Beeren unter Strom

Mit Agri-Photovoltaik lässt sich nicht nur Ökostrom erzeugen, sondern auch etwas für die Biodiversität tun. Unter Forschern gilt sie als große Chance, dennoch kommt sie in Deutschland noch immer nicht über Test- und Pilotprojekte hinaus.


Mit Solarpeneelen überdachte Reihen von Himbeersträuchern in einem niederländischen Gartenbaubetrieb unweit von Kleve.
In den Niederlanden wird Agri-Photovoltaik – hier über Himbeersträuchern – kräftig gefördert. (Foto: BayWa r.e.)

Bei Beeren sind die Erträge super, vergleichbar mit denen im Freiland, lobt Fabian Karthaus. Der Landwirt betreibt im ostwestfälischen Büren zwei Photovoltaik-Anlagen, die – einem Gewächshausdach ähnlich – jeweils einen halben Hektar überdecken. Darunter wachsen Himbeeren, Heidelbeeren und Brombeeren.

Auch die Baywa Re aus München betreibt Photovoltaik-Anlagen, unter denen Beerenfrüchte reifen. Die meisten stehen aber noch in den Niederlanden, erzählt Daniel Hölder, bei dem Energiedienstleister für Politik und Märkte zuständig. Im Nachbarland passe bislang das Förderrecht für Agri-Photovoltaik besser, begründet Hölder die Standortwahl. Er hoffe, dass sich das mit der gerade im Bundestag debattierten EEG-Reform bessert.

Mit dieser will die Ampelkoalition für Agri-Photovoltaik eine eigene Förderkategorie schaffen, ähnlich wie für große Solardach- oder Freiflächenanlagen. Denn bisher ist die doppelte Nutzung von Flächen für Agrar- und Stromerzeugung in Deutschland noch nicht über Test- und Pilotprojekte hinausgekommen.

Dabei stelle die Agri-Photovoltaik für Deutschland eine "große Chance" dar, sagt Anna Heimsath vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme (ISE) auf einer Veranstaltung der Berliner Energietage. Schon mit einem Bruchteil der in Deutschland maximal installierbaren Agri-PV-Kapazität von 1.700 Gigawatt sei der für die Energiewende nötige Solarstrom-Ausbau zu schaffen.

Solarstrom-Potenziale in Deutschland

Laut dem Fraunhofer ISE in Freiburg hat die Agrar-Photovoltaik (Agri-PV) die größten Solarstrom-Potenziale in Deutschland mit maximal möglichen 1.700 Gigawatt. Es folgen Gebäude-Photovoltaik (1.400), versiegelte Siedlungsflächen (134), geflutete ehemalige Tagebaue (55) sowie Verkehrsflächen an Straße (56) und Schiene (neun Gigawatt). Studien veranschlagen die für ein klimaneutrales Deutschland insgesamt nötige Solarstromkapazität auf 400 bis 600 Gigawatt.

 

Das große Potenzial rührt daher, dass Landwirtschaft und Solarstrom sich mannigfach kombinieren lassen. ISE-Forscherin Heimsath kann mindestens acht verschiedene Varianten auflisten, darunter aufgeständerte Anlagen, die den Acker in gewisser Weise überdachen, oder bodennahe Systeme, bei denen vor allem die Zwischenräume landwirtschaftlich genutzt werden. Denkbar sind auch vertikale Anlagen, die am Rand der Äcker, Wiesen oder Moore stehen.

"Wunderbare Lebensräume"

Bei der Abschätzung des maximal möglichen Ausbaus gehen die Forscher davon aus, dass nur zehn bis 15 Prozent der landwirtschaftlichen Fläche durch die Solar-Technik belegt werden. Es müsse genügend Licht und Wasser zu den Pflanzen durchkommen, sagt Heimsath. Auch sollten die Erträge mit Photovoltaik bei mindestens zwei Dritteln des Referenzertrags ohne Solaranlagen liegen.

