Laudato Si‘: Die Chancen nutzen

In seiner Umweltenzyklika "Laudatio Si‘" begreift Papst Franziskus die globale Klimakrise als eine sozial-ökologische und eröffnet Perspektiven für die Erneuerung von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur. Jetzt muss der Dialog geführt werden – auch über unser Verständnis von Fortschritt.


Ein Flugzeug und ein Kreuzfahrtschiff begegnen sich auf dem Meer.
Heute gilt ein Lebensstil, der mehrere Planeten benötigt, als erstrebenswert. Darüber ist zu reden. (Foto: Erich Westendarp/​Pixabay)

Das entscheidende Merkmal unserer Zeit ist die Globalisierung der Umweltzerstörung: Der neue Sonderbericht des Weltklimarates zeigt die großen Gefahren der globalen Erwärmung auf, die scheinbar unaufhaltsam auf uns zukommt; der "Welterschöpfungstag" durch den ökologischen Fußabdruck wurde in diesem Jahr bereits am 1. August erreicht; in vier von neun Dimensionen, die für das menschliche Leben essenziell sind, werden planetare Grenzen überschritten.

Diese Erkenntnisse belegen die hohe Bedeutung des Umweltschutzes, zeigen aber auch die Grenzen der traditionellen Umweltpolitik und die Unzulänglichkeit bisheriger Nachhaltigkeitsstrategien auf. Der Eintritt in die neue Erdepoche des Anthropozäns macht eine sozial-ökologische Transformation unabdingbar. Doch davon sind Politik, Wirtschaft und Gesellschaft weit entfernt.

Die Umweltkrise ist eine Menschheitskrise

Von zentraler Bedeutung für die Erneuerung von Wirtschaft, Gesellschaft und Kultur ist Laudato Si‘, die erste Öko-Enzyklika von Papst Franziskus. Anknüpfend an den Sonnengesang von Franz von Assisi aus dem Jahr 1225 spannt Franziskus einen weiten Bogen. Er zeigt auf, was unserem gemeinsamen Haus Erde widerfährt, und sieht in dem "fehlgeleiteten Anthropozentrismus" die entscheidende Ursache für die ökologische Krise, die tatsächlich eine Krise der Menschheit ist.

"Es gibt nicht zwei Krisen nebeneinander, eine der Umwelt und eine der Gesellschaft, sondern eine einzige und komplexe sozial-ökologische Krise", schreibt Franziskus. Wir kommen "nicht umhin anzuerkennen, dass ein wirklich ökologischer Ansatz sich immer in einen sozialen Ansatz verwandelt, der die Gerechtigkeit in die Umweltdiskussion aufnehmen muss, um die Klagen der Armen ebenso zu hören wie die Klagen der Erde."

Der Chef des Umweltverbandes BUND, Hubert Weiger.
Foto: Andreas Weiss/​RNE/​BUND

Zur Person

Hubert Weiger ist studierter Forstwirt und Professor für Naturschutz und nachhaltige Landnutzung. Viele Jahre ist er im Umweltschutz aktiv, seit 2007 als Vorsitzender des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Sein Gastbeitrag erschien als Editorial im neuen Themenheft "Natur & Weltanschauung" des Debattenmagazins movum.

Laudato Si‘ beschreibt die technisch-ökonomischen Ursachen der Öko-Krise genauso wie ihre sozial-kulturellen Zusammenhänge. Sie widerspricht der "Lüge von der unbegrenzten Verfügbarkeit der Güter unseres Planeten". Wir teilen die zentrale Aussage der Enzyklika über den Menschen: "Infolge einer rücksichtslosen Ausbeutung der Natur läuft er Gefahr, sie zu zerstören und selbst Opfer dieser Zerstörung zu werden." Laudato Si‘ zeigt aber auch auf, welche Chancen mit einer ganzheitlichen Ökologie verbunden sind, die das Prinzip des Gemeinwohls stärkt und zu einer generationsübergreifenden Gerechtigkeit kommt.

Ein neues Fortschritts- und Gesellschaftsmodell ist notwendig, das ökologische Kompatibilität und soziale Gerechtigkeit dauerhaft miteinander verbindet. Die Entscheidungen in Politik, Wirtschaft und Gesellschaft müssen von den planetaren Grenzen ausgehen und Wirtschaft, Technik und Natur in Einklang bringen.

Was ist Fortschritt?

Laudato Si‘ lädt zu einem weltumspannenden Dialog ein, welche Verantwortung wir für die Zukunft unseres Planeten haben. Es bedarf "der Talente und des Engagements aller, um den durch den menschlichen Missbrauch der Schöpfung angerichteten Schaden wiedergutzumachen".

So mutig die Aussagen in der Enzyklika auch sind, so enttäuschend ist ein erstes Fazit drei Jahre nach der Veröffentlichung. Bislang wurden kaum Konsequenzen gezogen.

Deshalb muss der Dialog geführt werden, nicht nur über Wasserverschmutzung oder Klimaschutz, über motorisierte Mobilität oder Abfallberge, sondern auch über unser Verständnis von Fortschritt, Solidarität und Verantwortung. Wir kommen nicht daran vorbei, dass auch Begrenzung und Selbstgenügsamkeit vor allem in den reichen Industrieländern notwendig sind. Fünf Punkte sollten hervorgehoben werden:

  • Was bedeutet das Anthropozän, das Zeitalter des Menschen, für die Rolle von Wissenschaft, Wirtschaft, Gesellschaft und Politik?
  • Wie muss ein Fortschritt aussehen, der weder Mangel noch Überfluss kennt?
  • Wie können soziale und ökologische Gerechtigkeit miteinander verbunden werden, zumal etwa die Folgen der Erderwärmung zeitlich und räumlich ungleichmäßig verteilt sind?
  • Wie kann es zu einer sozial-ökologischen Weltinnenpolitik kommen, was gibt sie vor und wer treibt sie an?
  • Zur Grundlage des Industriezeitalters wurden wirtschaftliches Wachstum und die Nutzung fossiler Rohstoffe. Wie kann es zu einem schnellen Ausstieg aus den fossilen Brennstoffen und der industriellen Landwirtschaft kommen?

Die Verwerfungen und Umbrüche auch in unserem Land zeigen eine tiefe Interpretations- und Orientierungskrise. Die Umweltbewegung hat die Chance, eine soziale und ökologische Perspektive aufzuzeigen, die unserer Demokratie neue Stärke und Festigkeit gibt. Laudato Si‘ gibt uns dafür wichtiges Rüstzeug.

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