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"Wir Schüler übernehmen Verantwortung"

Karl Klingeberg geht in die neunte Klasse einer Berliner Schule – meistens. Am heutigen Freitag besucht der 15-Jährige den Unterricht trotz Schulpflicht nicht, sondern demonstriert für mehr Klimaschutz. Mit Klimareporter° hat er darüber gesprochen, warum er das macht und was seine Lehrer dazu sagen.


Schülerstreik
Schulstreik beim Klimagipfel in Katowice: An vielen Orten der Welt blieben Schüler vor vier Wochen im Namen des Klimaschutzes dem Unterricht fern. Karl Klingeberg war einer von ihnen. (Foto: Susanne Schwarz)

Klimareporter°: Karl, du hast Mitte Dezember während des UN-Klimagipfels im polnischen Katowice einen Klimastreik von Schülern in Berlin mitorganisiert, und ab diesem Freitag soll es bundesweit weitere Aktionen geben. Was gab den Anstoß dazu?

Karl Klingeberg: Ich interessiere mich schon immer für die Klimakrise und war auch entsprechend Informiert – auch bei der großen "Stop Kohle"-Demo im Berlin war ich mit ein paar Freunden dabei. Dort erfuhren wir, dass wir einen Klima-Schulstreik in Berlin bereits verpasst hatten. Also setzten wir uns in den Kopf, selbst einen Streik zu organisieren, was ich dann größtenteils in die Hand nahm.

Den Anstoß für die Bewegung hat die schwedische Schülerin Greta Thunberg gegeben, die ihren Streik bereits seit einem halben Jahr durchführt. Immer freitags postiert sie sich vor dem Parlament in Stockholm, um für eine bessere Klimapolitik zu demonstrieren. Planst du auch eine solche Dauer-Demo?

Bei zwei zukünftigen Streiks werde ich auf jeden Fall dabei sein, ansonsten muss ich auch sehen, wie meine Schule damit umgeht. Aber ich versuche so oft es geht mitzustreiken.

Wissen die Schüler in Deutschland denn genug über den Klimawandel?

Viele von ihnen wissen leider viel zu wenig und sind sich der Ausmaße dieser Krise nicht bewusst. Grundsätzlich ist es einfacher wegzuschauen und das Wissen ins Unterbewusstsein zu verbannen. Niemand will hören, dass es zu Überschwemmungen und anderen Katastrophen kommt und dass man selbst mit daran die Schuld trägt. Ich bin überzeugt, dass man dieses Thema in der Schule weitaus mehr behandeln kann, da es jeden Schüler und jede Schülerin betrifft.

Der Schüler Karl Klingeberg steht vor einem Fenster des Berliner Reichstagsgebäudes.

Zur Person

Karl Klingeberg ist 15 Jahre alt und besucht die neunte Klasse einer Waldorfschule in Berlin-Wilmersdorf. (Foto: privat)

Die Ziele der deutschen Klimapolitik sind durchaus ambitioniert. Erkennst du das nicht an?

Die Ziele sind ambitioniert, nach Meinung unserer Regierung aber anscheinend zu ambitioniert – wieso sonst hat sie das Klimaziel für 2020 aufgegeben?

Nach meiner Meinung müsste es in der Klimapolitik viel schneller vorangehen. Ich finde es beängstigend, das Deutschland trotz seines Wohlstands noch immer nicht den Kohleausstieg beschlossen hat.

Woran liegt es, dass die Ziele bisher so zögerlich verfolgt werden?

Unsere Regierung scheut sich davor, der Kohleindustrie auf die Füße zu treten. Leider sind viele Politiker noch zu wirtschaftsorientiert und die Lobbys zu stark.

Du sagst: Deutschland muss schnell raus aus der Kohle. Sind die Jobs in dieser Branche nicht so wichtig?