Heimsath rät angesichts der möglichen Einsatzbreite, genau hinzuschauen, wo Agri-Photovoltaik besonders effektvoll einsetzbar ist. Bei sinnvoller Anwendung sei sogar ein höherer landwirtschaftlicher Ertrag bei gleichzeitig geringerem Düngemitteleinsatz möglich. Beerenwirt Karthaus lobt jedenfalls die Verschattung der Beeren an heißen Tagen und den Hagelschutz durchs Solardach.

Für Klaus Müller vom Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung im brandenburgischen Müncheberg können mit Agri-Photovoltaik auch "wunderbare Lebensräume" für Insekten, Amphibien und Vögel entstehen, wie er auf den Energietagen berichtet.

Auch gegen die mit dem Klimawandel zunehmende Frühjahrstrockenheit könne die geschickte Doppelnutzung helfen. "Unsere Pflanzen könnten es schaffen, eine Woche länger ohne Wasser klarzukommen", sagt Müller. Sogar gegen Winderosion könnten die Anlagen helfen.

"Deutschland könnte bei Agri-PV eine Vorreiterrolle einnehmen", ist sich der Volkswirt sicher. Weil auf 85 bis 90 Prozent der Fläche weiter Landwirtschaft möglich ist, drohe hier auch nicht wie bei der Bioenergie ein "Tank oder Teller"-Konflikt.

Zugleich sieht Müller noch erheblichen Forschungsbedarf. Welche Kulturen eignen sich am besten für Agri-Photovoltaik, wie entwickeln sich die Erträge? Welche Flächen sollten tabu sein – nur Naturschutzgebiete oder auch Flächen in Landschaftsschutzgebieten? Ist Agri-PV nur etwas für Regionen mit relativ schlechten Böden oder auch für gute Böden?

Bauern bleiben skeptisch

Nur mäßig begeistert von der Agri-Photovoltaik zeigt sich auf den Energietagen Udo Hemmerling vom Deutschen Bauernverband. In seinem Verband gebe es eine "muntere Diskussion", inwieweit sich die Landwirte der Freiflächen-Photovoltaik – und dabei auch der Agri-PV – öffnen sollten. Doch die Bauern sähen es eigentlich lieber, stellt Hemmerling klar, wenn zunächst auf den Dächern in Stadt und Land alle solaren Register gezogen werden, bevor die Äcker drankommen.

 

Hemmerling verortet die Agri-Photovoltaik noch in der Phase des Ausprobierens. Klar sei bisher nur, dass sie mehr Geld koste als eine normale Freiflächenanlage, insofern müsse ein angemessener Förderzuschlag her. Auch verstünden die Bauern nicht, warum der Gesetzgeber Agri-PV auf Grünland ausschließen will.

Baywa-Re-Manager Hölder hält die immer öfter anzutreffende Gegenüberstellung – hier die "gute" Agri-Photovoltaik und dort die eher problematische Freiflächen-Photovoltaik – für wenig hilfreich. So gebe es auch auf Freiflächen Schafbeweidung und Grünlandwirtschaft. Hier warnen aber andere Fachleute vor "Scheinkonzepten", die den guten Ruf der Agri-PV ruinieren könnten.

Dass gegenwärtig in erster Linie Beeren unter Strom stehen, liegt für Max Trommsdorff vom Fraunhofer ISE vor allem in der nützlichen Verschattung, wenn die Solarstromanlagen wie Gewächshausdächer aufgeständert werden. Allerdings machten entsprechend geeignete Gartenbauflächen in Deutschland gerade mal zwei Prozent der gesamten landwirtschaftlichen Nutzfläche aus.

Aufgeständerte Lösungen seien für sonnenliebende Pflanzen wie Mais auch weniger geeignet, so Trommsdorf. Solche Kulturen böten allerdings ein deutlich größeres Flächenpotenzial.

Wer am Ende welchen Platz unter der Sonne ergattern wird, ist noch nicht ausgemacht.

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