Rinderhaltung zum Klimaschutz? Achtung, Greenwashing!

Zur Verteidigung der Rinderhaltung werden heute verschiedene Klima- und Umwelt-Argumente angeführt. Allen gemeinsam ist, dass sie sich auf besondere Haltungsformen beziehen, die mit der heutigen Fleisch- und Milchwirtschaft nicht viel zu tun haben.


Kühe grasen auf einer Weide in Osteuropa.
Die extensive Weidehaltung von Rindern ist weniger klimaschädlich, aber die meisten Rinder in Deutschland sehen nie eine Weide. (Foto: Jewgeni Bely/​Shutterstock)

Seit Jahren ist bekannt, dass die Erzeugung von Fleisch, Milch und Eiern mit immensen Treibhausgasemissionen einhergeht. Einschlägigen Darstellungen zufolge ist die Rinderhaltung besonders klimaschädlich: So verursacht ein Kilogramm Rindfleisch im Schnitt achtmal so viel Emissionen wie ein Kilo Schweinefleisch und sogar 60-mal so viel wie ein Kilo Erbsen.

Das liegt zum einen am immensen Landbedarf der Rinderhaltung und zum anderen am besonders wirksamen Treibhausgas Methan, das die Rinder bei der Verdauung bilden.

In letzter Zeit erscheinen allerdings in verschiedenen Medien immer wieder Artikel, die dieses Bild infrage stellen: Kühe seien, zumindest wenn sie auf der Weide grasen dürften, gar keine Klimakiller. Manche Verteidiger von Steak und Käse behaupten gar, wir sollten alle mehr Rindfleisch essen, um das Klima zu schützen.

Was ist dran an dieser versuchten Ehrenrettung der Rinderhaltung? Tatsächlich so gut wie gar nichts. Die Argumente, die dafür vorgebracht werden, sind fehlerhaft, und wissenschaftliche Studien untermauern die etablierte Sichtweise, wonach die Rinderhaltung auch dann klimaschädlich ist, wenn die Tiere Gras von der Weide fressen. Wer das leugnet, betreibt letztlich Greenwashing einer Branche, die dringend grundlegend transformiert werden muss.

Schauen wir uns die Verteidigungsstrategien für die Rinderhaltung im Einzelnen an. Die steilste Behauptung lautet: Unter den richtigen Umständen – ein bestimmtes Weidemanagement, reine Grasfütterung – sei die Nutzung von Rindern nicht nur nicht klimaschädlich, sondern aktiver Klimaschutz, da die Tiere effektiv dafür sorgten, dass Treibhausgase aus der Atmosphäre entfernt würden.

Positiver Klimaeffekt der Beweidung weit überschätzt

Ein prominenter Vertreter dieser These ist Allan Savory, Begründer einer internationalen Bewegung, die sich für eine "regenerative" oder "holistische" Weidehaltung einsetzt. Die Idee: Grasende Kühe könnten den Humusgehalt im Boden erhöhen und dadurch Kohlenstoff aus der Luft einlagern.

Dafür müsste man die Tiere in großen Gruppen in kurzem Wechsel auf verschiedenen Flächen weiden lassen, um das Verhalten natürlicher Herden von Wiederkäuern zu simulieren. Wenn man das weltweit auf möglichst vielen Flächen umsetzen würde, ließe sich der Klimawandel nicht nur aufhalten, sondern praktisch umkehren, so Savory.

Nicht ganz so weit geht die deutsche Tierärztin Anita Idel, Autorin des Buches "Die Kuh ist kein Klima-Killer". Aber auch Idel vertritt öffentlichkeitswirksam die These, dass Rinder auf der Weide in Wahrheit Klimaschützer seien. Auch sie führt als Begründung an, dass Grünland durch die Beweidung mehr Humus speichern und damit Klimagase aus der Luft holen würde.

Nun gibt es diesen Einlagerungseffekt tatsächlich. Aber daraus folgt nicht, dass die Rinderhaltung insgesamt gut fürs Klima wäre. Um das zu beurteilen, müsste man die negativen Emissionen quantifizieren und mit den Treibhausgasen vergleichen, die die Rinderhaltung weiterhin verursacht, unter anderem durch das Methan, das die Tiere bei ihrer Verdauung bilden. Anita Idel liefert aber überhaupt keine Zahlen, anhand derer ihre Behauptungen in diesem Sinne überprüft werden könnten.

