahl legte in den fünf Jahren immerhin zu – von 185.000 auf 200.000.

In der Branche ist es ein offenes Geheimnis, dass Genossenschaften, die vielleicht nur ein, zwei ältere Windräder ihr Eigen nennen, keine große Zukunft haben, wenn ihre Anlagen jetzt nach 20 Jahren ihren Zuschuss aus der EEG-Förderung verlieren. Für die dann nötige Vermarktung des Stroms fehle das Know-how, für ein aufwendiges Repowering – das Ersetzen durch neue, effektivere Anlagen – oftmals auch das Geld. Für die Genossenschaften gelte deswegen: Wachsen, neue Geschäftsfelder erschließen – oder irgendwann weichen.

Die Lage scheint inzwischen dramatisch. Politische Entscheidungen und gesetzgeberische Änderungen führten zu einer "immer weiteren Verdrängung" der Energiegenossenschaften aus den Geschäften mit Strom, Wärme und Mobilität, bilanzierten am Dienstag die im DGRV organisierten Energiegenossenschaften anlässlich ihres virtuellen Jahreskongresses. "Schlussendlich befürchten wir einen kompletten Ausschluss der Energiegenossenschaften von der Teilhabe an der Energiewende und damit den Verlust der Akzeptanz und aktiven Teilhabe."

Ruf nach mehr Partizipation prallt ab

Um solche Befürchtungen an die Politik zu adressieren, scheinen die Zeiten wenig geeignet. In den zwanzig Minuten seiner Kongress-Ansprache schaffte es Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß, auf nicht eine Forderung der Genossenschaften konkret einzugehen. Lieber bewegte er sich ganz auf der Linie seines Ministers und CDU-Parteifreunds Peter Altmaier: Die Energiewende in Deutschland sei "sehr, sehr erfolgreich" gewesen und man habe "unglaublich viel" erreicht.

Thomas Bareiß steht am Pult, redet und gestikuliert.
Wirtschaftsstaatssekretär Thomas Bareiß hielt am Dienstag den "Impulsvortrag" beim Bundeskongress genossenschaftliche Energiewende. (Foto/​Ausschnitt: DGRV)

Auch ohne Corona-Pandemie hätte Deutschland das Ziel, die CO2-Emissionen von 1990 bis 2020 um 40 Prozent zu reduzieren, "knapp geschafft", sagte Bareiß und hielt das der Politik der aktuellen Bundesregierung zugute. Tatsächlich wären allerdings nur 37 Prozent erreicht worden, korrigierte Patrick Graichen vom Thinktank Agora Energiewende die Ohne-Corona-Einsparquote bei seinem Kongressauftritt.

Energiepolitisch zeigten sich Branchenvertreter vom Auftritt des Staatssekretärs eher enttäuscht. Zwar habe Bareiß die Bedeutung der Genossenschaften für die Energiewende anerkannt und es gebe auch einige Verbesserungen mit dem kürzlich novellierten Erneuerbare-Energien-Gesetz, erklärte Armin Komenda vom Ökostrom-Pionier EWS Schönau gegenüber Klimareporter°, dennoch blieben die Bedingungen für den Ausbau der Erneuerbaren und die Partizipation der Energiebürger "unbefriedigend". Auch nach Bareiß' Vortrag sei nicht zu erkennen, wie genau die Bundesregierung die drohende Ökostromlücke vermeiden und die Bürgerenergie besser einbinden wolle.

Unklar bleibe leider auch, so Komenda, wie der drohende Rückgang der Windkraft-Erzeugung an Land vermieden werden soll und wie sich die Gesetzgebung stärker an den Klimazielen ausrichten lässt. "Solange das Bundeswirtschaftsministerium Klimaschutz als etwas behandelt, das den Bürgern nur in geringen Dosen zugemutet werden darf, sehen wir die Gefahr, dass die Energiewende weiter im administrativen Klein-Klein zerrieben wird."

Keine Bewegung mehr vor der Wahl?

Die Forderungsliste der Energiegenossenschaften ist inzwischen länglich. Die Möglichkeit, Photovoltaik ohne Ausschreibung zu installieren, müsse mindestens auf Anlagen bis 750 Kilowatt ausgeweitet werden, am besten auf ein Megawatt.

Energiegenossenschaften soll es möglich sein, Solarprojekte von 1.000 bis 5.000 Megawatt in separaten Ausschreibungen unterzubringen sowie Windkraftprojekte vereinfacht umzusetzen – weil eben ihre geschäftliche Kraft gegenüber der von Finanzinvestoren und Stromkonzernen begrenzt ist.

Besonders wichtig ist den Genossenschaften, endlich das sogenannte "Energy Sharing" zu ermöglichen, eine Art genossenschaftliche Mitgliederversorgung. Könne der vor Ort erzeugte Grünstrom in nahen Wohnquartieren und Gewerbebetrieben günstig angeboten werden, werde auch die Akzeptanz des Erneuerbaren-Ausbaus steigen.

Während des Kongresses teilte die Grünen-Abgeordnete und Energieexpertin Julia Verlinden allerdings mit, die Regierung wolle das "Sharing" vor der Wahl nicht mehr ermöglichen. Dafür gebe es keinen Plan, habe ihr Bareiß als Antwort auf eine Anfrage mitgeteilt.

Dennoch bestritt Bareiß bei seinem Auftritt, er sei – wie häufig beschrieben – ein "Ausbremser" der Energiewende. So habe er sich nie gesehen. Vielmehr habe er oft vor drei- oder vierhundert Leuten in kleinen Orten für Windräder gekämpft, wo er "Naturschützern oder irgendwelchen BUND- oder Nabu-Leuten" habe erklären müssen, dass das geplante Windprojekt nicht gegen Natur und Umwelt stehe.

Frostige Ansage an "sogenannte Erneuerbare"

Dass für die Erneuerbaren politisch ein anderer Wind weht, machte auf dem Kongress auch Bareiß' Parteikollege Andreas Lämmel klar. Bevor man über höhere Ausbauziele bei Wind und Sonne rede, so der CDU-Bundestagsabgeordnete, müsse es erst einmal um Versorgungssicherheit, Preise und Netzausbau gehen. 

Lämmel ist Obmann der Unionsfraktion im Wirtschaftsausschuss und damit eine Art Nachlassverwalter von Bareiß, der von 2010 bis 2018 die Energiepolitik in der Fraktion koordinierte. Inzwischen nimmt Lämmel aber auch Positionen ein, die man von Bareiß eher nicht kennt.

Es diene nicht unbedingt der Energiewende, äußerte Lämmel am Dienstag, wenn man Erneuerbare nur immer weiter ausbaue. Der CDU-Mann wörtlich: "Wenn Sie Dunkelflaute haben, sind die sogenannten Regenerativen trotzdem null" – also trotz ihres steten Ausbaus. Man brauche die konventionelle Erzeugung für die Energiesicherheit, beharrte Lämmel. So kommen auch militante Energiewendegegner daher.

Nach Lämmels Ansicht ist es auch weniger Aufgabe der Bürgerenergie, große Wind- oder Solarparks zu entwickeln. Dafür würden große Investoren gebraucht. Die Bürgerenergie solle sich eher auf die Innovationsausschreibungen konzentrieren.

Lesen sollte man all die Ansagen offenbar so: Wenn es bei der Energiewende nicht nach den Vorstellungen der Union weitergeht, dann steht Wind und Sonne erst recht eine Dunkelflaute bevor.

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