"Wir brauchen einen Klima-Corona-Vertrag"

Über einen positiven Klimaeffekt der Coronakrise kann sich niemand freuen, schließlich ist der Preis dafür zu hoch, sagt Hans Joachim Schellnhuber. Der Klimaforscher über die Lehren aus der Viruskrise und die Dringlichkeit, den "Green Deal" jetzt zu realisieren.


Zwei Passanten mit Mundschutz auf einer Kreuzung
Zeit, einmal über das Zusammenleben etwas grundsätzlicher nachzudenken. (Foto: Wal 172619/​Pixabay)

Klimareporter°: Herr Schellnhuber, ist die Coronakrise wenigstens gut fürs Klima?

Hans Joachim Schellnhuber: Nicht wirklich. Es ist denkbar, dass der globale Treibhausgas-Ausstoß in diesem Jahr um ein paar Milliarden Tonnen niedriger liegen wird als ohne Pandemie. Aber weil der weitere Verlauf der Virus-Krise völlig offen ist, sind die Größenordnungen der dadurch verursachten Emissionsreduktionen reine Spekulation.

Sicher, in der 2007 beginnenden Finanzkrise ging der weltweite CO2-Ausstoß einige Zeit stark zurück – diese Erfahrung haben wir schon gemacht. Aber niemand kann sich jetzt über einen positiven Klimaeffekt freuen, denn der dafür zu zahlende Preis ist unglaublich hoch – wegen der einbrechenden Wirtschaftsleistung, der persönlichen und sozialen Kosten und vor allem wegen des menschlichen Leids, das die Pandemie verursacht. Teurer könnte die Vermeidung zusätzlicher Tonnen von CO2 gar nicht sein.

Sinnvoll ist es dagegen, jetzt schon zu überlegen, welche Lehren wir aus dieser dramatischen Entwicklung für den Umgang mit der Klimakrise ziehen können.

Und die sind?

Die Hauptlehre ist: Man sollte den Experten gut zuhören, statt Horoskope zu lesen oder im Netz nach Verschwörungstheorien zu suchen.

Bei Covid-19 haben manche Politiker anfangs versucht, die Gefahr herunterzuspielen, sie auszusitzen, Gelassenheit zu demonstrieren – und konnten sich am Ende der Einsicht doch nicht verschließen, dass hier eine exponentielle Ansteckungsdynamik vorliegt.

Beim menschengemachten Klimawandel droht ebenfalls ein Verlauf, der sich mit den Standardpraktiken des politischen Geschäfts nicht mehr beherrschen lässt. Die Wissenschaft kann dies klar belegen, und man sollte sie wie bei der Corona-Pandemie endlich ernst nehmen. Das könnte dann ein Kipppunkt für den Umgang mit der Erderwärmung sein.

Gibt es Parallelen von Corona- und Klimakrise?

Die Parallelen sind frappierend: Das Virus macht genauso wie CO2 nicht an den nationalen Grenzen halt – wir haben ein Menschheitsproblem. Es gibt eindeutige wissenschaftliche Erkenntnisse, die man wie beim Klima nicht dauerhaft wegschwindeln kann.

Und wir haben bei der Pandemie einen Verzögerungseffekt, nämlich durch Inkubationszeiten und Symptomlosigkeit mancher Infizierter – ähnlich wie beim Klima, wo zum Beispiel die großen Eisschilde derzeit möglicherweise schon ins irreversible Schmelzen geraten, ohne dass man das direkt beobachten kann.

Foto: PIK

Hans Joachim Schellnhuber

Schellnhuber ist Deutsch­lands renommiertester Klima­forscher. Er war bis 2018 Direktor des Potsdam-Instituts für Klima­folgen­forschung (PIK), das er auch gegründet hat. Er ist Mitherausgeber mehrerer wissenschaftlicher Zeitschriften und Mitglied des Wissenschaftlichen Beirats der Bundesregierung für Globale Umwelt­veränderungen (WBGU). Schellnhuber hat zahlreiche Auszeichnungen erhalten.

Die Lehre daraus: Richtiges Timing ist alles. Man muss handeln, bevor die Sache eskaliert, nicht erst, wenn man schon mitten im Schlamassel steckt.

Was folgt daraus?

Beispielsweise, dass die EU ihren grandiosen Green Deal tatsächlich realisieren muss.

Ich möchte aber in diesem Zusammenhang einen unorthodoxen Gedanken formulieren: Mir schwebt eine Art "Klima-Corona-Vertrag" vor, der insbesondere das Verhältnis der Generationen zueinander symbolisiert.

