Merkels Pillepalle

Auf einer Fraktionssitzung der Union fordert Kanzlerin Merkel mehr Anstrengungen beim Klimaschutz. Es dürfe kein "Pillepalle" mehr geben, sondern Beschlüsse, die zu "disruptiven" Veränderungen führen. Echt jetzt?


Kanzlerin Merkel schaut sich im Naturkundemuseum einen Saurierschädel an
Im Berliner Naturkundemuseum besuchte die Bundeskanzlerin kürzlich auch die Saurierausstellung. (Foto: Guido Bergmann/​Bundesregierung)

Angela Merkel ist Physikerin. Sie weiß, was die "Kipp-Punkte" im Weltklima sind – gefährliche Phänomene nämlich, die das System plötzlich ins Rutschen bringen.

Zum Beispiel, wenn die Permafrostböden in Sibirien, Nordkanada und Alaska großflächig auftauen. Wenn der Amazonas-Regenwald austrocknet. Oder wenn der Eispanzer von Grönland abschmilzt.

Wird eine Schwelle überschritten, ist die Entwicklung nicht mehr zu stoppen. Dann droht ein sich selbst verstärkender Klimawandel, der die bisherigen Veränderungen in den Schatten stellt – mit fatalen Folgen.

In dieser Woche hat Merkel, die "Klimakanzlerin a. D.", die Mitglieder der Bundestagsfraktion von CDU und CSU an dieser Erkenntnis teilhaben lassen.

Speziell den Permafrost-Kipppunkt sprach sie auf der Fraktionssitzung an, wie Teilnehmer berichteten. Also die Gefahr, dass beim Auftauen gigantische Mengen des Treibhausgases Methan freiwerden, was die Erderwärmung stark beschleunigen würde.

Man muss wissen: Allein im oberen Teil der dauergefrorenen Böden ist mit 1.500 Milliarden Tonnen fast doppelt so viel Kohlenstoff gespeichert, wie es derzeit in der gesamten Atmosphäre gibt. Man ahnt, welches Treibhauspotenzial darin steckt.

Probe für die große Rede an die Nation?

Eine Zeitbombe. Und eine, die in nicht mehr allzu ferner Zeit zünden könnte, wie Merkel betonte.

Mit dieser Mahnung stimmte die Kanzlerin die Unionisten auf größere Anstrengungen beim Klimaschutz ein. Zwar nicht mehr vor den Sommerpause, man müsse noch das Gutachten zur CO2-Steuerreform abwarten, das die Regierung in Auftrag gegeben hat.

Aber dann dürfe es von der Regierung "kein Pillepalle mehr" geben, mit vielleicht ein paar Cent mehr Steuern auf Benzin und Diesel, sondern Beschlüsse, die zu "disruptiven" Veränderungen führten. Schließlich sei beim Klimaschutz seit 2012 nichts mehr passiert.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Onlinemagazins Klimareporter°.

Man reibt sich die Augen. Kipppunkt, Pillepalle, disruptiv?

Man kann nur hoffen, dass die notorische Abwartekanzlerin da intern für eine große Rede an die Nation geprobt hat, in der sie uns Bürgern in verständlichen Worten endlich mal die tatsächliche Dramatik der Klimafrage erklärt.

Und am besten auch gleich, warum sie all die vielen Jahre so regiert hat, als finde der Klimawandel auf dem Mars statt, nicht auf der Erde. Und warum es streikende Schüler, ein Internet-Video und eine vergeigte Europawahl braucht, bis ihr ein Licht aufgeht.

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