Gelobt seist du, mein Herr – wann handeln die Geschöpfe?

Papst Franziskus hat sich gestern und heute im Vatikan mit Vertretern aus Politik, Umweltbewegung und Wissenschaft getroffen. Seine Umweltenzyklika "Laudato Si'", von Klimaexperten weltweit bejubelt, ist jetzt drei Jahre alt. Den erhofften Durchbruch in der katholischen Kirche hat sie in Deutschland nicht gebracht.


Mosaik im Innenhof der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main: Der Sonnengesang des heiligen Franziskus
Mosaik im Innenhof der Liebfrauenkirche in Frankfurt am Main: Sonnengesang des heiligen Franziskus. (Foto: Maria Ludgera Haberstroh/​Wikimedia Commons)

Drei Jahre ist es her, dass Papst Franziskus auf 200 Seiten ein Plädoyer für radikalen Klimaschutz gehalten hat. Seine zweite Enzyklika trägt den Namen "Laudato Si'" ("Gelobt seist du"). Inspiriert wurde der Papst – wie schon bei der Wahl des eigenen Namens – vom katholischen Heiligen Franz von Assisi und dessen "Sonnengesang", der als ältestes Zeugnis italienischer Literatur gilt.

Zum dritten Jubiläum seiner Lehrschrift hat Franziskus rund 400 Klimaexperten aus Politik, Wissenschaft und sozialer Bewegung zu einer zweitägigen Umweltkonferenz in den Vatikan eingeladen, die heute endet. Fragt man Markus Büker, der für das katholische Hilfswerk Misereor daran teilgenommen hat, tritt dort eine der Stärken von Laudato Si' zutage. "Die Kirche ist hier raumöffnend: Es findet seit der Veröffentlichung von Laudato Si' – und das sieht man auch heute hier im Vatikan – ein ganz neuer Dialog statt zwischen Partnern aus Politik, Wissenschaft und Theologie, die sonst selten miteinander gesprochen haben", so der Theologe gegenüber Klimareporter°.

"Gelobt seist du, mein Herr, mit all deinen Geschöpfen"

(aus dem "Sonnengesang" von Franz von Assisi)

Tatsächlich hat das päpstliche Rundschreiben, wie das Wort Enzyklika wörtlich übersetzt heißt, auf außergewöhnliche Weise die Runde gemacht – und zwar bemerkenswerterweise in der säkularen Welt. Manche sprechen dem sogar einen großen Anteil daran zu, dass das Pariser Weltklimaabkommen zustande gekommen ist.

Lob kam von Klimawissenschaftlern, von konservativen wie grünen und linken Politikern, von der Klimabewegung bis in ihre radikalen Zweige hinein. Franziskus liefert in seiner Lehrschrift einen Abriss über den Stand der Klimaforschung, fordert zum Ausstieg aus fossilen Energien auf, erklärt das Erdsystem zum globalen Gemeingut – und zieht damit eine Verbindung zu Gerechtigkeitsfragen. Das Klima, so seine Leitidee, kann man nur retten, wenn man auch die Armen der Welt aus der Armut holt.

Hartmut Graßl, führender Klimaforscher, sieht in der Enzyklika ein "Dokument mit einer unglaublichen Bedeutung", wie er im Gespräch mit Klimareporter° sagt. "Zum ersten Mal erkennt ein Papst ausdrücklich wissenschaftliche Erkenntnisse als Basis seiner Lehren an – das markiert einen fundamental neuen Zugang der katholischen Kirche zum Wissen der Menschheit." Graßl findet drastische Worte: "Ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass Laudato Si' eine zweite Aufklärung einläutet."

"Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Mond und die Sterne. Am Himmel hast du sie geformt, klar und kostbar und schön"

Fragt man bei den deutschen Klimaschutz-Vorreitern der katholischen Kirche nach, hört man allerdings einen Satz oft: Außerhalb der Kirche hat Laudato Si' deutlich mehr Aufmerksamkeit bekommen als innerhalb.

Markus Büker von Misereor zufolge liegt das nicht unbedingt daran, dass die Kirche nichts von Klimaschutz wissen wolle – aber schon daran, dass etliche ihrer Vertreter trotz der päpstlichen Schrift anderen Themen den Vorzug geben. "In Deutschland ist die katholische Kirche gerade sehr mit sich selbst beschäftigt: mit dem Missbrauchsskandal natürlich, aber auch mit dem Streit um die Kommunion Geschiedener oder evangelischer Mitglieder katholischer Familien", erklärt der Theologe.

Beispiel Deutsche Bischofskonferenz: Sechsmal kamen die deutschen Bischöfe seit Veröffentlichung von Laudato Si' zu ihrer Vollversammlung zusammen, sie treffen sich zweimal im Jahr. Und erst im Herbst des vergangenen Jahres ging es dabei ausführlich um die nicht mehr so neue Enzyklika. Auch beim Zusammentreffen der Bischöfe im Herbst 2015 hatte es zwar einen mehr oder weniger pflichtgemäßen Tagesordnungspunkt zu der Lehrschrift gegeben. Konkrete Beschlüsse folgten damals aber nicht.

