Wie sich unsere Landwirtschaft verändern muss

Mit seinen hohen Methan- und Ammoniak-Emissionen ist der deutsche Agrarsektor nicht zukunftsfähig. Notwendig ist eine Abkehr von der industriellen Tierhaltung – hin zu einer bäuerlichen Landwirtschaft mit regionalen Nährstoffkreisläufen.


Aus einem Tankwagen wird Gülle auf eine grüne Wiese gesprüht.
Zu viele Tiere, zu viel Gülle, zu viel Methan, zu viel Ammoniak: Landwirtschaft in Deutschland 2020. (Foto: Bildagentur Zoonar/​Shutterstock)

Die Landwirtschaft steht unter Druck. Nicht erst seit dem Fall Tönnies sind Missstände durch soziale Ausbeutung und fehlendes Tierwohl bekannt. Und neben dem Insektensterben und der Belastung von Grund- und Oberflächenwasser durch zu viel Gülle muss die Bundesregierung nun endlich auch die klima- und gesundheitsschädlichen Emissionen aus der Landwirtschaft reduzieren.

Die Landwirtschaft verursachte 2018 mehr als die Hälfte der extrem klimaschädlichen Methan-Emissionen und rund 95 Prozent der gesundheitsschädlichen Ammoniak-Emissionen Deutschlands. Beide Gase stammen überwiegend aus der industriellen Tierhaltung.

Methan ist mindestens 25-mal klimaschädlicher als Kohlendioxid (CO2) und für ein Viertel der vom Menschen verursachten globalen Erderhitzung verantwortlich. Wiederkäuer stoßen Methan während der Verdauung aus. Außerdem entsteht es durch mikrobielle Abbauprozesse im Wirtschaftsdünger. So entweicht das Gas auch bei der Lagerung und Ausbringung von Gülle und Mist, wo auch das Ammoniak ausgast und indirekt klimaschädliches Lachgas verursacht.

Das deutsche Klimaschutzpaket schreibt vor, die jährlichen Emissionen in der Landwirtschaft bis 2030 gegenüber 2014 um 14 Millionen Tonnen CO2-Äquivalent zu reduzieren. Ob dieses Ziel erreicht werden kann, hängt unter anderem davon ab, welche Maßnahmen in der gemeinsamen Agrarpolitik der EU und bei deren Umsetzung in Deutschland beschlossen werden.

Auf EU-Ebene wurden bisher weder Reduktionsziele noch verbindliche Maßnahmen zur Minderung von Methan festgelegt. Die Europäische Kommission will Ende Oktober ihre Methanstrategie vorlegen. Der aktuelle Entwurf ist jedoch eher ein Geschenk an die Industrie als ein wirksamer Plan für mehr Klimaschutz, denn bislang belässt es die Kommission bei Datenerhebung und freiwilligen Maßnahmen.

Luftreinhalteprogramm bleibt zu schwach

Es gibt einige technische Möglichkeiten zur Minderung von Methan. Beispiele sind die gasdichte Lagerung von Wirtschaftsdüngern und Gärresten oder das Neutralisieren der Gülle mit Säure. Eine Förderung oder ein gesetzlicher Rahmen, der diese Verfahren ermöglicht, stehen jedoch noch aus.

In Biogasanlagen können Gülle und Mist vergärt und energetisch genutzt werden. Das kann regional sinnvoll sein, um überschüssigen Wirtschaftsdünger zu verwerten. Doch größere Anlagen haben einen hohen Bedarf an Energiepflanzen, was den Druck auf Ackerflächen vergrößert. Dieser Weg kann also nur eine von vielen Maßnahmen sein.

Die Emissionen aus der Landwirtschaft sind aber nicht nur extrem klimaschädlich, sondern auch gesundheitsschädlich. Ammoniak wird zu sekundärem Feinstaub, der sogar in weit entfernten Städten das Atmen schwer macht. Gleiches gilt für bodennahes Ozon, für das Methan ein Vorläuferstoff ist.

Porträtaufnahme von Sascha Müller-Kraenner und Jürgen Resch.
Sascha Müller-Kraenner (links) und Jürgen Resch sind Bundesgeschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH). (Foto: Steffen Holzmann/​DUH)

In Deutschland müssen laut Europäischer Umweltagentur jährlich über 60.000 vorzeitige Todesfälle der erhöhten Feinstaubkonzentration (PM2,5) und 3.000 Fälle der hohen Ozonbelastung zugerechnet werden.

Die EU hat sich daher auf verbindliche Minderungsziele für Luftschadstoffe wie Ammoniak geeinigt. In einem nationalen Luftreinhalteprogramm muss Deutschland festlegen, mit welchen Maßnahmen die Minderungsziele erreicht werden sollen.

Nach Einschätzung der Deutschen Umwelthilfe (DUH) ist das Luftreinhalteprogramm allerdings zu schwach und unkonkret, um die vorgegebenen Ziele zu erreichen. Deshalb hat die DUH im Mai dieses Jahres Klage gegen die Bundesregierung vor dem Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eingereicht.

Industrielle Tierhaltung hat keine Zukunft

Das Pariser Klimaabkommen erfordert eine Entwicklung der Landwirtschaft zu netto null Emissionen bis Mitte des Jahrhunderts. Um dieses Ziel zu erreichen, braucht es mehr als technische Innovationen. Es braucht den Umbau des tierhaltenden Sektors.

Die Deutsche Umwelthilfe fordert eine Abkehr von der industriellen Tierhaltung – hin zu einer bäuerlichen Landwirtschaft mit regionalen Nährstoffkreisläufen. Sie kann mit Blick auf Ammoniakminderung und Klimaschutz viel bewirken.

Eine Anpassung der Tierbestände an das, was Klima, Luft und Wasser ertragen können, käme auch den Tieren zugute: Weniger Tiere pro Betrieb könnten mehr Platz für jedes einzelne bedeuten.

Um die bäuerliche Landwirtschaft zu stärken, braucht es auch finanzielle Unterstützung. Die DUH fordert deshalb eine Abgabe auf tierische Produkte. Die Einnahmen aus der Abgabe sollen zweckgebunden in den umwelt- und tiergerechten Umbau von Ställen und andere Maßnahmen fließen.

Für eine wirksame Veränderung müssen aber auch die Ernährungsmuster der Gesellschaft klimafreundlicher werden. Das Erntedankfest am Wochenende könnte Anlass für jeden und jede sein, den eigenen Beitrag unter die Lupe zu nehmen.

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