Wer Klimawissen nutzt, fährt besser

Weil Klimapolitik erst verspätet begann, müssen wir auf unvermeidbare Klimaveränderungen reagieren. Zwei Bundesbehörden zeigen gerade: Es gibt einen großen Wissenszuwachs für eine intelligente Klimaanpassung. Wer die Erkenntnisse anwendet, hat einen Vorteil, auch finanziell.


Kiefernwald mit teils vertrockneten Bäumen
Großflächig abgestorbene Wälder haben Forstwirte stark verunsichert. (Foto: Colin Behrens/Pixabay)

Das wissenschaftliche Verständnis vom globalen Klima ist so weit vorangeschritten, dass inzwischen für viele Extremereignisse wie Hitzewellen und Hochwasser der vom Menschen verursachte Anteil abgeschätzt werden kann. Das geschieht durch Modellrechnungen mit und ohne den anthropogen erhöhten Treibhauseffekt.

Jenseits der bisherigen typischen Szenarienrechnungen bei vorgegebenem Emissionsverhalten der Menschheit können wir heute Aussagen über die Wahrscheinlichkeit von Wetterextremen und Klimaanomalien im Zeitraum von Wochen, Monaten, einigen Jahren und sogar bis zu einem Jahrzehnt machen.

Damit können staatliche Einrichtungen und die verschiedenen Sektoren der Gesellschaft nicht nur auf kurzfristige Vorhersagen und langfristige Projektionen reagieren, sondern auch – über den normalen Katastrophenschutz hinaus – die Klimaänderungsfolgen besser einschätzen. So wird eine weit intelligentere Klimaanpassung möglich, die dann auch weniger teuer ist.

Da wir uns wegen der verspäteten Reaktion in der Klimaschutzpolitik immer auch an das nicht mehr Vermeidbare anpassen müssen, hätten wir bei Nutzung dieses Wissens trotz der in weiten Teilen Europas überdurchschnittlichen Erwärmung der Landoberfläche einen Vorteil gegenüber anderen, nicht reagierenden Ländern und Gesellschaften.

Zwei Bundesbehörden sind in diesem Monat mit sehr nützlichen Neuerungen für die gesamtgesellschaftliche Daseinsvorsorge an die Öffentlichkeit gegangen: der Deutsche Wetterdienst mit seiner ersten dekadischen Klimavorhersage bis 2030 und das Umweltbundesamt mit der sehr ausführlichen neuen Klimawirkungs- und Klimarisikoanalyse.

Angewandtes Klimawissen

Ich gebe einige Beispiele aus der langen Reihe von Aktivitäten zur Nutzung von Klimawissen. Es geht dabei um Waldbesitzer und den Küstenschutz, die Wissen über langfristige Klimaänderungen benötigen, um Versicherungsgesellschaften, die Jahreszeitenprognosen nutzen, und schließlich um die neue Temperaturprognose für die kommenden Jahre.

Wald- und Forstwirtschaft: In seiner Analyse von Mitte Juni schreibt das Umweltbundesamt zu den Klimawirkungen "Hitze- und Trockenstress", "Stress durch Schädlinge und Krankheiten" sowie "Holzertrag": Es besteht sehr dringender Handlungsbedarf, da hier jeweils ein hohes Klimarisiko für die Mitte des Jahrhunderts ermittelt wurde und die Anpassung mehr als 50 Jahre dauert.

Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Foto: MPI-M

Hartmut Graßl

arbeitet seit Jahrzehnten in der Klimaforschung und war einer der ersten Wissenschaftler in Deutschland, die vor den Folgen des Klimawandels warnten. Der Physiker und Meteorologe war bis 2005 Direktor des Max-Planck-Instituts für Meteorologie in Hamburg. Graßl ist Mitglied des Herausgeberrates von Klimareporter°.

Als Basis für diese hohe Risikoeinschätzung gilt folgende Aussage der Klimatologen für Deutschland: mehr Niederschlag im Winterhalbjahr, keine erhebliche Änderung der Niederschläge im Sommerhalbjahr, aber stärkere Verdunstung.

Insgesamt etwas drastischer formuliert: Wer bei Jahresniederschlägen unter 650 Millimetern wieder Fichten anpflanzt, wird keine Gewinne erwarten können.

Küstenschutz: Auch wenn die Ziele des völkerrechtlich verbindlichen Paris-Abkommens erreicht werden sollten, wird der beschleunigte Meeresspiegelanstieg noch mindestens einige Jahrhunderte weitergehen. Wir brauchen also weitergehende globale Vereinbarungen zur Klimarahmenkonvention mit dem Ziel, den Zuwachs des Treibhauseffekts nicht nur zu stoppen, sondern ihn auch noch zu reduzieren.

Versicherungen: Die wichtigste und für rund ein halbes Jahr vorhersagbare Meeresoberflächentemperaturanomalie im äquatorialen Pazifik, El Niño und La Niña, führt zu verschobenen Wetterextremen, zum Beispiel was die Zahl und die Zugbahnen der tropischen Wirbelstürme betrifft. So werden etwa die Küsten der USA in El‑Niño-Jahren weniger oft von Hurrikans heimgesucht.

Eine Versicherungswirtschaft, die nicht darauf reagieren würde, wäre also eine Wissen negierende. Die Aussage zu den veränderten Wetterextremen gilt auch für andere tropische und subtropische Ozeangebiete. Insbesondere die Rückversicherungswirtschaft wird uns aber nicht in ihre Schlussfolgerungen einweihen.

Klimavorhersage: Der Deutsche Wetterdienst (DWD) ist auf dem Weg zu einem Klimavorhersagedienst. Dabei geht es um Prognosen der Temperatur-, Niederschlags- und Bodenfeuchteentwicklung für mehrere Jahre.

Mit der erwähnten ersten Veröffentlichung der erwarteten Temperatur- und Niederschlagsentwicklung für das kommende Jahrzehnt – übrigens auf Basis des Erdsystemmodells des Max-Planck-Instituts für Meteorologie – begibt sich der DWD erfreulicherweise auf eine neue Anwendungsebene des Klimawissens.

Alle Sektoren der Gesellschaft und der Wirtschaft müssen jetzt lernen, dieses Zusatzwissen zu ihrem Nutzen einzusetzen. Dazu sind spezielle Seminare notwendig.

Tacheles!

In unserer Kolumne "Tacheles!" kommentieren Mitglieder unseres Herausgeberrates in loser Folge aktuelle politische Ereignisse und gesellschaftliche Entwicklungen.

Unterstützen Sie unabhängigen Journalismus!

klimareporter° wird herausgegeben vom gemeinnützigen Klimawissen e.V. – Ihre Spende macht unabhängigen Journalismus zu Energiewende und Klimawandel möglich.

Spenden Sie hier