Weder Welt- noch Europameister

Um in Deutschland den Artenschutz zu verbessern, hat die Wissenschaftsakademie Leopoldina einen Plan vorgelegt. Dabei geht es auch um neue Schutzgebiete. Allerdings werden die europäischen Regeln schon in den vorhandenen Gebieten zu wenig beachtet.


Rotbauchunke sitzt auf dem Boden.
Intensive Landwirtschaft, Straßenbau und Lebensraumzerstörung haben die Rotbauchunke in Deutschland auf die Rote Liste gebracht. (Foto: Marek Szczepanek/​Wikimedia Commons)

Nie war die Geschwindigkeit, mit der Tiere und Pflanzen aussterben, so hoch wie heute. Expert:innen sprechen von einem Massenaussterben.

Zum heutigen Tag der biologischen Vielfalt haben Wissenschaftler:innen der Akademie Leopoldina ein Papier veröffentlicht, wie der Verlust der Artenvielfalt gebremst werden kann. Darin sprechen sie zehn Empfehlungen für Deutschland und Europa aus.

Einige haben erst auf den zweiten Blick etwas mit Artenschutz zu tun. So soll der Fleischkonsum 30 Kilogramm pro Kopf und Jahr nicht übersteigen. Hierzulande verzehren die Menschen jährlich im Durchschnitt mehr als 60 Kilogramm Fleisch. Auch der Umfang der Lebensmittelabfälle soll reduziert werden.

Weiterhin empfehlen die Leopoldina-Expert:innen, dass die EU-Agrarpolitik eine umwelt- und grundwasserschonende Landwirtschaft fördern soll. Abgaben auf Pestizide und Dünger sollen deren Einsatz reduzieren.

Die Vielfalt von Biotopen soll auch in den Regionen mit intensiver Landwirtschaft gefördert werden, beispielsweise durch das Anlegen oder Erhalten von Tümpeln, Hecken, Schutzstreifen oder Brachen. In den nächsten 20 Jahren sollen 10.000 bis 15.000 Quadratkilometer entwässerter Moor- und Feuchtgebiete wiedervernässt werden.

"Die Autoren setzen im ersten Teil wichtige Schwerpunkte, wenn sie bei der Schilderung der Biodiversitätskrise unter anderem auf die Intensivierung der Landnutzung abstellen", sagt Raphael Weyland vom Naturschutzbund Deutschland (Nabu) zum Leopoldina-Vorschlag. Intensive Landnutzung sei der wichtigste Treiber für den Verlust der Arten.

Auch das Herausgreifen des Fleischkonsums sei richtig, wenn man direkte und indirekte Auswirkungen auf Natur und Klima wie zum Beispiel die Abholzung von Regenwäldern für die Produktion von Futtermitteln eindämmen wolle.

Schutzgebiete, die nicht richtig schützen

Weiterhin sollen Deutschland und die EU nach den Vorschlägen der Leopoldina mindestens 30 Prozent der Landfläche unter Schutz stellen. Auf weiteren 20 Prozent soll Landnutzung nur mit Rücksicht auf die Biodiversität möglich sein. Dazu sollen die Vorgaben zu Naturparken und Biosphärenreservaten vereinheitlicht werden.

Naturschützer Weyland hält das für keine gute Idee. Er fürchtet, dass die Vorgaben zu beliebig ausfallen oder rechtlich aufgeweicht werden. Das Hauptziel – der Artenschutz – werde dann möglicherweise nicht mehr erfüllt. So seien etwa in Landschaftsschutzgebieten nur Eingriffe verboten, die den Charakter des Gebiets verändern würden, aber nicht Eingriffe zulasten der Artenvielfalt.

Laut Nabu nehmen die EU-rechtlich geschützten Natura-2000-Gebiete in Deutschland 14 Prozent der Fläche ein. Allerdings steht Deutschland in der Kritik, weil die Politik nicht genügend unternimmt, um die Gebiete zu schützen. Im Februar hatte die EU-Kommission deshalb Deutschland förmlich gemahnt, den Verpflichtungen aus der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie nachzukommen.

