Amazon als Problem, Milliarden für große Autos und Parken für fast nix

Kalenderwoche 8: Die deutsche Verkehrspolitik agiert immer noch so, als ob es kein Morgen gäbe, sagt Andreas Knie, Sozialwissenschaftler, Mobilitätsforscher und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Akzente in Richtung Dekarbonisierung sind erst nächstes Jahr mit den strengeren Pkw-Grenzwerten der EU zu erwarten.


Andreas Knie. (Foto: InnoZ)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrats erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Andreas Knie, Sozialwissenschaftler mit den Schwerpunkten Wissenschaftsforschung, Technikforschung und Mobilitätsforschung. Sein Steckenpferd ist das Verkehrswesen von morgen.

Klimareporter°: Herr Knie, Verkehrsminister Scheuer überraschte jetzt mit zwei eher unkonventionellen Vorschlägen. Er will Pakete per U-Bahn transportieren und die Magnetbahn-Idee zwischen München und seinem Flughafen wiederbeleben. Was ist davon zu halten?

Andreas Knie: Nicht sehr viel. Der Bundesverkehrsminister ist bekannt dafür, immer mal neue Lösungen für die Verkehrsprobleme vorzuschlagen, die aber keine Lösungen sind.

Die Magnetschwebebahn bleibt auch in der neuen Variante unbrauchbar. Es gibt bereits jetzt eine Reihe von Alternativen. Die Anbindung von Flughäfen an das Schienennetz wäre möglich, wird aber nicht konsequent verfolgt.

U-Bahnen sind genauso wie Straßenbahnen schon oft als Transportgefäße getestet worden. Es gibt Einzelfälle, in denen das sinnvoll sein kann. Aber viel entscheidender ist, dass der Warenverkehr sowie die Kurier-Express- und Paketdienste, kurz KEP, gebündelt werden und nicht für jedes kleine Teilchen ein eigener Wagen unterwegs sein muss.

Amazon-Chef Bezos hat angekündigt, zehn Milliarden US-Dollar in einen Umweltfonds zu spenden. Er musste viel Kritik einstecken – das sei reines Greenwashing. Wie denken Wissenschaftler darüber, denen es an Geld für ihre Klimaschutzprojekte fehlt?

Amazon ist das Problem. Wenn das Geld dafür ausgegeben werden könnte, den Warenverkehr effizienter und nachhaltiger zu organisieren und vielleicht auch die Regulierung so zu verändern, dass nur an zentrale Stellen geliefert und dort abgeholt werden kann, eine Hauszustellung nur noch als Ausnahme möglich ist und Rücksendungen gar nicht mehr erlaubt sind – wenn also Amazon bereit wäre, wesentliche Folgen seines Geschäftsmodells zu überdenken, dann kann man nur sagen: Her mit dem Geld.

Die über 3,6 Millionen Autos, die 2019 in Deutschland neu zugelassen wurden, haben laut einer Erhebung der Uni Duisburg im Schnitt 158 PS unter der Haube – fünf PS mehr als ein Jahr zuvor und der zehnte Rekord in Folge. Treiber waren SUV mit durchschnittlich 172 PS und Hybrid-Autos mit sogar 194 PS. Wie passt das zu einer Verkehrswende?

Eine Verkehrswende findet dann nicht statt, wenn das Kaufen und Leasen von großen Autos besonders gefördert wird.

Allein die Dieselsubventionierung kostet den Staat jährlich acht Milliarden Euro. Damit der Dienstwagen – im Übrigen das am stärksten wachsende Segment – für das Unternehmen und für die Angestellten so attraktiv ist, gibt der Staat nochmals drei Milliarden aus.

Und auf Autobahnen gibt es weiterhin "Freie Fahrt für freie Bürger". Wer sollte also auf Autos, vor allen Dingen große, verzichten?

Seit einigen Tagen gibt es nun 6.000 Euro als Kaufprämie für reine Elektroautos, die nicht mehr als 40.000 Euro kosten. Für entsprechende Plug-in-Hybride gibt es 4.500 Euro. Werden sich jetzt mehr Autokäufer für E-Mobilität entscheiden?

Die Mini-Anhebung der Prämien wird nur wenig nützen. E-Fahrzeuge bleiben zu teuer und sie haben keine Vorteile. Es ist immer noch viel günstiger, einen Diesel zu kaufen.

Erst nächstes Jahr werden durch die strengeren Grenzwerte der EU mehr elektrische Fahrzeuge verfügbar sein, die dann auch günstiger sind.

Während Deutschland also weiterhin am Diesel und am Otto festhält, versucht die EU Akzente in Richtung einer Dekarbonisierung des Verkehrs zu setzen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Es ist fast untergegangen: Das Land Berlin hat tatsächlich versucht, im Bundesrat den Deckel für Anwohner-Parkgebühren von bisher maximal 30,70 Euro pro Jahr auf bis zu 240 Euro anheben zu lassen. Minister Scheuer nannte die Anhebung der Obergrenze "überzogen". Der Antrag scheiterte.

Das bedeutet, für private Autos gilt weiterhin: Das Parken auf öffentlichen Flächen kostet praktisch nix!

Da haben Carsharing oder Ridesharing gar keine Chance. Der Staat verschenkt damit jede Menge Platz, der öffentliche Raum wird weiterhin privatisiert, als ob es kein Morgen gäbe.

Fragen: Jörg Staude

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