Wenn wir mehr auf grünen Strom setzen, schafft das ja auch wieder Arbeitsplätze. Ansonsten gilt: Gemeinsam können – und müssen – wir neue und kreative Wege finden, sowohl der Klimakrise als auch den daraus resultierenden Veränderungen zu begegnen. Und: Die Kohlekraftwerke tragen ja nicht nur zur Erderwärmung bei, sie sondern auch noch Stickoxide und Quecksilber ab.

Greta Thunberg sagt: "Da unsere Politiker sich wie Kinder verhalten, müssen wir die Verantwortung übernehmen, die sie sie schon lange übernehmen sollten." Kann das funktionieren?

Wir sind ja schon dabei, die Verantwortung zu übernehmen, indem wir streiken gehen. Und wir sind ja nicht nur Minderjährige. Es schließen sich auch etliche Studentinnen und Studenten Gretas Bewegung an.

Für den Protest lässt du Unterricht ausfallen. Gibt das keinen Ärger? Finden die Lehrer das okay?

Unsere Klassenlehrerin hat uns einmal erlaubt, mit einer Entschuldigung zum Streik zu gehen, doch das nächste Mal werde ich unentschuldigt fehlen. Ich habe das Glück, dass meine Eltern hinter mir stehen und nichts dagegen haben, wenn ich streiken gehe. 

An anderen Schulen gab es durchaus Probleme. Streikende Schüler bekamen Fehlzeiten ins Klassenbuch eingetragen. Was rätst du denen?

Ich würde ihnen raten, ihrer Überzeugung und ihrem Verstand zu folgen. Jeder sollte für sich entscheiden, was ihm wichtiger ist. Ansonsten nicht locker lassen, denn es ist dringend notwendig. Unsere Zukunft ist gefährdet, und es liegt an uns, das zu ändern. 

Schüler streiken freitags fürs Klima

In vielen Ländern weltweit protestieren junge Menschen mit Schulstreiks gegen eine zu schwache Klimapolitik. Auch in Deutschland haben sich Schüler und Studenten der von der 15-jährigen Schwedin Greta Thunberg initiierten Bewegung angeschlossen. Erste Streiks fanden hier Mitte Dezember während des UN-Klimagipfels im polnischen Katowice statt, wo Thunberg einen viel beachteten Auftritt hatte – unter anderem in Aachen, Berlin, Göttingen, Hamburg, Kiel und Köln.

 

"Wir werden die Leidtragenden des Klimawandels sein. Gleichzeitig sind wir die letzte Generation, die einen katastrophalen Klimawandel noch verhindern kann", heißt es auf der Homepage der jungen Aktivisten. Doch die Politik unternehme nichts, um die Klimakrise abzuwenden. "Deswegen gehen wir freitags weder zur Schule noch zu Uni. Denn mit jedem Tag, der ungenutzt verstreicht, setzt ihr unsere Zukunft aufs Spiel."

 

Die Aktionen finden gemäß Thunbergs Vorbild an einem Freitag statt. Nachdem die Weihnachtsferien in den meisten Bundesländern zu Ende sind, sind nun wieder Aktionen geplant. Informationen gibt es auf fridaysforfuture.de und in den sozialen Netzwerken per Hashtag #FridaysForFuture.

 

Auch eine zentrale Demo in Berlin

Erste Streiks finden am heutigen Freitag statt, unter anderem in Freiburg, Münster und Potsdam. Für den 18. Januar sind bereits über 40 Orte gemeldet – von Aachen bis Würzburg.

 

Für den 25. Januar planen die Aktivisten dann eine zentrale Veranstaltung vor dem Bundeswirtschaftsministerium in Berlin, zu der Schüler und Studenten aus dem ganzen Bundesgebiet mit Bussen anreisen wollen. An dem Freitag tagt die Kohlekommission, die Anfang Februar ihren Fahrplan für den Ausstieg aus der Kohleverstromung und den Strukturwandel in den Revieren vorlegen soll.

 

Die Schüler und Studierenden wollen der Kommission "lautstark zeigen, dass wir in Deutschland keine Zeit mehr für fossile Brennstoffe haben, weil sie unsere Zukunft verbauen", kündigen sie dazu an. (jw)

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