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Das Begräbnis des Neun-Euro-Tickets

Was neulich im Tesla mit mir passierte und warum der öffentliche Verkehr eine Resterampe bleibt.


Aushang der Fahrplan-Änderungen auf acht eng bedruckten A4-Seiten in einem Schaukasten mit der Aufschrift: Information.
Öffentliches Chaos: "Information" über Fahrplanänderungen des DB-Regionalverkehrs im September in Eberswalde bei Berlin. (Foto: Anke Borcherding)

Diese Woche trafen sich unsere Ministerpräsident:innen und unser Kanzler, um auch über die Zukunft des öffentlichen Verkehrs zu reden. Das tun sie angesichts multipler Krisen, die sich alle um das Thema Energie und deren steigende Kosten drehen. Entlastungen müssen her. Das ist auch gut so.

Das schönste Entlastungspaket der letzten Zeit aber war nun mal das Neun-Euro-Ticket. Alle waren sich auch einig: Es sollte dafür ein Nachfolgeangebot geben. Doch wie es nach dem Treffen von Bund und Ländern jetzt aussieht, wird das gerade versaubeutelt.

Das günstige Ticket hatte den schönen Effekt, bei denen anzukommen, die eine Hilfe wirklich nötig haben. Es hat der öffentlichen Mobilität Schwung verliehen und es hat einen Eindruck vermittelt, wie die Verkehrswende wirklich starten könnte. Mit einem einfachen, überall gültigen Tarif nämlich, der ein "Nutzen ohne nachzudenken" erlaubt – wie beim Auto.

 

Offenbar konnten auch alle technischen Voraussetzungen für ein einheitliches digitales Ticket in Windeseile geschaffen werden. Wir konnten uns drei Monate freuen über eine Innovation im öffentlichen Verkehr, wie wir sie seit der Erfindung der Bahncard nicht mehr hatten.

Das alles wird nun wieder begraben. Geht nicht, kennen wir nicht und vor allem: wollen wir nicht. Stattdessen kehren wir in die Steinzeit des öffentlichen Verkehrs zurück.

Berlin hat immerhin ein 29-Euro-Ticket erfunden. Das ist aber nicht digital und enthält zudem ärgerliche Bedingungen wie den Zwang, ein Abo abzuschließen. Doch es ist besser als nichts.

Kein Wille, kein Weg

Und dann gibt es ja auch noch die Konkurrenz zu den Öffis. Ich hatte mir neulich einen Tesla für eine kleine Umzugsfahrt gemietet. Der Kofferraum war schön groß und die Fahrt sehr angenehm. Automatik, ohne Abgase, leise, sehr bequem und supereinfach in der Bedienung.

Anke Borcherding

ist wissen­schaft­liche Mit­arbeiterin der Forschungs­gruppe Digitale Mobilität am Wissen­schafts­zentrum Berlin für Sozial­forschung (WZB). Sie beschäftigt sich theoretisch und vor allem praktisch mit Mobilitäts­projekten und ist in Stadt und Land immer nur mit den Öffentlichen, dem Rad und manchmal einem Carsharing-Auto unterwegs.

Bei der Fahrt dachte ich mir: Wen will ich eigentlich überzeugen, dass Busse und Bahnen eine Alternative zum privaten Auto sind, ein Muss für Umweltbewusste, ein gutes Angebot und den Preis wert?

Wem will ich mit gutem Gewissen empfehlen, er oder sie möge aus dem rollenden Eigenheim aussteigen und sich der öffentlichen Mobilität ausliefern? Das kann ich niemandem ernsthaft erzählen.

Und nach dem Hin und Her zur Nachfolge des Neun-Euro-Tickets kann ich auch nicht sagen, dass die öffentliche Mobilität politisch gewollt und gefördert wird. Eine attraktive öffentliche Mobilität ist offenbar kein wirkliches politisches Ziel. Es wird dafür nicht mehr Geld ausgegeben und es wird kein politischer Wille formuliert. Die öffentliche Mobilität ist und bleibt die Resterampe der Verkehrspolitik.

Als ich den Tesla wieder bei der Autovermietung abgegeben hatte, bin ich natürlich mit der Straßenbahn nach Hause gefahren. Auf dem Sitz habe ich eine Bierflasche beiseite genommen.

Als ich ausstieg, merkte ich: Ich hatte in einer Bierlache gesessen. Ein passendes Bild für den öffentlichen Verkehr. Eines von vielen. So gilt im Flugzeug die Maskenpflicht aktuell nicht mehr, in Bus und Bahn schon. Was wird denn damit vermittelt?

Ich fahre weiterhin mit Bus und Bahn (und Rad). Aber verdient hat mich der öffentliche Verkehr als Fahrgast eigentlich nicht.

Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem

Wie kommen wir in Zukunft von A nach B? Fest steht: Es geht nur radikal anders als bisher. Aber wie? Die Gruppe "Digitale Mobilität – das Antiblockiersystem" entwickelt Ideen für die Mobilität von morgen. Hier schreiben Wissenschaftler:innen und Expert:innen über Wege in ein neues Verkehrssystem, das flüssig, bequem, gerecht und klimafreundlich ist – jenseits von Allgemeinplätzen und Floskeln. Das Dossier erscheint in Zusammenarbeit mit dem Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB).

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