Wie lange rechnet sich die Braunkohle?

Derzeit ist die Braunkohle auf dem Strommarkt schwach. Die Frage ist, ob es sich um eine temporäre, auch coronabedingte Delle handelt oder um einen bleibenden Trend. Eine neue Studie des Öko-Instituts sagt: Entscheiden wird sich das erst nach dem Atomausstieg 2022.


Ein riesiges Kraftwerk mit zwei dampfenden Kühltürmen vor wolkenverhangenem Himmel.
Die älteren Braunkohleblöcke vor allem im Rheinland sind schon heute unwirtschaftlich. (Foto: Max Schiff/​Wikimedia Commons)

Eine Zeitenwende erleben wir bei der Kohle. Daran lässt die vom Öko-Institut jetzt im Auftrag der Klima-Allianz fertiggestellte und Klimareporter° vorliegende Analyse keinen Zweifel. Der Beginn des Zeitenwechsels datiert auf 2017. Da kam es, konstatiert die Studie, erstmals zu einer anhaltenden Verringerung der Kohleverstromung in Deutschland. 

Gründe dafür seien im Marktumfeld zu suchen, besonders im Emissionshandel, aber auch in den ersten Schritten einer aktiven Kohleausstiegspolitik. Damit gemeint ist das Abstellen von 3.000 Megawatt Braunkohlekapazität in die sogenannte Sicherheitsbereitschaft.

Weil Strom aus Braunkohlekraftwerken meist durch längerfristige, über zwei bis drei Jahre laufende Abnahmeverträge verkauft wird, kam die Krise etwas zeitverschoben in den Kraftwerken an. "Seit Herbst 2019 zeigen sich für nahezu alle Braunkohlekraftwerke sehr deutlich rückläufige Erzeugungstrends", heißt es dazu in der Studie.

Und das zog drastische Einbrüche nach sich. So erwirtschaften nach den Angaben die älteren Braunkohleblöcke der sogenannten 500-Megawatt-Klasse heute nicht einmal mehr die fixen Betriebskosten der Tagebaue und auch nur noch teilweise ihre eigenen fixen Betriebskosten. Für diese Anlagen erwarten die Autoren "bereits kurz- bis mittelfristig massive Stilllegungsanreize".

Neuere Braunkohleblöcke der 900-Megawatt-Klasse erwirtschafteten zwar noch die fixen Kosten des Kraftwerks selbst, aber nur noch etwa die Hälfte der fixen Betriebskosten des Tagebaus. Hier könnten laut der Studie "mittelfristig" Stilllegungsanreize entstehen.

Bei der Entwicklung habe zwar auch die Coronakrise eine Rolle gespielt, vor allem wegen des geringeren Strombedarfs, räumen die Studienautoren ein. Schaue man aber genauer hin, seien für den Niedergang der Braunkohle auch höhere CO2-Preise, niedrigere Gaspreise und die hohe Einspeisung erneuerbaren Stroms verantwortlich.

Alternativer Entschädigungsvorschlag angekündigt

Diese Situation werde sich "im Zulauf auf 2030 in zunehmendem Maße und immer robuster einstellen", warnt die Studie. Der Preisdruck aus den Brennstoffmärkten halte an, der Green Deal der EU werde den Emissionshandel verschärfen und nicht zuletzt mache der Ökostrom den fossilen Erzeugern weitere Marktanteile streitig.

Ob die jetzige Lage aber nur eine Delle ist oder ob der Braunkohlestrom wirklich vor einem Absturz steht, wird sich, fasst man die Studie zusammen, erst nach dem Abschluss des Atomausstiegs in anderthalb Jahren entscheiden.

Anders gesagt: Bis Ende 2022 werden sich viele Braunkohleanlagen noch aufgrund langfristiger Lieferverträge irgendwie hinretten – auch unterstützt von kommenden Ausstiegs-Entschädigungen. Erst danach wird sich zeigen, ob der Kohlestrom vom Atomausstieg profitieren kann – oder nicht. Wenn nicht, wäre ein vorzeitiges Ende der Braunkohle programmiert.

Schon jetzt kündigte das auftraggebende Bündnis Klima-Allianz für kommende Woche, kurz vor der Verabschiedung des Kohleausstiegsgesetzes im Bundestag, eine noch umfangreichere Studie des Öko-Instituts an. Diese soll auf Basis der hier vorliegenden Wirtschaftlichkeitsanalyse die geplanten Entschädigungen für die Braunkohleunternehmen bewerten und einen alternativen Entschädigungsvorschlag vorlegen.

Kohleexpertin Stefanie Langkamp von der Klima-Allianz meint allerdings schon jetzt, dass die Bundesregierung die Entschädigungen für die Braunkohle deutlich senken und die Stilllegungen beschleunigen müsste, wenn sie die "teils katastrophale" Ertragslage der Kohlekraftwerke berücksichtige.

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