Es gibt allerdings Studien, die genau einen solchen Vergleich angestellt haben. Ein Forschungsnetzwerk an der Universität Oxford veröffentlichte im Jahr 2017 eine umfassende Metastudie genau zu der Frage, welche Rolle die Weidewirtschaft mit Wiederkäuern für die Klimakrise spielen kann. Es kam zu folgenden Ergebnissen: Die Daten dazu, wie viel Kohlenstoff man durch Beweidung im Boden einlagern kann, sind uneinheitlich und widersprüchlich. Die Wirkungen sind, wenn überhaupt vorhanden, klein.

Insgesamt verursacht die Weidewirtschaft laut der Metastudie viel mehr Treibhausgase, als mithilfe bestimmter Beweidungsarten eingelagert werden könnten. Eine Studie vom Umweltbundesamt zu den Klimaauswirkungen verschiedener Milchproduktionssysteme lässt denselben Schluss zu.

Methan reduzieren statt nur den Anstieg stoppen

Ein wichtiger Faktor für die Klimabilanz ist, wie schon gesagt, das Methan, das Wiederkäuer bei der Verdauung bilden. Genau hier setzt nun die zweite Strategie zur Verteidigung der Rinderhaltung an. Man müsse das Methan anders bewerten, als es in üblichen Emissionsbilanzen geschieht. Der Demeter-Berater Ulrich Mück zum Beispiel behauptet auf dieser Basis: Solange die Tierzahlen nicht ansteigen würden, sei das Methan gar nicht klimaschädlich.

Er bezieht sich auf die Tatsache, dass Methan anders als andere Treibhausgase kurzlebig ist: Nach etwa zwölf Jahren in der Atmosphäre zerfällt es wieder. Sofern jedes Jahr nur so viel Methan hinzukomme, wie im selben Jahr zerfalle, gebe es daher keine Erwärmungswirkung. Und genau das sei in Deutschland der Fall, denn hier sei die Zahl der Rinder in den letzten 150 Jahren gesunken statt angestiegen.

Global gesehen ist das zwar anders – hier könnte man aber darauf verweisen, dass es vor der heutigen Tierindustrie weit mehr wildlebende Wiederkäuer gab, etwa die nordamerikanischen Büffelherden, die ebenfalls Methan ausgestoßen haben. Das hat aber damals offenbar keine Klimakrise ausgelöst. Kann man die Rinderhaltung also bei den Klimaschutzbemühungen vernachlässigen?

Keineswegs. Zwar ist die Frage, wie man kurzlebige Treibhausgase in Emissionsbilanzen einrechnen kann, durchaus eine komplexe Sache. Es ist gibt verschiedene Berechnungsmethoden, die jeweils Sinn ergeben. Bislang üblich ist, die Wirkung von Methan mit der von Kohlendioxid in Beziehung zu setzen, indem man die Erwärmungswirkung entweder über 100 oder über 20 Jahre vergleicht: Auf 100 Jahre gerechnet, ist Methan etwa 28-mal so klimaschädlich wie Kohlendioxid, auf 20 Jahre gerechnet sogar 84-mal.

Porträtaufnahme von Friederike Schmitz.
Foto: Alice Baldwin

Friederike Schmitz

ist Autorin und Aktivistin. Ihr aktuelles Buch heißt "Anders satt: Wie der Ausstieg aus der Tier­industrie gelingt". Darin erläutert sie die Gründe für eine umfassende Trans­formation des Ernährungs­systems und zeigt Alter­nativen sowie politische Maßnahmen auf.

Zugleich stimmt es aber, dass ein gleichbleibendes Methanlevel allein nicht dazu führt, dass es über die Zeit immer wärmer wird. Entsprechend kann man auch so rechnen, dass nur Zu- und Abnahmen von Methanemissionen berücksichtigt werden.

