Corona drängt Kohlestrom aus dem Netz

Rund um die Welt geht die Kohleverstromung zurück, während die Ökostromproduktion zunimmt. Das sorgt für einen Strommix, der eigentlich erst für die Zukunft erwartet wurde. Damit das so bleibt, müssen die Stimulusgelder zur Krisenbewältigung in Zukunftstechnologien investiert werden.


Zwei Männer installieren eine Solaranlage
Eine neue Solaranlage wird installiert, hier in Mexiko. (Foto: Jacob Totolhua/​Pixabay)

In der EU sind im April die CO2-Emissionen aus der Stromerzeugung im Vergleich zum Vorjahr um 39 Prozent gefallen. Zum kleineren Teil liegt das an der gesunkenen Stromnachfrage: Diese ging wegen der Coronakrise um 14 Prozent zurück.

Zum größeren Teil liegt das aber am veränderten Strommix. Der große Gewinner ist Solarstrom. Dank neuer Anlagen, die letztes Jahr errichtet wurden, und des schönen Wetters ist hier die Produktion um 28 Prozent gestiegen.

Der größte Verlierer ist Kohle: Die Stromproduktion aus Braun- und Steinkohle brach um über 40 Prozent ein. Denn mittlerweile ist der dreckigste Strom auch der teuerste.

Bei der Erzeugung einer Megawattstunde Kohlestrom wird rund eine Tonne CO2 emittiert. Dafür muss der Stromkonzern ein Emissionszertifikat kaufen. Die Zertifikate haben sich zuletzt wieder etwas verbilligt, kosten aber noch immer knapp 20 Euro pro Tonne. Dazu kommen die Kosten für die Kohle.

Ein Gaskraftwerk kann hingegen eine Megawattstunde Strom für rund 20 Euro produzieren – alle Kosten inklusive. Das liegt auch am Gaspreis. Dieser ist in den letzten beiden Jahren um zwei Drittel gefallen, während sich der Preis für Kohle nur halbiert hat.

Am billigsten ist aber Solar- und Windstrom. Wenn eine Solaranlage oder ein Windrad einmal gebaut ist, fallen bei der Stromerzeugung keinen weiteren Kosten mehr an. Die "Grenzkosten" liegen bei null.

Daher ist erneuerbarer Strom eigentlich auch nicht mehr auf den Einspeisevorrang angewiesen. Billiger als Fossilstrom ist Ökostrom aus bestehenden Anlagen allemal. Diese Preisdynamik gilt auch für andere Länder.

Derzeit purzeln täglich Rekorde. In den USA wurde an jedem Tag im April mehr Grünstrom als Kohlestrom produziert. Das gab es noch nie. Besser ist aber Großbritannien. Dort wurde seit über einem Monat überhaupt kein Kohlestrom mehr produziert.

Aber auch in Indien sinkt die Kohleverstromung. Im April ging sie um knapp ein Drittel zurück – mit großen Auswirkungen auf die Luftqualität. Letzteres könnte dafür sorgen, dass das Land nach der Krise nicht einfach zur alten Normalität zurückkehrt.

Für Anumita Chowdhury, Forschungsleiterin und Luftgüteexpertin beim indischen Thinktank Center for Science and Environment, hat die Krise zwei Seiten. Die bessere Luftqualität sei "ein großes, unbeabsichtigtes Experiment", das zeige, "wie groß die erforderlichen Veränderungen" seien. Gleichzeitig merkten die Menschen aber auch, "was es bedeutet, saubere Luft zu atmen".

Braunkohlekraftwerke zunehmend unbrauchbar

Der veränderte Strommix ist noch aus einem anderen Grund eine "Postkarte aus der Zukunft", folgt man Michael Liebreich, Gründer des Londoner Thinktanks Bloomberg New Energy Finance (BNEF): Netzbetreiber rund um die Welt müssen lernen, mit einem deutlich höheren Anteil an variablem Ökostrom klarzukommen.

Dabei zeigt sich, dass Braunkohle- und Atommeiler besonders unflexibel sind. Diese laufen auch bei negativen Strompreisen oft weiter. Das ist teuer, denn die Zahl der Stunden mit negativen Preisen ist stark gestiegen: Deutschland verzeichnete in den ersten hundert Tagen des Jahres 60 Prozent mehr Stunden als letztes Jahr, in denen der Strompreis unter null lag.

Diese Perioden sind hingegen ideal für große Batteriespeicher. Dabei sind diese bereits heute und auch bei positiven Strompreisen konkurrenzfähig, wie BNEF ausgerechnet hat: "Batteriespeicher sind bei Neuanlagen die billigste Technologie für Nachfragespitzen (von bis zu zwei Stunden) in Regionen wie Europa, China oder Japan, die auf Gasimporte angewiesen sind."

Die "Postkarte aus der Zukunft" könnte daher auch diesen Satz enthalten: "Ach, übrigens, wir brauchen jetzt auch für Nachfragespitzen keine Fossilkraftwerke mehr, sondern puffern die Spitzen mit Batterien ab."

Was genau auf der Postkarte stehen wird, ist allerdings noch nicht entschieden. Dies hängt vor allem davon ab, wie die Stimulusgelder eingesetzt werden, mit denen die Coronakrise überwunden werden soll. Wenn diese in Energieeffizienz, Elektrifizierung und Sektorkopplung fließen, wird vom blauen Himmel und sauberer Luft die Rede sein, andernfalls von der alten, grauen Normalität.

Patrick Graichen, Direktor des Berliner Thinktanks Agora Energiewende, sagt daher: "Das Konjunkturprogramm, das die Bundesregierung auflegen wird, zieht Investitionsmittel von morgen vor – also müssen wir auch die Investitionsentscheidungen von morgen vorziehen. Wir dürfen nicht mit dem Geld von morgen die Technologien von gestern finanzieren."

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