Die Macht der Straße zieht ins Netz

Im vergangenen Sommer eroberte Fridays for Future mit wöchentlichen Demos die politische Landschaft. Wie überlebt eine Protestbewegung, deren Einfluss vor allem auf der Macht der Straße beruht, die Coronakrise?


Youtube-Startbild mit Greta Thunberg im Friesennerz.
Mit Webinaren will Fridays for Future nun Bildung zum Klimaschutz liefern. Doch die Aufmerksamkeit ist viel geringer als bei den Freitagsstreiks. (Foto: Screenshot/​Fridays for Future/​Youtube)

"Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut", brüllten beim Klimastreik im vergangenen September über eine Million Menschen in Deutschland. Danach fanden die Fridays-for-Future-Demonstrationen weiterhin regelmäßig statt – bis letzten Freitag: Die Organisatoren sagten den bayernweiten Großstreik wegen des Coronavirus ab.

"Wir haben eine Verantwortung vor der Gesellschaft und wollen keine Menschen mit unseren Streiks gefährden", begründet Leonie Häge, Sprecherin von Fridays for Future Bayern, die Entscheidung.

Auf der überregionalen Website heißt es: "Unsere Streiks werden in den kommenden Wochen nicht wie geplant auf den Straßen stattfinden – das heißt aber nicht, dass wir leiser werden!" Der Ausweg: Der Streik wird ins Internet verlagert.

Lydia Leiste ist Klimaaktivistin in München und hat den digitalen Streik am Freitag vor einer Woche mitgemacht. Unter dem Hashtag #netzstreikfürsklima wurden die Aktivistinnen und Aktivisten aufgerufen, Fotos von ihren Aktionen zu Hause hochzuladen.

"Es ging darum, das Internet mit Bildern von Demoschildern zu fluten, damit das Thema auch irgendwie aktuell bleibt", sagt Leiste. In ihren Augen ist die Aktion erfolgreich gewesen. Ihre Timeline war voll mit Fotos vergangener Proteste oder von Menschen, die sich mit Demoschildern in ihren Zimmern fotografierten. Sogar die Rockband Annen May Kantereit hat den Internetstreik via Instagram unterstützt.

In der Klimaaktivistinnenblase

Dennoch folgen soziale Medien wie Instagram und Twitter anderen Gesetzen als die Straße. Welche Bilder und sonstigen Inhalte uns dort angezeigt werden, bestimmen Algorithmen und die Kontakte und Seiten, denen wir folgen. Dass jemand mit anderen Interessen und Followern nichts vom Internet-Klimastreik mitkriegt, ist also wahrscheinlich. Das weiß auch Lydia Leiste, und so urteilt sie abschließend: "Ich denke, es lief ganz gut – zumindest in meiner Klimaaktivistinnenblase".

Gestern war wieder Freitag und das bedeutet, eigentlich wäre wieder ein öffentlicher Streiktag geplant gewesen. Statt des Streikaufrufs zeigt die Website von Fridays for Future nun aber den Hashtag #wirbildenzukunft. Darunter ein Video mit Greta Thunberg.

Es ist das sechste einer Serie von Webinaren, die Fridays for Future in Deutschland am vergangenen Mittwoch ins Leben rief, um Bildung zum Klimawandel zur Verfügung zu stellen. Denn "obwohl wir seit Monaten auf unseren Streiks über die Klimakrise sprechen, versagen die Schulen immer noch dabei, angemessen über die Klimakrise, ihre Ursachen und Lösungsansätze aufzuklären", erklärt Jördis Thümmler, Schülerin aus Freiberg in Sachsen.

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Es sind Live-Videos, bei denen die Zuschauer während der Diskussion auf den jeweiligen Plattformen Fragen stellen können, die dann im besten Fall von Expertinnen und Wissenschaftlern beantwortet werden.

So erklärt im ersten Video die Chefin des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umweltveränderungen (WBGU), Maja Göpel, die Bedeutung der Klimaziele. Auch die Nachhaltigkeits-Influencerin Louisa Dellert spricht über die Klimakrise.

Krisen wie Krisen behandeln

Im neuesten Video unterhalten sich Greta Thunberg, Luisa Neubauer, Helena Marschall und Carla Reemtsma über die aktuellen Ereignisse um die Coronakrise und Fridays for Future.

In der Öffentlichkeit hätten diese vier Frauen sämtliches Medieninteresse geweckt. Doch so haben das Video weltweit erst rund 6.500 Menschen angeklickt – obwohl es auf Englisch ist. Das erkennt auch Thunberg: "Die Menschen werden uns derzeit nicht zuhören. Wir müssen warten und sehen, was passiert."

Die beiden Krisen gegeneinander ausspielen wollen die Klimaaktivistinnen auf keinen Fall. Ihnen ist der Ernst der Lage bewusst und sie finden es gut, dass Politiker und Medien die Krise auch wie eine solche behandeln.

Dennoch: "Nur weil derzeit die Coronakrise ansteht, heißt das nicht, dass die Klimakrise nicht mehr passiert", meint Helena Marschall.

Weniger CO2 durch Corona – kein Grund zur Freude

Am Freitag teilten Energieexperten in Berlin mit, dass die Treibhausgase durch die Coronakrise stark sinken. Das Klimaziel für 2020 sei nun doch noch erreichbar.

Für Fridays for Future ist das aber überhaupt kein Grund zur Freude. Schließlich würden derzeit viele Menschen sterben, sagt Thunberg. Außerdem gehe es bei der Bewältigung der Klimakrise darum, die Emissionen langfristig zu kürzen und nicht nur punktuell, weil die Wirtschaft gerade zusammenbricht, ergänzt Marschall. "In keiner Weise ist die Coronakrise etwas Positives."

Dennoch könne Fridays for Future etwas aus der Krise lernen, sagt Luisa Neubauer. Denn "offensichtlich sind wir in der Lage, Krisen wie eine Krise zu behandeln und Dinge in Dimensionen zu verändern, die nur wenige von uns für möglich gehalten hätten". Es sei wichtig, sich das für die Zukunft zu merken.

Denn den Kampf für den Klimaschutz aufzugeben sei keine Option. Das betont Greta Thunberg im Video eindringlich. Sie habe sich schließlich geschworen, niemals aufzugeben, und solange es Leute gebe, die für Klimaschutz kämpfen, gebe es auch Hoffnung. Jetzt müssten die Menschen aber zu Hause bleiben und da, wo sie können, humanitäre Hilfe leisten, meint die schwedische Aktivistin.

Auch wenn Fridays for Future schon immer digital war, können sich die Aktivistinnen nicht vorstellen, den Protest komplett ins Netz zu verlagern. "Ich denke, wir machen viele Erfahrungen, wie wir im Internet noch aktiver sein können, so zum Beispiel durch die Webinare", meint Lydia Leiste. "Das sind viel dezentralere Möglichkeiten. Dennoch – nach der Coronakrise gehen wir auf jeden Fall wieder auf die Straße."

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