Aber selbst wenn ein gleichbleibendes Methanlevel nicht zur weiteren Erwärmung beiträgt, so trägt es doch zur Wärme bei. Und die Erdtemperaturen sind ja schon längst viel zu hoch. Ein sinkender Rinderbestand würde mit derselben Betrachtungsweise umgekehrt eine kühlende Wirkung haben – in Anbetracht der Klimakatastrophe eine Chance, die wir uns nicht entgehen lassen dürfen.

Neuere Untersuchungen besagen darüber hinaus, dass sich in einer immer wärmeren Welt möglicherweise der chemische Prozess verlangsamt, der dieses Treibhausgas stetig aus der Atmosphäre entfernt. In jedem Fall sind die Methanemissionen ein wichtiger Hebel, um die Erderwärmung kurzfristig abzubremsen – gerade weil sie auf die nahe Zukunft gerechnet so besonders klimawirksam sind.

Hinzu kommt, dass frei werdende Flächen zur Renaturierung genutzt werden können, zum Beispiel zur Wiedervernässung von Mooren, und dann große Mengen an Treibhausgasen einlagern könnten. Wenn man dieses verschenkte Klimaschutzpotenzial bei den Emissionen von Steak oder Käse einbezieht, sieht die Bilanz nochmal ganz anders aus.

Rinderhaltung ist und bleibt also klimaschädlich – nicht nur wegen des Methans, sondern auch wegen des enormen Flächenbedarfs.

Grünland lässt sich auch anders nutzen und erhalten

An dieser Stelle kommen bisweilen noch zwei weitere Verteidigungsmanöver zum Einsatz, die letztlich darauf abzielen, dass diese Art der Flächennutzung trotz Klimaschadens sinnvoll sei.

Wir bräuchten die Rinderhaltung, weil wir nur durch sie Wiesen und Weiden für die menschliche Ernährung nutzen könnten – das sagt zum Beispiel Wilhelm Windisch, Professor für Tierernährung in München. Er verweist auch darauf, dass global ein Großteil der landwirtschaftlich genutzten Fläche Grünland ist.

Nun stimmt es zwar, dass wir dieses Grünland so nutzen können. Aber es stimmt nicht, dass wir es nutzen müssen, um genug Nahrung für Menschen herzustellen. Obwohl die beanspruchte Fläche so groß ist, liefert die Rinderhaltung aktuell nur einen kleinen Teil der Kalorien für die menschliche Ernährung.

Den Teil könnten wir leicht auf den vorhandenen Ackerflächen erzeugen, wenn wir dort nicht mehr so viel Futtermittel anbauen würden. In einem Szenario, in dem die ganze Welt vegan leben würde, verringert sich der Gesamtbedarf an landwirtschaftlicher Fläche um nicht weniger als drei Viertel.

Davon abgesehen kann man Grünland auch anderweitig effizient nutzen: Mit Nussbäumen lässt sich sogar ein Vielfaches der Kalorien pro Fläche erzeugen. Ökologische Streuobstwiesen sind eine weitere Option. Und Gras kann auch zur Produktion von Papier oder für die Düngung anderer Flächen verwendet werden.

Die Weidehaltung von Rindern sei trotzdem wichtig, so lautet das letzte Verteidigungsmanöver, weil ohne sie die besondere Artenvielfalt der Weiden verloren gehen würde. Dagegen spricht erstens, dass in vielen Fällen andere Ökosysteme – wiederhergestellte Moore oder naturnahe Wälder – mindestens genauso sinnvoll wären und mehr zum Klimaschutz beitragen würden.

Zweitens kann man artenreiche Wiesen auch anders erhalten als durch kommerzielle Rinderhaltung, durch Mähen oder auch durch reine Naturschutz-Beweidung zum Beispiel mit Ziegen, die nicht auf hohe "Leistungen" gezüchtet sind.

Noch wichtiger ist allerdings, dass es mit Blick auf die reale Praxis der Rinderhaltung in Deutschland eigentlich fast zynisch ist, sie mit Verweis auf die Artenvielfalt zu verteidigen: Nur bei vier bis 14 Prozent des deutschen Grünlands handelt es sich noch um artenreiches Grünland. Die anderen Flächen werden intensiv genutzt, also stark gedüngt und mehrmals im Jahr gemäht – nur dann lohnt es sich wirtschaftlich, dort Futter für Rinder zu produzieren.