"Gelobt seist du, mein Herr, für Bruder Wind, für Luft und Wolken und heiteres und jegliches Wetter, durch das du deine Geschöpfe am Leben erhältst"

Erst jetzt haben die Bischöfe eine Arbeitsgruppe einberufen, die gemeinsame Leitlinien zur Umsetzung von Laudato Si' in den Bistümern entwickeln soll. Das Ergebnis wird wahrscheinlich bei der kommenden Vollversammlung im Herbst vorgelegt. Verbindlich wäre eine solche Handreichung der Bischofskonferenz nicht – für Bistümer, die sich dem Klimaschutz verweigern, stiege allerdings der Rechtfertigungsdruck.

Zwei Jahre Bedenkzeit, bis zum ersten Mal über lose Leitlinien gesprochen wird – ist das normal oder kann man daran ein unliebsames Thema erkennen? Für Markus Büker ist es zumindest ein Zeichen dafür, dass die Kirche die Chance verkennt, die in Laudato Si' steckt. "Die Enzyklika wirft die drängenden Fragen der Weltgemeinschaft auf – damit kann die Kirche eine wichtige Rolle in der Gestaltung der Gesellschaft des 21. Jahrhunderts einnehmen. Nicht mit der Frage um Wiederverheiratung."

Für Ulrich Bartosch, Pädagoge an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstatt, hat die säkulare Klimabewegung einige unrealistische Hoffnungen in Laudato Si' gesetzt. Dabei ist es so etwas wie eine Grundregel der Klimakommunikation: Für jede gesellschaftliche Gruppe braucht der Klimaschutz einen passenden Fürsprecher. Eine linksradikale Tagebaubesetzerin, die den Christen erklärt, dass sie die von ihnen hochgehaltene Schöpfungsverantwortung nur durch den Kohleausstieg tragen können, wirkt in dieser Rolle vielleicht nicht sehr glaubhaft. Aber wer könnte dafür besser geeignet sein als der Papst?

"Gelobt seist du, mein Herr, für Schwester Wasser. Sehr nützlich ist sie und demütig und kostbar und keusch"

Für Bartosch ist das zu kurz gedacht. Er kennt die Enzyklika und die Debatten darum sehr gut, leitet er doch ein Projekt der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler  (VDW), das auf Basis von Laudato Si' Lösungsansätze für eine "große Transformation" entwickeln will. 

"Die Erwartung von außerhalb, dass in einer hierarchisch aufgebauten katholischen Kirche immer alles sofort von oben nach unten durchgereicht wird und dann eben gilt, ist reichlich irrig", sagt Bartosch zu Klimareporter°. Zu vielen Fragen gebe es verschiedene Lager innerhalb der Kirche, auch in Deutschland und auch zum Klimaschutz. "Wir haben durchaus Vertreter, die man landläufig als 'Klimawandelskeptiker' einordnen würde."

Die hätten es jetzt allerdings schwerer. "Dass es Laudato Si' gibt, hilft vor allem den Menschen ungemein, die sich innerhalb der katholischen Kirche nachdrücklich für Klimaschutz einsetzen", meint der Wissenschaftler. "Und auch die gibt es. Sie mögen noch nicht die Mehrheit stellen, aber sie sind da."

Zu ihnen gehört Mattias Kiefer. Er ist Umweltbeauftragter des Erzbistums München und Freising sowie Sprecher der AGU, der Arbeitsgemeinschaft der Umweltbeauftragten der Deutschen (Erz-)Diözesen. "Laudato Si' hilft mir bei meiner Arbeit als Umweltbeauftragter insofern, als ich jetzt im Bedarfsfall einen höchstlehramtlichen Referenzpunkt habe", sagt er Klimareporter°.

Auch Kiefer hat übersteigerte Erwartungen an Laudato Si' beobachtet. "Die Hoffnung, die ich vor allem in der säkularen Klimaszene schon vor Veröffentlichung der Enzyklika wahrgenommen habe, dass diese Lehrschrift – überspitzt gesagt – 25 Millionen deutsche Katholiken über Nacht zu aktiven Klimarettern machen wird, war aus meiner Sicht von vornherein naiv."

"Gelobt seist du, mein Herr, für unsere Schwester Mutter Erde, die uns erhält und lenkt und vielfältige Früchte hervorbringt, mit bunten Blumen und Kräutern"

Das heißt aber dem Umweltbeauftragten zufolge nicht, dass es nicht vorangeht. "Wir stellen Schritt für Schritt die kirchliche Verwaltung um", erklärt er. In seinem Erzbistum gebe es jetzt zum Beispiel eine neue Bauordnung, die ganz konkrete ökologische Vorgaben mache.

"Solche Prozesse haben langfristig eine große Wirkung, dauern aber eben ihre Zeit, das ist ja auch in der staatlichen Verwaltung nicht anders", meint Kiefer. Dass Klimaschutz in der katholischen Kirche eine größere Rolle spiele, sei aber nicht ausschließlich eine Folge von Laudato Si'. "Für manche Themen ist einfach die Zeit gekommen, und der Klimaschutz gehört dazu, denn der Klimawandel ist da."

Redaktioneller Hinweis: Hartmut Graßl ist Mit-Herausgeber von Klimareporter°.

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