"Wir müssen über Klimagerechtigkeit reden"

Parallel zum UN-Klimagipfel in Madrid findet ein "Peoples' Summit" der Zivilgesellschaft in Santiago de Chile statt. Carola Rackete, Klimaaktivistin und Ex-Kapitänin der "Sea-Watch", spricht für Klimareporter° mit den Akteuren. Heute: Mitorganisator Eduardo Giesen über Gemeingüter im Neoliberalismus.


Massenprotest in Santiago de Chile
Protest in Santiago de Chile, Ende Oktober. (Foto: Hugo Morales/​Wikimedia Commons)

Ende November bin ich nach über sechs Monaten in Europa wieder nach Chile gefahren. Seit über zehn Jahren reise ich immer wieder dorthin, es ist ein bisschen wie Nach-Hause-Kommen für mich.

Ich habe lange als nautische Offizierin auf dem Forschungsschiff "Polarstern" gearbeitet, und die meisten Forschungsexpeditionen in die Antarktis starten im chilenischen Patagonien.

Weil ich Chile so gut kenne, ist mir klar, dass die aktuellen Proteste nicht neu sind. Schon seit Jahren haben Menschen gegen steigende Benzinpreise protestiert und Universitäten wegen der hohen Studiengebühren besetzt.

Trotzdem ist es jetzt anders: Die Proteste eskalierten.

Und das erklärt auch, warum das Thema Klima gerade keine Priorität im Land hat. Zum internationalen Klimastreik am vergangenen Freitag, zu dem in Deutschland über 600.000 Menschen auf die Straße gingen, kamen in Santiago nur einige hundert Demonstranten für einen "Karneval für das Wasser" zusammen. Chile ist das einzige Land der Welt, wo Wasser komplett privatisiert ist.

Beim letzten globalen Klimastreik im September waren es noch 30.000 Teilnehmer, der größte Klimastreik jemals in der Geschichte von Chile.

Es sei nicht so, dass sich niemand mehr für Klimaschutz interessiere, sagt der 20-jährige Felipe Hernandez, einer der Sprecher von Fridays for Future in Santiago. Aber viele Eltern hätten mittlerweile Angst, ihre Kinder auf die Straße gehen zu lassen.

Carola Rackete

wurde im Juni dieses Jahres weltweit bekannt, als die Kapitänin der "Sea-Watch 3" Flüchtlinge im Mittelmeer aus Seenot rettete und trotz eines Verbots der italienischen Behörden den Hafen von Lampedusa anlief. Die Umweltschützerin veröffentlichte gerade das Buch "Handeln statt hoffen".

 

Für Klimareporter° spricht Rackete mit Akteuren des "Peoples' Summit" in Santiago de Chile, der parallel zum Weltklimagipfel in Madrid stattfindet und Klimagerechtigkeit in den Mittelpunkt stellt. 

Im vergangenen Monat starben bei den Protesten fast 30 Menschen, über 200 verloren durch Polizeigewalt das Augenlicht, weil die Polizei Demonstranten mit Gummikugeln absichtlich ins Gesicht schießt, wie Berichte von Amnesty International und Human Rights Watch belegen. Felipe und seine Freunde blieben am Freitag von Gewalt verschont.

Aufgrund der Eskalation der Proteste war der neoliberale Präsident Sebastián Piñera gezwungen, die geplante UN-Klimakonferenz in Santiago de Chile abzusagen. Stattdessen tagt sie nun in Madrid und findet damit dreimal in Folge in Europa statt.

Vertreter der südamerikanischen Zivilgesellschaft, die sich monatelang auf den Gipfel vorbereitet hatten, befürchten nun, dass sie nicht die internationale Aufmerksamheit bekommen, die sie sich erhofft hatten.

Für die meisten von ihnen ist es schon aus finanziellen Gründen unmöglich, nach Europa zu reisen. Das gilt für viele aus dem globalen Süden: Kurzfristige Umbuchungen und die Beschaffung der Schengen-Visa sind ein unüberwindbares Hindernis.

Ihre Stimmen werden daher in Madrid ungehört bleiben. Auch deswegen habe ich mich entschlossen, nach Chile zu fahren, wo Nichtregierungsorganisationen ihren Parallelgipfel zur UN-Klimakonferenz abhalten, den "Peoples' summit" oder spanisch "Cumbre de los Pueblos".

Ich will wissen, was die lateinamerikanische Zivilgesellschaft uns im globalen Norden über die Klimakrise und vor allem die Klimagerechtigkeit zu sagen hat.

