Mehr für den Teller statt für den Tank

Die Ampel-Regierung will die Nutzung von Agrosprit zurückdrängen. Hintergrund ist die Getreidekrise wegen des Ukraine-Krieges. Die Branche wehrt sich, auch aus der Union kommt Kritik.


Weizenfeld
Biokraftstoffe sind nicht "bio" – die dafür verwendeten Pflanzen wachsen in konventionellen Monokulturen, wie dieser Weizen im Mansfelder Land. (Foto: Olli Henze/​Flickr)

Die "Tank oder Teller"-Debatte wird schärfer. Der Ukraine-Krieg und die deswegen zurückgehenden Getreidelieferungen auf den Weltmarkt, unter denen besonders Entwicklungsländer leiden, sind der Grund dafür.

Bundesumweltministerin Steffi Lemke (Grüne) plant, den Einsatz von Agrosprit aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen hierzulande zu reduzieren. Auch Entwicklungsministerin Svenja Schulze (SPD) plädiert dafür, den Getreideanbau für Kraftstoffe angesichts der sich zuspitzenden Ernährungskrise zurückzufahren. Die Branche wehrt sich.

Lemke sagte gegenüber der Augsburger Allgemeinen: "Agrarflächen sind weltweit begrenzt, wir brauchen sie dringend für die Ernährung, das führt uns der Krieg in der Ukraine dramatisch vor Augen." Gerade im globalen Süden würden Menschen bereits unter der fehlenden Verfügbarkeit von Getreide leiden.

Es liege, so Lemke, "in unserer Verantwortung als großer Industriestaat, dass Agrarflächen für die Produktion von Nahrungsmitteln und nicht für den Tank genutzt werden".

Die Ministerin kündigte an, die Verwendung von Agrarerzeugnissen als Kraftstoffzusätze einzuschränken. Sie arbeite mit dem Landwirtschaftsministerium daran.

Auch Agrarminister Cem Özdemir (Grüne) ist als Kritiker der Biosprit-Produktion bekannt. "Es ist nicht nachhaltig, Weizen und Mais in den Tank zu schütten", sagte er Ende März.

Schulze, die in der letzten Merkel-Groko Umweltministerin war, argumentiert ähnlich. "Allein in Deutschland dienen fünf Prozent der Ackerfläche der Biosprit-Produktion. Wenn es gelingt, diese Flächen Schritt für Schritt für die Nahrungsmittelproduktion zu gewinnen, wäre das ein Gewinn für die Ernährungssicherheit", sagte sie dem Handelsblatt.

"Agrokraftstoffe nicht länger fördern"

Derzeit werden Agrokraftstoffe dem Sprit aus Erdöl zugesetzt, um die CO2-Bilanz zu verbessern. Bei Benzin sind es bis zu zehn Prozent Bioethanol ("E10" an der Tanksäule), der zumeist aus Getreide wie Weizen oder Roggen oder aus Zuckerrüben gewonnen wird. Bei Dieselkraftstoff geht es um sieben Prozent Pflanzenöl-Erzeugnisse, die aus Raps- oder Palmöl stammen.

Da diese Produkte auch zu Lebensmitteln verarbeitet werden können, läuft seit Längerem eine Debatte, ob dies ethisch vertretbar ist. Außerdem ist die Klima-Entlastungswirkung umstritten, besonders bei Palmöl. Um die Plantagen anzulegen, wird in den Anbauländern oftmals Regenwald vernichtet.

Lemke erinnerte daran, dass hierzulande ab 2023 die Verwendung von Palmöl als Kraftstoffzusatz im Diesel nicht mehr als Biosprit anerkannt werde. Sie wolle nun "den nächsten Schritt gehen und auch den Einsatz von Agrokraftstoffen aus Nahrungs- und Futtermittelpflanzen weiter reduzieren".

Laut dem Umweltministerium werden im Schnitt rund neun Prozent der Weltgetreideernte zu Agrosprit verarbeitet. Bei Mais und Zuckerrüben liegt der Anteil danach bei 14 Prozent.

Unterstützung finden Lemke und Schulze bei Umweltverbänden. Der Geschäftsführer der Deutschen Umwelthilfe (DUH), Jürgen Resch, forderte, Agrokraftstoffe "mit sofortiger Wirkung vollständig und dauerhaft aus der Förderung zu nehmen".

Eine Studie im Auftrag der DUH hatte jüngst ergeben, dass aktuell mehr als 1,2 Millionen Hektar Agrarflächen weltweit für den Anbau von Raps, Getreide und Co zur Produktion von Agrosprit für deutsche Diesel- und Benzinautos belegt sind.

"Dieser immense Flächenverbrauch macht den angeblichen Klimavorteil von Agrokraftstoff gegenüber fossilem Sprit mehr als zunichte", heißt es in der Studie des Heidelberger Ifeu-Instituts. Hauptargument: Auf den Flächen könne sich sonst natürliche Vegetation entwickeln, die CO2 aus der Atmosphäre binde.

"Wir nutzen kein Brotgetreide"

Aus der Union kommt Kritik am Kurs der Ampel-Minister:innen. CSU-Energieexperte Andreas Lenz warnte vor einem Verzicht auf Agrosprit. "Biokraftstoffe verringern den Bedarf an fossilen Kraftstoffen deutlich und leisten damit einen Beitrag zur Versorgungssicherheit und weniger Abhängigkeiten", sagte er.

Auch der Verband der Biokraftstoffindustrie wehrt sich gegen die Pläne. Geschäftsführer Elmar Baumann sagte: "Ohne Biokraftstoffe werden die gesetzlichen Vorgaben zum Klimaschutz auf Jahre krachend verfehlt." Zudem hätten die Hersteller die Produktion wegen der hohen Rohstoffpreise bereits eingeschränkt.

Der Biosprit- und Biogas-Hersteller Verbio aus Zörbig (Sachsen-Anhalt) betonte, er nutze für die Kraftstoff-Produktion schon allein aus Kostengründen "vor allem minderwertige Getreide-Qualitäten und kein Brotgetreide". Zum Ausbau der Produktion setze man auf Reststoffe wie Schlempe und Getreidestroh, sagte Verbio-Chef Claus Sauter.

In dem Sektor ist Verbio nach eigenen Angaben weltgrößter Produzent. In den Anlagen entstünden pro Jahr rund 100 Millionen Kubikmeter Biomethan aus Reststoffen in Erdgasqualität und somit über 90 Prozent CO2-Einsparung. Damit werde bereits heute ein Teil des russischen Erdgases ersetzt.

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