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Energiewende rückwärts

Der Windkraftanlagen-Hersteller Nordex schließt ein Werk in Rostock. Es ist das letzte Rotorblatt-Werk in Deutschland – und das, obwohl die Windbranche vor einem neuen Boom steht. Was es für die hiesige Energiewende bedeutet, wenn die Fertigung nach Übersee verlagert wird, treibt nun auch die Politik um. 


Einige Windräder in Großaufnahme vor einer kargen Landschaft mit Fluss.
Aufträge für Nordex kommen noch – vor allem aus dem Ausland. (Foto: Nordex)

Erneuerbare Energien – bessere Aussichten für eine Branche kann es eigentlich gar nicht geben. Drei Faktoren dazu: Die Klimakrise erfordert einen schnellen Ausbau von Windkraft- und Solaranlagen. Der Ukraine-Krieg zeigt, wie wichtig es ist, die fossilen Energien zu ersetzen. Die Ampel-Bundesregierung hat die Ausbauziele für die Öko-Energien in ihrem "Osterpaket" stark angehoben.

Trotzdem sind die europäischen Windanlagen-Hersteller in der Krise. Sinnbild dafür: eine geplante Werksschließung des deutschen Herstellers Nordex in Rostock.

Ohne Trendwende droht ein Schicksal wie in der Solarindustrie. Die einstmals global führenden hiesigen Photovoltaik-Hersteller sind bereits vor zehn Jahren fast komplett abgewickelt worden, und China dominiert den Weltmarkt.

In Rostock demonstrierten Anfang dieser Woche rund 200 Beschäftigte vor dem Werkstor von Nordex gegen die Schließung des Werks, die das Unternehmen für Ende Juni angekündigt hat.

Als Begründung hatte der Windkraft-Hersteller, dessen Zentrale in Hamburg ist, den harte Kosten-Wettbewerb in der Branche und eine Verschiebung der Nachfrage hin zu größeren Rotorblättern genannt. Diese könnten in dem Rostocker Werk nicht hergestellt werden.

Damit schließt das letzte Rotorblatt-Werk in Deutschland. Nordex baut mit dem Aus für die Produktion 530 Arbeitsplätze ab. Ein weiteres Werk in Rostock, in dem unter anderem Maschinenhäuser für die Windturbinen hergestellt werden, ist nicht betroffen.

Insgesamt hat Nordex 8.600 Mitarbeiter, davon 3.150 in Deutschland. Rotorblätter fertigt das Unternehmen auch in Spanien, Indien und Brasilien.

Rote Zahlen derzeit branchenüblich

Der Umsatz von Nordex hat sich zuletzt durchaus positiv entwickelt. Er stieg 2021 um immerhin 17 Prozent auf 5,4 Milliarden Euro, allerdings vor allem wegen Bestellungen aus dem Ausland. Auch in dieser Woche meldete die Hamburger Zentrale wieder einen neuen Auftrag aus Peru, wohin 23 Windräder der Fünf-Megawatt-Klasse geliefert werden sollen.

Trotzdem macht das Unternehmen Verlust, 2021 waren es 230 Millionen Euro nach 100 Millionen im Vorjahr. Konzernchef José Luis Blanco spricht von "schwierigen Rahmenbedingungen". Tatsächlich gebe es in der Branche "kein profitables Unternehmen", sagte Blanco dem Hamburger Abendblatt.

Als Ursache benannte er die Kosten für Rohstoffe und Transportdienstleistungen, die seit Ende vergangenen Jahres "explosionsartig" angestiegen seien. Zudem hätten die Preise für Stahl und Kunststoffe, aus denen die Rotorblätter gefertigt werden, stark angezogen.

Für die Region an der Ostseeküste wäre die ersatzlose Abwicklung des Nordex-Werks ein weiterer Schlag. Das Unternehmen MV Werften, das in Rostock, Stralsund und Wismar Kreuzfahrtschiffe baut, ist in der Insolvenz. Damit stehen 1.800 Arbeitsplätze auf dem Spiel.

Außerdem will der Baumaschinen- und Motorenhersteller Caterpillar seinen Standort in Rostock schließen. Hier geht es um 130 Jobs.  

Die Chancen, dass Nordex seine Entscheidung wegen der Proteste und der Energiewende-Bekenntnisse der Bundesregierung rückgängig macht, sind gering. Auch der Betriebsrat und die örtliche IG-Metall-Vertretung sehen das so. Sie kämpfen dafür, dass Nordex Abfindungen zahlt, und hoffen, dass sich – mit Blick auf die Energiewende – ein anderer Investor für das Werk findet.

Der Chef der IG Metall Rostock-Schwerin, Stefan Schad, warnt davor, dass mit einer ersatzlosen Schließung der Produktion auch technische sowie Forschungs- und Entwicklungskompetenz verloren gehe. An keinem anderen Standort im Konzern sei die Qualität der Rotorblätter so hoch wie in Rostock.

Habeck plant Hilfen

Die Frage, welche Folgen es für die deutsche Energiewende hat, wenn die Fertigung der Windkraftanlagen zunehmend aus Deutschland und Europa wegverlagert wird, treibt zunehmend die Politik um. Der SPD-Bundestagsabgeordnete Bengt Bergt, bis zum vorigen Herbst selbst bei Nordex beschäftigt, warnt vor einem Engpass angesichts des von der Ampel gewünschten Windkraft-Booms.

Nachdem 2021 nur noch Anlagen mit knapp 2.000 Megawatt neu ans Netz gingen, will die Ampel in diesem Jahr 6.500 und im nächsten 9.000 Megawatt hinzufügen, bis 2030 insgesamt 110.000 Megawatt. Die weltweite Produktion hat Bergt zufolge zuletzt aber nur bei 12.700 Megawatt pro Jahr gelegen, abgesehen vom abgeschotteten China-Markt.

Ein Aus für das Nordex-Werk beute da, "einen für das Gelingen der Energiewende relevanten Industriestandort mitsamt dem Know-how, den sozialen, ökologischen und infrastrukturellen Vorteilen in ein Billiglohnland auszulagern", so Bergt. In den vergangenen zehn Jahren wurden laut Schätzung bereits insgesamt 60.000 Stellen in der Windindustrie ins Ausland verlagert.

Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Grüne) hat das Thema inzwischen erkannt. In dieser Woche traf er sich mit Ver­tre­te­rn aus der Energiewirtschaft zum Thema Ausbau der Produktionskapazitäten für Solar- und Windkraft in Deutschland und Europa.

"Wir haben jetzt schon Engpässe, vor allem im Bereich Solar", räumte er danach vor der Presse ein. Der Abbau der Windindustrie sei aber noch nicht so weit vorangeschritten wie der der Solarbranche. Das könne man "wieder hochziehen", sagte er. Dazu sind, wie es hieß, weitreichende Maßnahmen im Gespräch, von verbilligten Krediten über Bürgschaften bis zu staatlichen Beteiligungen.

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