Derzeit wird sehr zu Recht von den jüngeren Teilen der Bevölkerung Solidarität mit den Älteren eingefordert, die ja viel stärker durch das Virus gefährdet sind. Umgekehrt sollten die Älteren beim Klima Solidarität mit den Jüngeren üben, denn Letztere werden die Folgen der Erderhitzung in ihrem Leben viel stärker spüren.

Die Solidarität muss also wechselseitig sein. Man könnte es plakativ so ausdrücken: Wer achtlos das Virus weitergibt, gefährdet das Leben meiner Großeltern. Wer achtlos CO2 freisetzt, gefährdet das Leben meiner Enkel.

Glauben Sie nicht, dass das Klima-Thema aus der öffentlichen Debatte lange Zeit verdrängt sein wird?

Leider werden zunehmend drastischere Wetter-Extreme das Thema immer wieder ins öffentliche Bewusstsein zurückkatapultieren. Das Klimaproblem ist durch Wegschauen nicht zu lösen, das ist auch den allermeisten Entscheidern inzwischen klar.

Im Übrigen verstehe ich aber vollkommen, wenn die Menschen momentan andere Sorgen haben. Und unser aller Hoffnung ist, dass die Coronakrise nicht ewig anhält.

Nach der Finanzkrise ging es schnell wieder zurück auf den Wachstumspfad – die Regierungen mobilisierten alles fürs Wachstum. Wird es nun wieder so sein?

Hier kommt alles darauf an, was für eine Dynamik das ist: business as usual oder aber grüne Transformation. Dies wiederum wird davon anhängen, ob die Politik in Deutschland, Europa und weltweit eine nachhaltige Wirtschaftsstrategie anbietet, die Veränderungen anstößt, die aber sicher auch Zumutungen an die Bevölkerung beinhaltet.

Wir erleben ja gerade, dass solche Zumutungen – bis hin zur Ausgangssperre – akzeptiert werden, wenn deren Notwendigkeit gut begründet ist. Es kann aber auch das Gegenteil geschehen. Dann heißt es: Alles ist überstanden, Party für alle, wir lassen es wieder krachen. Das kann man verhindern durch gute, vernünftige und weitsichtige Regierungspolitik.

Der Bevölkerung sollte man jedenfalls aufgrund der jetzigen Erfahrungen den Schwarzen Peter nicht mehr zuschieben.

Südkorea hat 2008 einen "Green Deal" aufgelegt, 80 Prozent der Mittel flossen in Öko-Investitionen. Ein Modell?

Durchaus, das Land hat dadurch einen großen Sprung nach vorne gemacht. Und es hat als funktionierende Demokratie übrigens auch bei Covid-19 gut agiert.

Europa muss nun beweisen, dass es nicht nur eine gute Rhetorik beherrscht, sondern die Ankündigungen zum ökologischen Wirtschaften auch umsetzen kann. Brüssel muss jetzt aufzeigen, wie man aus der Klimakrise herauskommt.

Was sollte die Bundesregierung konkret tun? Wieder eine Abwrackprämie für Autos?

Solche Appetithappen werden angesichts der enormen Wucht der Erderwärmung nicht viel ausrichten. Wir brauchen vor allem klare gesetzgeberische Ansagen in Bereichen, wo es hervorragende technische Alternativen gibt.

Man sollte beispielsweise den Kohlestrom in Deutschland schon weit vor 2038 durch erneuerbare Energien verdrängen, Autos mit Verbrennungsmotor nur noch bis 2030 zulassen und nicht zuletzt das Bauen mit Stahlbeton zügig durch Holzbau ersetzen. Holz speichert nämlich große Mengen an CO2 über Jahrhunderte.

Außerdem müssen die Preissignale für die Klimagase viel drastischer ausfallen: Stellen Sie sich vor, wir würden gegen die exponentielle Virus-Dynamik mit einer Corona-Steuer vorgehen, die erst 2021 eingeführt würde und dann ganz gemächlich anstiege – absurd. Aber nichts anderes machen wir gegenwärtig beim Klimaproblem.

Erwarten Sie, dass die Coronakrise einen dauerhaften Einschnitt im Verhalten der Menschen und Unternehmen bringen wird, der zur Klimaentlastung führt? Zum Beispiel Home-Office statt Ins-Büro-Fahren, Videokonferenzen statt Dienstreisen, weniger privates Fliegen.

Nochmal: Diese Krise ist nicht gut, sie ist eine schwere Prüfung für unsere Gesellschaft. Wer sich jetzt bloß über den Rückgang von Flügen freut, ist ein Zyniker. Aber es kann niemals schlecht sein, aus Schaden klug zu werden.

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