Ich beginne mit Eduardo Giesen, einem der Organisatoren des "Peoples' summit". Er arbeitet für die Organisation Viento Sur, beschäftigt sich vor allem mit Klimagerechtigkeit und nimmt seit zehn Jahren an den Klimagipfeln teil.


Eduardo Giesen
Eduardo Giesen. (Foto: privat)

Carola Rackete: Eduardo, was hältst du davon, dass der UN-Klimagipfel nach Madrid verlegt wurde?

Eduardo Giesen: Die chilenische Regierung war dazu gezwungen. Sie hatte keine Wahl. Die Mobilisierung und die Wut der chilenischen Bevölkerung hätten nicht erlaubt, dass diese Verhandlungen hier in Ruhe stattfinden.

Zum einen aus logistischen Gründen: Die Hotels sind alle in den reicheren Stadtteilen, die Veranstaltungsorte im Zentrum – die Delegationen hätten jeden Tag Wege zurücklegen müssen, wo Demonstrationen stattfinden. Und auch der öffentliche Nahverkehr funktioniert derzeit nur unregelmäßig.

Auch politisch ist es im Moment vollkommen unmöglich, hier Gespräche zu führen, bei denen es um Gerechtigkeit und Gemeingüter geht. Schließlich geht es bei den Protesten gerade darum, dass Gemeingüter wie Wasser in Chile widerrechtlich angeeignet wurden. Gestohlen, schlecht genutzt oder ungerechterweise privatisiert.

Es ist eine bis heute andauernde Folge der Pinochet-Diktatur. An keinem anderen Ort der Welt ist das schlimmer – wer kein Geld hat, sitzt oft einfach auf dem Trockenen.

Jetzt finden Parallelgipfel in Madrid und in Santiago de Chile statt. Ist es ein Problem, dass die südamerikanische Zivilgesellschaft von der UN-Klimakonferenz in Madrid ausgeschlossen ist?

Einige Gruppen sind von hier nach Europa gereist, während manche Gruppen aus Europa hierher nach Chile gekommen sind. Aber die südamerikanischen Netzwerke interessierten sich sowieso schon immer mehr für die Gipfel der Zivilgesellschaft als für die offiziellen Verhandlungen, die oft ohne Ergebnisse bleiben.

Hast du Vertrauen, dass der Prozess der Klimakonferenzen geeignet ist, den Klimawandel aufzuhalten?

Nein. Der Prozess wird immer stärker beeinflusst von privaten Interessen: zum einen von den internationalen Konzernen, welche die Gipfel mitfinanzieren. Aber auch von den Oligarchen innerhalb einzelner Länder. In Chile etwa gehört ein paar Familien der Großteil der Reichtümer unseres Landes und der Wirtschaft.

Aber Parallelgipfel wie der "Peoples' Summit" sind wichtig für die Vernetzung der Zivilgesellschaft in Südamerika. Wir können so auch Druck auf die Regierungen ausüben, die sich manchmal beeinflussen lassen.

Wie geht es weiter mit Chile und der Klimakrise?

In Chile hat die Diskussion über den Klimawandel erst dann viel Aufmerksamkeit bekommen, als klar war, dass die Klimakonferenz hier stattfinden soll. Überall wird nun darüber gesprochen, die Kohlekraftwerke abzuschalten. Aber wir müssen über Klimagerechtigkeit reden. Und das heißt: über den Neoliberalismus in Südamerika und den Extraktivismus.

Was meinst du damit?

Es ist kein Einzelproblem der Arbeiter oder der Studenten oder der Frauen oder der Gesundheit. Das Problem ist das System. Das gilt auch für die gewaltigen Dürren und Waldbrände in Chile. Sie sind Teil des Systems von Neoliberalismus und Extraktivismus.

Wir könnten den Leuten zwar mehr über Treibhausgase erklären und darüber, wie verletzlich Chile gegenüber dem Klimawandel ist. Aber wir können das Problem nicht lösen, solange die Regierung in Chile nur das Interesse einer kleinen Elite bedient.

Die Chilenen wissen das selbst ganz genau, und deshalb protestieren sie jetzt auch.

Wie könnte man das System der Klimakonferenzen ändern?

Zunächst braucht es bessere Regeln, wer die Verhandlungen finanziert. In Chile wären 80 Prozent der Gelder von genau den internationalen Firmen gekommen, die das Problem erst verursacht haben.

Es kann nicht sein, dass die Vereinten Nationen mit Shell und Zementfirmen verbandelt sind und dann Entscheidungen über das Klima treffen wollen.

Alle Beiträge zur Klimakonferenz in Madrid und zum Alternativgipfel in Santiago finden Sie in unserem COP-25-Dossier.

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