Kein Schulstreik im Internet

Freiheitsbeschränkungen, um eine Krise zu bewältigen: Für viele vor Kurzem noch undenkbar, jetzt Realität. Carla Reemtsma von Fridays for Future über die Unterschiede im politischen Umgang mit Klima und Corona – und darüber, wie die Bewegung ihre Forderungen jetzt in der Öffentlichkeit platzieren will.


Farbige Demonstrationsschilder:
Der Klimastreik findet auch in Zeiten von Corona weiterhin statt – aber von zuhause aus. (Foto: Goran Horvat/​Pixabay)

Klimareporter°: Frau Reemtsma, die Ziele von Fridays for Future haben sich nicht geändert, aber die Freitagsstreiks sind in der Coronakrise nicht mehr möglich. Gleichzeitig sehen wir: Die Politik kann angesichts einer drohenden Gefahr schnelle und weitreichende Entscheidungen treffen. Was heißt das für die Klimabewegung?

Carla Reemtsma: Das ist natürlich ein bisschen erstaunlich. Vor einem halben Jahr hat FDP-Chef Christian Lindner erklärt, man dürfe für den Klimaschutz niemals die persönlichen Freiheiten einschränken, und jetzt sagen alle – und er auch: Wir brauchen einen starken Staat.

Auf der anderen Seite kommt gerade aus der Fridays-for-Future-Community viel Solidarität. Es gibt zum Beispiel Leute bei uns, die jetzt Nachbarschaftshilfe organisieren. Fridays-for-Future-Aktive gehören ja meistens nicht zu Risikogruppen – und Solidarität fordern wir schon lange.

Wir wollen aber die eine Krise nicht gegen die andere ausspielen.

Nimmt die Politik die Klimakrise weniger ernst als die Coronakrise?

Jetzt hören plötzlich alle auf die Wissenschaft, was ja auch genau richtig ist, nur beim Klima wird das leider nicht gemacht. Klimaschutz sei zu teuer und zu anstrengend, heißt es, zu sehr freiheitsbeschränkend.

Dieser Widerspruch lässt sich psychologisch einfach erklären: Die Klimakrise ist nicht so akut und nahegehend. Außerdem trifft es erstmal die Länder im globalen Süden, auch wenn der Klimawandel in den westlichen Staaten schon zu spüren ist.

Nichtsdestotrotz sind beide Krisen ernst zu nehmen. Die Hoffnung ist, jetzt zeigen zu können, dass radikale Notmaßnahmen auch politisch möglich sind.

Schnelle Entscheidungen heißt auch weniger Zeit für Abwägung und Kompromisse. Sollte die Bundesregierung in puncto Klimakrise genauso schnell Entscheidungen treffen wie jetzt in der Coronakrise?

Natürlich müssen wir uns weiterhin viele Seiten anhören. Auch Wissenschaft hat den Anspruch, ganz viele Seiten zu berücksichtigen. Klimawissenschaftler liefern auch keine Pläne, wie eine Gesellschaft umzubauen wäre. Man braucht genauso Transformationsforscher, Ökonominnen und Soziologen, die die Konsequenzen für die Gesellschaft im Blick haben.

Porträtaufnahme von Carla Reemtsma.
Foto: privat

Carla Reemtsma

Aktivistin Carla Reemtsma organisiert seit Dezember 2018 Klimastreiks mit Fridays for Future. Die Berlinerin ist 21 Jahre alt und studiert zurzeit in Münster Politik und Wirtschaft.

Gerade beim Kohleausstieg oder bei der Verkehrswende sind die regionalen Auswirkungen wichtig. Hier sollten die wichtigsten Player aber nicht RWE und VW sein.

Das Erreichen der Klimaziele für 2020 und auch für 2030 soll durch den Corona-Shutdown wieder realistisch werden. Was ist von solchen Meldungen zu halten?

Sehr kurzfristig gedacht klingt das nett. Aber der Rückgang kommt nicht durch eine nachhaltige Entwicklung, zum Beispiel einen CO2-Preis, einen Kohleausstiegsbeschluss oder ein ambitioniertes Mobilitätsgesetz. Sondern der Grund ist eine existenzielle Krise, die in anderen Bereichen der Gesellschaft katastrophale Folgen haben wird. Deswegen freuen wir uns nicht, wenn das ohnehin niedrige Klimaziel dadurch eingehalten werden sollte.

Klimaschutz rückt gerade sehr in den Hintergrund. Was tut Fridays for Future, um seine Forderungen weiterhin in der Öffentlichkeit zu platzieren?

Wir haben ein Bildungsprogramm zusammengestellt. In Webinaren erklären Wissenschaftlerinnen und Experten alles Wichtige zum Klimaschutz. Außerdem rufen wir in den sozialen Medien zu digitalen Streiks auf – unter den Hashtags #netzstreikfürsklima oder international #climatestrikeonline.

Aber wir fragen uns natürlich auch, wie wir unsere Aufmerksamkeit halten können oder wie wir damit umgehen, wenn Menschen gerade Nachbarschaftshilfe leisten müssen. Das können wir jetzt einfach noch nicht beantworten. Wenn nicht mehr tausend Eilmeldungen auf dem Handy erscheinen, können wir uns vielleicht wieder besser damit befassen, wie wir das angehen.

Viele Schüler bekommen jetzt Aufgaben via Internet zugeschickt. Gibt es Überlegungen, dazu aufzurufen, dass Schüler an Freitagen diese Arbeit niederlegen, um sich fürs Klima einzusetzen?

Nein, die schulischen Webinare sind überhaupt nicht flächendeckend organisiert und auch sonst wäre das kein Mittel, politischen Druck auszuüben. Wir müssen überlegen, wie wir anderweitig Druck machen können, aber nicht auf Krampf, nur weil Schulstreik mal das Mittel der Wahl war. Wir sind kreativ genug, andere Formen zu finden.

Was könnte das sein?

Es gibt Überlegungen, wie wir den Großstreik am 24. April gestalten können. Finden dann virtuelle Demos statt und alle können online dazukommen? Oder sollen sich alle Leute grüne Fahnen ins Fenster hängen? Wir haben Ideen, aber noch keine konkreten Pläne.

Wäre es denkbar, nur im Digitalen weiterzumachen?

In der aktuellen Situation ist es gut, dass wir das Internet haben. Doch persönlich würde ich sagen, dass hundert Leute, die vor einem Rathaus stehen, tausendmal eindrucksvoller sind als 500 Leute, die eine Online-Petition unterschreiben.

Demonstrationen und Blockaden sind die demokratischen Mittel, die wir kennen und die eine Gesellschaft zusammenbringen. Online-Aktivismus ist anonym, sehr weit weg und oft auch ein bisschen einsam. Das ist ein ganz anderes Gefühl als eine Massendemonstration in der Öffentlichkeit.

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