"Konkret wirft die EU-Kommission der Bundesregierung vor, dass sie die Natura-2000-Gebiete unzureichend rechtlich sichert", sagt Weyland gegenüber Klimareporter°. Für jedes der Schutzgebiete müssen spezifische Erhaltungsziele für Arten und Lebensräume und darauf aufbauende Schutzmaßnahmen festgelegt werden. Das soll eine Verschlechterung des Zustands der über 4.600 Natura-2000-Gebiete in Deutschland verhindern.

EU muss Deutschland zum Naturschutz zwingen

"Das Verfahren läuft bereits seit 2014, seit spätestens Ende 2010 ist die Umsetzungsfrist für Deutschland diesbezüglich abgelaufen", erläutert Weyland. Er rechnet damit, dass die Kommission letztlich eine Klage vor dem Europäischen Gerichtshof anstrengen wird, auch wenn er es natürlich besser fände, wenn Deutschland die Vorgaben erfüllen würde.

"Allgemein ist Deutschland, was die Umsetzung von EU-Recht angeht, nicht der Musterschüler, für den es sich gerne ausgibt", meint Weyland. Europäisches Umweltrecht werde häufig erst auf Druck der EU-Kommission und des Europäischen Gerichtshofs und mit jahrzehntelanger Verzögerung durchgesetzt.

So war es auch bei der Novelle der Düngeverordnung, die Deutschland unlängst beschlossen hat – 28 Jahre, nachdem die EU ihre Nitratrichtlinie verabschiedet hatte. Zurzeit laufen gegen Deutschland elf Vertragsverletzungsverfahren im Umwelt- und Naturschutzbereich.

"Insgesamt muss die Politik auf Regional-, Landes- und Bundesebene die Vorgaben des EU-Naturschutzrechts wieder ernst nehmen, und zwar ressortübergreifend", fordert Weyland. Dafür müssten die Naturschutzabteilungen die nötigen Ressourcen einfordern. Insgesamt müsse die Politik dem Naturschutz Vorrang vor wirtschaftlicher Tätigkeit einräumen.

Biodiversität ist Klimaschutz

Artenvielfalt in Zahlen zu fassen ist schwierig. Schätzungsweise acht bis zehn Millionen Tier-, Pflanzen- und Pilzarten gibt es weltweit – etwa 1,9 Millionen sind erforscht. Rund eine Million Tier- und Pflanzenarten werden innerhalb der nächsten Jahrzehnte an der Rand der Ausrottung gedrängt werden, warnte der Weltbiodiversitätsrat IPBES im vergangenen Jahr in seinem globalen Bericht zum Zustand der Natur.

Als Ursache nennt der Weltbiodiversitätsrat das massive Eingreifen der Menschen in die Natur: Drei Viertel der Landoberfläche der Erde und zwei Drittel der Meeresflächen sind stark verändert. Über 85 Prozent der Feuchtgebiete sind verloren gegangen. Jagd und Wilderei, der Klimawandel, Umweltgifte und invasive Arten wie Ratten, Mücken und Schlangen trügen weiter dazu bei, den Zustand der Artenvielfalt zu verschlechtern.

Biodiversität sichert nicht nur den Wohlstand der Menschheit, sondern hilft auch dem Klimaschutz. Artenreiche Wälder können viel mehr Kohlenstoff binden als Monokulturen. Wissenschaftler:innen aus China zeigten in einer Studie, dass ein Wald mit 16 verschiedenen Baumarten nach acht Jahren durchschnittlich 32 Tonnen Kohlenstoff pro Hektar speichert. Eine Monokultur kommt dagegen nur auf zwölf Tonnen.

Ein weiterer Leopoldina-Vorschlag für mehr Biodiversität setzt genau da an: Im Jahr 2030 sollen 50 Prozent der Wälder unter Schutz gestellt sein oder nachhaltig bewirtschaftet werden, zudem sollen in den kommenden zehn Jahren weltweit 3,5 Millionen Quadratkilometer Wald aufgeforstet werden – mit stresstoleranteren lokalen Baumarten und durchmischten Beständen.

Weiterhin soll ein Aktionsplan entwickelt werden, um die verbliebenen 11,5 Millionen Quadratkilometer Urwald auf der Erde zu schützen. Zudem sollen die Finanzhilfen für Schutzgebiete in Schwellen- und Entwicklungsländern erhöht werden, weil der massive Ressourcenverbrauch Deutschlands häufig die Zerstörung von Natur in anderen Ländern zur Folge hat.

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