Im Krisenmodus

Bei der Coronakrise hat die Politik viel Zeit verloren mit Abwägen und Auf-Sicht-Fahren, jetzt vollzieht sie die Vollbremsung. Für die Klimakrise ist das kein gutes Vorbild.


Zwei Fußgänger auf einem leeren Platz
Menschenansammlungen? Jetzt lieber nicht. (Foto/Ausschnitt: Free Photos/​Pixabay)

Wann sind Menschen bereit, etwas zu ändern? Welche Umstände müssen gegeben sein, welche Informationen müssen sie haben? Welche Art der Ansprache, welches Wording motiviert zum Handeln oder erhöht zumindest die Wahrscheinlichkeit, dass – und im besten Fall richtig – gehandelt wird?

Mit diesen Fragen schlägt sich jede und jeder herum, der und die sich mit der Klimakrise beschäftigt, die schließlich rasche und einschneidende Veränderungen in allen Bereichen erforderlich macht.

Vieles ist gegen die Klimakrise schon ausprobiert worden. Der große Wurf war nicht dabei. Ein Patentrezept ist nicht in Sicht.

Egal, ob klar kommunizierte Fakten, Appelle und Warnungen, aufrüttelnde Dokumentationen, Protestaktionen oder der Hinweis auf die Chancen und Vorteile von Klimaschutz – all diese Ansätze waren nur bedingt erfolgreich.

Sie haben zwar nicht nichts gebracht, aber doch bei Weitem nicht so viel, wie es dem Ausmaß der Bedrohung durch die Klimakrise angemessen wäre.

Nun, in der Coronakrise, hat sich innerhalb weniger Tage alles verändert. Grenzschließungen, Reisewarnungen, Shutdown, Ausnahmezustand.

Corona zeigt, was geht

Aufzuzählen, was alles geschlossen, abgesagt, verschoben oder eingeschränkt wurde, würde um einiges länger dauern, als aufzuzählen, was von den normalen Abläufen und Routinen noch übrig ist, noch nicht erfasst von der neuen Wirklichkeit.

Zeigt das nicht, dass rasche und einschneidende Maßnahmen sehr wohl möglich sind, wenn es sein muss?

Sollte und müsste man das nicht auch bei der Klimakrise tun, die ein noch größeres, noch umfassenderes Risiko darstellt?

Stimmt schon, Corona zeigt, was alles geht. Selbst radikale Maßnahmen, die vor Kurzem noch unvorstellbar schienen. Selbst Maßnahmen, die der Wirtschaft schaden, die gigantische Kosten verursachen, die bisherige Prinzipien auf den Kopf stellen, von der Schwarzen Null bis hin zur Freizügigkeit.

Das ist schon mal gut. Gut zu wissen, dass die Politik handeln will und handeln kann, um die Krise einzudämmen.

Doch es gibt ein Aber. Dieses Aber wiegt schwer. Ein Vorbild für die Bekämpfung der Klimakrise ist der Umgang mit Corona eben nicht.

Gehandelt wurde spät

Die einschneidenden Maßnahmen wurden erst beschlossen, als es gar nicht mehr anders ging. Nicht im Februar, als das Virus sich noch nicht so weit ausgebreitet hatte. Schon gar nicht im Januar, als man das Schlimmste noch hätte verhindern können. Sondern erst jetzt, Mitte März.

Noch vor einer Woche wurde es als übertrieben und unverhältnismäßig eingeschätzt, zu solch drastischen Maßnahmen zu greifen, wie es jetzt der Fall ist. Abwägen und Auf-Sicht-Fahren schien die vernünftige Art, mit der Krise umzugehen. "Wir sind gut vorbereitet", hieß es.

Und nicht nur die Politik kam bei ihrer Abwägung zu dem Schluss, dass es nicht – noch nicht – zu rechtfertigen sei, die Schäden und Einbußen, die drastische Einschnitte mit sich bringen, in Kauf zu nehmen. Auch die Bürgerinnen und Bürger schalten nur langsam auf Krisenmodus um. 

Bis heute sind die Straßen in Deutschland nicht leer. Vor den Supermärkten gibt es keine Schlangen wie in anderen europäischen Ländern, weil immer nur ein paar Menschen auf einmal die Läden betreten dürfen, um das Ansteckungsrisiko zu reduzieren.

Ohne die drastischen Maßnahmen in vielen Nachbarländern wäre Deutschland womöglich bei seiner Linie geblieben, nur an die Bevölkerung zu appellieren, sich umsichtig zu verhalten, und hätte weiter Zeit mit Abwägen verloren.

Richtige Schlüsse ziehen

Vieles an dem Umgang mit Corona erinnert an den Umgang mit der Klimakrise. Man redet viel über das Thema, man informiert, man klärt auf, man gibt Ratschläge, was zu tun wäre.

Aber man handelt erst, wenn es unbedingt sein muss, wenn die Notsituation schon da ist. Die Maßnahmen, die man dann ergreifen muss, sind drastischer als die, die man beizeiten vorsorglich hätte ergreifen können.

Wenn die Coronakrise für etwas ein Vorbild sein kann, dann für die Erkenntnis, dass wir es beim Klimawandel besser machen müssen. Risiken ernster nehmen, uns schneller darauf einstellen, entschlossener handeln. Auch wenn das bedeutet, dass man eingefahrene Muster über Bord werfen und alte Gewissheiten ausrangieren muss.

Wie verletzlich wir alle sind, wird durch Corona verdammt klar. Das ist nicht schön. Niemandem gefällt das, mir auch nicht. Doch das Schwierigste kommt erst noch. Diese neue Information richtig zu verdauen. Um daraus gute Schlüsse zu ziehen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier