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Wo die Klimaforscher irrten

Kann man beim Schreiben über die Klimakrise zu "alarmistisch" sein? Die Klimaforscher räumen heute ein, dass sie sich nur in einem Punkt geirrt haben: Die Klimaerhitzung kommt weit rascher und heftiger als bisher vermutet. Doch viele von uns wollen sich einfach nicht mehr vorstellen, was wir anstellen.


Die bekannten drei Affen sitzen wie Menschen gekleidet auf einer Bank, hinter ihnen zieht ein Unwetter herauf.
Nichts sehen, nichts hören, nichts sagen. (Bild: Myriam Zilles/​Pixabay)

Als ich im Januar 1993 in der ARD vor einem Millionen-Publikum zur besten Sendezeit um 20.15 Uhr die erste große Dokumentation zum Thema Klimawandel und Energiewende zeigte, stieß die Welt pro Jahr um die 22 Milliarden Tonnen Treibhausgase aus. Jetzt, 26 Jahre und 25 Weltklimakonferenzen später, emittieren wir um die 40 Milliarden Tonnen pro Jahr. Dem Klima geht es immer schlechter.

Trotz aller Diskussionen in der Weltpolitik über dieses Top-Thema: Wir bewegen uns noch immer in die falsche Richtung. Weder die Politik noch die Medien, weder die Gesellschaft noch die Wirtschaft nehmen das – so wie es die Klimawissenschaft inzwischen beurteilt – Überlebensthema der Menschheit ernst genug.

Alle Regierungen der Welt haben sich in Paris Ende 2015 völkerrechtlich verpflichtet, die Erderhitzung bei 1,5 Grad, allerhöchstens bei zwei Grad zu stoppen. In Wirklichkeit aber gehen wir zurzeit global auf fünf bis sechs Grad zu, das können an Land bis zu acht Grad sein.

Die Klimaforscher sagen heute, dass sie sich nur in einem Punkt geirrt haben: Die Klimakrise kommt weit rascher und heftiger als bisher vermutet.

Klimaneutral bis 2030, nicht 2050

Die Wissenschaft hat das Problem nicht über-, sondern unterschätzt. Nicht 2050, sondern 2030 müssen wir klimaneutral wirtschaften, wenn wir noch das Schlimmste verhindern wollen. Doch die deutsche Bundesregierung hat soeben ein Klimapaket vorgelegt, das seriöse Klimaforscher als "Witz" bezeichnet haben.

Aber das Thema, höre ich, sei doch inzwischen in der Gesellschaft angekommen. Die Grünen verbesserten doch ständig ihre Wahlergebnisse. Vorsicht bei diesem Argument. Auch nach Fukushima lagen die Grünen bei Umfragen zeitweise bei 28 Prozent, so ähnlich wie jetzt. Doch zwei Jahre später bei der Bundestagswahl bekam die Öko-Partei nur 8,4 Prozent der Stimmen. Das könnte sich wiederholen.

Franz Alt

ist Journalist und Buchautor. Er leitete 20 Jahre das politische Magazin "Report" beim Südwest­rundfunk, danach bis 2003 die Zukunfts­redaktion des SWR. Als einer der ersten deutsch­sprachigen Journalisten informierte er über den Klima­wandel und die nötige Energie­wende.

Wie komme ich darauf? Nach den alarmierenden Berichten des Weltklimarats zu den Themen Klimaerhitzung, Artensterben, Eisschmelze und dem dramatischen Anstieg des Meeresspiegels bat mich die Tageszeitung Die Welt um einen Kommentar zu diesen Themen. Ich beschrieb nüchtern die neuesten Erkenntnisse der Wissenschaft. Die Zeitung ließ daraufhin ihre Leser befragen: "Teilen Sie die Meinung des Autors?" Ergebnis: 98 Ja-Stimmen, aber 317 Nein-Stimmen.

Es geht bei den Berichten des Weltklimarats nicht um meine Meinung, sondern schlicht um Physik und um Wissenschaft bei der Überlebensfrage der Menschheit. Doch drei Viertel der Leserinnen und Leser dieser konservativen Zeitung verdrängen, verleugnen und verbiegen lieber die Fakten als sie zur Kenntnis zu nehmen, nimmt man jedenfalls die Umfrage zum Maßstab. Die Leute "meinen" oder "glauben" etwas, aber wollen nichts wissen.

Zu "alarmistische" Medien?

Auch ein sehr auflagenstarkes Magazin bat mich um einen Artikel zu diesem aktuellen Thema. Wieder beschrieb ich die Fakten. Der Artikel wurde diesmal gar nicht publiziert. Die Redakteurin schickte ihn zurück mit dem Kommentar, er sei zu "alarmistisch".

Dreihundert Jahre nach der Aufklärung ist sehr vielen Menschen, auch bei vielen Journalisten, ihre "Meinung" oder ihr "Glaube", ihr Vorurteil oder ihre Ideologie viel wichtiger als die unbequemen wissenschaftlichen Erkenntnisse. Wir brauchen eine Aufklärung der Aufklärung. Ohne eine zweite Aufklärung sind wir nicht mehr zu retten aus unserer selbstverschuldeten Unmündigkeit.

Wir sind gegenwartsversessen und zukunftsvergessen. Populärer ausgedrückt: Nach uns die Sintflut! Viele wollen sich einfach nicht mehr vorstellen, was wir anstellen. Eher handeln wir wie die drei berühmten japanischen Affen: Nichts sehen, nichts hören und: Klappe halten. Und wählen wie schon die Großeltern.

Was muss noch passieren, bis wir aufwachen? Soeben sagte eine Bekannte: "Das Wort Klimaschutz kann ich gar nicht mehr hören." Diese Haltung wird das Klima aber sehr jucken.

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