Ausgedörrtes Angebot trifft auf anziehenden Bedarf

Dem Arabischen Frühling ging ein massiver Anstieg der Lebensmittelpreise voraus. Zum aktuellen Preisanstieg kommen aber noch drei Faktoren hinzu, die Unruhen begünstigen: der Einkommensverlust durch Corona, ein hoher Schuldenstand in vielen Entwicklungsländern und die Pandemie selbst.


Ein Sojabohnen-Feld wird maschinell geernet.
Sojafeld in Brasilien: Dürren und eine steigende Nachfrage nach Futtermitteln und Agrokraftstoffen treiben die Nahrungsmittelpreise hoch, wie schon 2010. (Foto: Charles Ricardo/​Pixabay)

Seit Beginn der Corona-Pandemie steigen die Preise für Nahrungsmittel kontinuierlich an. Der Preisindex der UN-Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation FAO ist im Mai zum zwölften Mal in Folge gestiegen. Der Index zog im Vergleich zum April um knapp fünf Prozent an und liegt nun fast 40 Prozent höher als im Mai 2020.

Obwohl der Preisindex im Juni leicht nachgegeben hat, waren Lebensmittel seit dem September 2011 nicht mehr so teuer (siehe Grafik unten).

Damals war der Arabische Frühling in vollem Gange. Der ägyptische Präsident Hosni Mubarak war nicht mehr im Amt, Kämpfe tobten in Libyen, und in Syrien begann der Bürgerkrieg. Einer der Auslöser für den Arabischen Frühling war ein massiver Anstieg der Nahrungsmittelpreise im Jahr 2010.

Auf der Nachfrageseite wird der Preisanstieg besonders durch steigende Importe Chinas getrieben. Im Jahr 2019 gab es einen riesigen Ausbruch der Afrikanischen Schweinepest und die Hälfte der 440 Millionen Schweine in China musste getötet werden. Das trieb den Preis für Schweinefleisch weltweit in die Höhe.

Anschließend haben die Mastbetriebe ihre Bestände wieder aufgestockt. Dadurch stieg der Bedarf an Futtermitteln, vor allem Soja. Wegen Dürre in Nordchina und Überschwemmungen in Südchina fiel aber ein Teil der einheimischen Produktion weg und China musste mehr Futtermittel importieren.

Für Chinas steigende Nahrungsmittelimporte gibt es aber auch strukturelle Gründe. Die Bevölkerung auf dem Land ist überaltert und viele der Böden sind ausgelaugt oder sogar mit Schwermetallen belastet. Zudem wachsen die Städte und immer mehr Ackerland verschwindet unter Beton und Asphalt.

Auf der Angebotsseite treibt die Dürre in Brasilien die Preise von Lebens- und Futtermitteln nach oben. Das Land erlebt derzeit die schwerste Trockenperiode seit über 90 Jahren. Brasilien gehört zu den größten Exporteuren von Soja, Zucker, Kaffee, Mais und Rindfleisch.

Zudem herrscht auch im Südwesten der USA Dürre. Die Bundesstaaten Kalifornien, Nevada, Utah, Arizona und New Mexico erleben seit rund 20 Jahren eine "Megadürre". Anhand der Analyse von Baumringen konnten Wissenschaftler zeigen, dass die Region die zweittrockenste Periode seit dem Jahr 800 erlebt.

Während kurze Trockenperioden in Brasilien und im Südwesten der USA nichts Besonderes sind, kommen "Megadürren" sehr selten vor. Doch wegen des Klimawandels steigt die Wahrscheinlichkeit dafür. "Der Klimawandel führt dazu, dass der Westen der USA immer trockener wird", sagte Benjamin Cook von der New Yorker Columbia-Universität, ein Mitautor der Baumring-Studie.

Auch Agrosprit treibt den Preis

Fatalerweise ist aber nicht nur der Klimawandel mitschuldig am Anstieg der Nahrungsmittelpreise, sondern auch eine Maßnahme, die dafür sorgen soll, diesen zu verlangsamen: sogenannter Biosprit. Der Preis von Soja-, Palm- und Rapsöl hat sich in den letzten zwölf Monaten mehr als verdoppelt.

Das hat zwei Gründe. Einerseits wächst die Produktion von Palmöl in Südostasien weniger schnell als erwartet und andererseits besteht "Aussicht auf eine kräftige Nachfrage vor allem im Bereich Biodiesel", wie die FAO schreibt.

Aber auch bei den anderen Nahrungsmitteln gibt es Gründe für einen weiteren Anstieg der Preise. Wenn immer mehr Menschen geimpft sind und wieder in Restaurants essen, steigt die Nachfrage nach Lebensmitteln. Zudem werden Öl und Gas immer teurer, wodurch die Produktionskosten der Landwirtschaft steigen.

Der Anstieg der Nahrungsmittelpreise kommt für viele ärmere Länder zu einem besonders ungünstigen Zeitpunkt. Die Weltbank schätzt, dass wegen der Coronakrise rund 120 Millionen Menschen mehr als zuvor über ein Tageseinkommen von weniger als 1,90 US-Dollar verfügen und weitere 220 Millionen Menschen über weniger als 3,20 Dollar.

Kurvendiagramm: Die globalen Nahrungsmittelpreise steigen seit Mitte 2020 so stark an wie zuletzt von Mitte 2010 bis Anfang 2011.
Die Nahrungsmittelpreise steigen in der Coronakrise so stark an wie zuletzt vor zehn Jahren, als dies den Arabischen Frühling auslöste. (Grafik: Christian Mihatsch; Daten: FAO)

Zudem droht eine neue Schuldenkrise. Nach Angaben des Internationalen Währungsfonds (IWF) besteht aktuell bei mehr als der Hälfte der 70 ärmsten Länder der Welt eine große Gefahr, dass sie in eine Schuldennotlage geraten, und auch viele Länder mit mittlerem Einkommen haben sehr hohe Schulden.

UN-Chef Antonio Guterres warnte bereits: "Wir können nicht sehenden Auges in eine Schuldenkrise laufen, die vorhersehbar und vermeidbar ist."

Dass es in manchen Ländern zu politischen Unruhen kommen könnte, liegt aber nicht allein am Anstieg der Nahrungsmittelpreise und gesunkenen Einkommen bei hohem Schuldenstand. Auch die Corona-Pandemie selbst erhöht die Wahrscheinlichkeit von Unruhen, wie eine Untersuchung des IWF zeigt.

Die Hauptgründe dafür seien ein Anstieg der sozialen Ungleichheit und die Reduktion des Wachstums: "Pandemien führen zu einem deutlich höheren Risiko von Unruhen nach 14 Monaten." Auch wenn in den Industriestaaten bald alle geimpft sind, stehen der Welt also zwei, drei unruhige Jahre bevor – auch wegen der Preise für Nahrungsmittel.

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