Die Tierhaltung ist insgesamt ein zentraler Treiber des Artenverlusts. Die positiven Effekte gibt es, wenn überhaupt, nur in Nischen. Trotzdem dient der Verweis auf artenreiche Wiesen in der Praxis oft dazu, die Tierhaltung insgesamt zu rechtfertigen.

Wer Theorie für Praxis ausgibt, betreibt Greenwashing

Und genau darin liegt das größte Problem all der hier dargestellten Verteidigungsstrategien: Obwohl sie sich jeweils nur auf bestimmte Formen der Rinderhaltung beziehen, tragen sie effektiv dazu bei, die gesamte Fleisch- und Milchwirtschaft grünzuwaschen – auch die Formen, die den jeweiligen Kriterien gar nicht entsprechen.

Anita Idel zum Beispiel streitet theoretisch für eine Rinderhaltung, bei der die Tiere ausschließlich von Gras ernährt werden. Den industriellen Ackerbau lehnt sie ab. Aber in einem Tagesschau-Beitrag, der mit Idels Hilfe erklären will, "warum Kühe keine Klimakiller sind", wird ein Milchbetrieb porträtiert, wo die Kühe keineswegs nur von Gras leben, sondern wie fast alle Milchkühe in Deutschland zusätzlich Getreide vom Acker fressen – das noch nicht einmal aus der Region kommt.

Demeter-Berater Mück begründet seine These, dass es mehr Menschen brauche, die Rindfleisch essen, mit den vermeintlich positiven Effekten der Weidehaltung. Worauf er aber gar nicht eingeht, ist die Tatsache, dass in Deutschland weniger als ein Drittel der Rinder überhaupt Zugang zu einer Weide haben.

Wilhelm Windisch wiederum verteidigt theoretisch nur diejenige Tierhaltung, bei der keine Nahrungskonkurrenz mit der menschlichen Ernährung besteht. Futtermittel extra auf dem Acker anzubauen, hält auch er für Verschwendung. Er sagt daher selbst, dass Tierhaltung und Tierkonsum unter diesen Bedingungen hierzulande um mindestens zwei Drittel sinken müssen. Nichtsdestoweniger nutzt er Zeitungsinterviews, um Fleischesser:innen zu beruhigen: "Sie können das Steak oder Schnitzel guten Gewissens genießen und müssen keine Angst haben, dass Sie ein Umweltverschmutzer sind."

Diese Art von Greenwashing trägt mit dazu bei, dass es in politischen Debatten fast nie um den Rückbau der Tierbestände, sondern allein um die Art und Weise der Tierhaltung geht: Man diskutiert darüber, mit welchen Maßnahmen man Landwirt:innen dazu bringen kann, ihre Rinder auf die Weide zu schicken, anstatt darüber, welche Anreize es braucht, damit Betriebe mit der Tierhaltung aufhören.

Und auf der Ernährungsseite serviert man bei Informationsveranstaltungen wie in der Taz-Kantine, wo es um Klimaschutz gehen soll, Rindfleisch aus der Region, statt den Gästen vielfältige pflanzliche Gerichte schmackhaft zu machen.

Wem ernsthaft an Klimaschutz gelegen ist, der darf auf die dargestellten Verteidigungsmanöver nicht hereinfallen. Um Treibhausgase zu reduzieren und Artenvielfalt wiederherzustellen, braucht es eine drastische Transformation weg von der Tierhaltung und vom Tierkonsum, hin zu pflanzlichen Ernährungsweisen.

Zahlreiche weitere Argumente weisen in dieselbe Richtung – nicht zuletzt das schreckliche Leid, das die Tiere in Ställen und Schlachthöfen erfahren. Der Ausstieg aus der Tierindustrie ist somit nicht nur ein zentraler Hebel für den Klimaschutz, sondern ein unverzichtbarer Schritt auf dem Weg zu einer insgesamt gerechteren Gesellschaft.

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