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Thunberg als virtueller FDP‑Fan

Die Debatte über die AKW-Laufzeitverlängerung bekommt noch einmal neue Dynamik: Klimaaktivistin Greta Thunberg hält weiterbetriebene Atomreaktoren für weniger schlimm als länger laufende Kohlekraftwerke. Die FDP findet das sehr erfreulich.


Beim Inspektions-Workshop werden verschiedene Warn-Anhänger gezeigt.
Atomkraft ist riskant und macht abhängig – nicht nur Greta Thunberg scheint das vergessen zu haben. (Foto: Dean Calma/​IAEA/​Flickr)

Eine ungewöhnliche Konstellation: Die "Fridays for Future"-Erfinderin Greta Thunberg kämpft in der heißlaufenden Atomkraft-Frage an der Seite der FDP, die die Reaktoren über das Jahr 2023 hinaus am Netz lassen will.

Sie halte es für falsch, in Deutschland die Atomkraftwerke abzuschalten und stattdessen alte Kohlekraftwerke wieder ans Netz zu nehmen, so Thunberg in einer vorab verbreiteten Äußerung gegenüber der ARD. "Wenn sie schon laufen, glaube ich, dass es ein Fehler wäre, sie abzuschalten und sich der Kohle zuzuwenden."

Bundeswirtschafts- und Klimaminister Robert Habeck (Grüne) hingegen plant nur einen "Streckbetrieb" für zwei der drei derzeit noch laufenden Blöcke bis zum April nächsten Jahres.

Die Steilvorlage der schwedischen Klimaaktivistin nahm die FDP nur zu gern auf. Ihr energiepolitischer Sprecher Michael Kruse sagte: "Minister Habeck sollte auf Greta Thunberg hören und Kernkraftwerke zur Sicherung der Stromversorgung bis ins Jahr 2024 hinein nutzen."

Kruse fordert nicht nur, alle drei zur Abschaltung am Jahresende vorgesehenen AKW weiterlaufen zu lassen – also neben Isar 2 in Bayern und Neckarwestheim 2 in Baden-Württemberg auch das AKW Emsland in Niedersachsen.

Geht es nach der FDP, sollten auch zwei weitere, bereits Ende 2021 abgeschaltete Atomkraftwerke reaktiviert werden. Insgesamt wären dann fünf Reaktoren am Netz, die zusammen rund zehn Prozent des deutschen Stromverbrauchs decken könnten.

Ganz so einfach, wie viele glauben, ist ein Weiterlaufenlassen respektive eine Reaktivierung der AKW aber nicht. Der von Habeck geplante "Streckbetrieb" bis ins kommende Frühjahr lässt sich zwar noch mit den vorhandenen Brennelementen realisieren.

Sollen die AKW auch danach weiter Strom produzieren, brauchen sie neuen Uran-Brennstoff. Von der Bestellung der Elemente bis zur Auslieferung dauert es üblicherweise mindestens ein Jahr. Aus der Branche ist jedoch zu hören, dass es unter Umständen auch ein, zwei Monate schneller gehen könnte.

Ein unterbrechungsfreier Betrieb der drei AKW durchs ganze Jahr 2023 wäre ohne eine Neubestückung nicht zu schaffen, selbst wenn bereits entladene, nicht ganz "abgebrannte" Elemente weiter genutzt würden, wie das als Möglichkeit etwa für Isar 2 diskutiert wurde. Allerdings könnten die AKW, wenn der Brennstoff nicht reicht, vorübergehend vom Netz gehen und dann zum Herbst 2023 wieder zur Verfügung stehen.

Den Atomkonsens aufgeben?

Ein weiteres Problem ist die Sicherheit der Anlagen. Für den weiteren Betrieb ist hoch qualifiziertes Personal erforderlich, die Personalplanung bei den Betreibern hat sich aber natürlich auch am Datum des Atomausstiegs orientiert. Hier müssten neue Verträge geschlossen und Beschäftigte weiterqualifiziert werden.

Hinzu kommt: Da das Abschaltdatum der drei letzten AKW im Atomgesetz festgeschrieben wurde, gestand der Bund den Betreibern zu, die eigentlich 2019 fällige umfangreiche "Periodische Sicherheitsüberprüfung" (PSÜ) nicht durchzuführen. Die Betreiber gaben damals eine verbindliche Erklärung ab, den Leistungsbetrieb Ende 2022 einzustellen.

Würde das nun rückgängig gemacht und der Betrieb ein Jahr oder länger fortgesetzt, müsste die PSÜ nachgeholt oder das Sicherheitsniveau zumindest auf andere Weise intensiv überprüft werden.

"Es hat seit 2011 durchaus weitere umfangreiche Sicherheitschecks gegeben", sagt der Nuklearexperte Christoph Pistner vom Öko-Institut in Darmstadt. "Trotzdem wäre natürlich irgendwann eine umfassende Sicherheitsüberprüfung notwendig. Auch wenn viele Experten hier nicht mit großen Defiziten rechnen, letztlich kann man erst am Ende einer Überprüfung sagen, ob und wo Probleme bestehen."

Bleibt die generelle Frage: Ist die aktuelle Energiekrise auch in einem Jahr noch so groß, dass der nach Fukushima vor gut einem Jahrzehnt hierzulande erreichte gesellschaftliche und politische Konsens zum Atomausstieg aufgegeben werden sollte?

Leitlinie beim Ausstieg war: Sicherheit geht vor Ökonomie. Zu Deutsch: Die Gefahr eines Super-GAU, der große Teile des Landes unbewohnbar machen würde, zu eliminieren ist wichtiger, als billigeren Strom zu haben.

Aktuelle Studien zeigen, dass Elektrizität hierzulande durch einen weiteren Betrieb der AKW höchstens um wenige Prozent billiger würde. Der jüngste Stresstest der Stromnetzbetreiber wiederum ergab, dass ein AKW-Weiterbetrieb nur einen minimalen Beitrag zur Gaseinsparung und nur einen sehr begrenzten Beitrag zur Versorgungssicherheit bringen würde.

Dafür den Atomkonsens aufzugeben, was auch den Konsens bei der Suche nach einem Standort für ein Endlager für hochradioaktive Abfälle gefährden würde, sei falsch, meint Atomexperte Pistner. "Ich meine, dass er weiter gelten muss."

Lesen Sie dazu unseren Kommentar:

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