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Soziale Kälte, geschwächte Wälder und die Zukunft der Hitzesommer

Kalenderwoche 28: Hitzetote zeigen die soziale Kälte einer Gesellschaft, sagt Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Nach Jahren vergeblicher Mahnungen erwartet er vom jetzigen Gesundheitsminister Lauterbach Hitzeverordnungen für Alten- und Pflegeheime.


Porträtaufnahme von Hartmut Graßl.
Hartmut Graßl. (Foto: Christoph Mischke/​VDW)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe.

Klimareporter°: Herr Graßl, in Wien werden öffentliche Räume eingerichtet, in denen sich ältere und ärmere Menschen von Hitzewellen eine Zeitlang erholen können. In Deutschland stehen solche Projekte meist nur auf dem Papier. Müssen wir mehr für die Klimaanpassung tun, gerade für den Schutz vor Hitze?

Hartmut Graßl: Schon vor Jahren – nach der Debatte über den Hitzesommer 2003 in Mittel- und Westeuropa mit vielen Tausenden an den Hitzefolgen vorzeitig Gestorbenen – habe ich einen Satz in Vorträgen und Texten verwendet: "Hitzetote zeigen die soziale Kälte einer Gesellschaft."

Dieser Satz gilt auch weiterhin. Denn außer den wesentlich verbesserten Warnungen vor allem durch die Wetterdienste und öfter wiederholten Standardtipps für hitzeangepasstes persönliches Verhalten sind in Deutschland keine durchgreifenden Maßnahmen bekannt geworden.

Der heutige Gesundheitsminister Karl Lauterbach ließ sich 2019 mit folgender Aussage in der Bild-Zeitung zitieren: "Es kann nicht sein, dass jeder Supermarkt auf Kühlschrankniveau gekühlt ist und gleich­zeitig die Menschen in Altenheimen und Krankenhäusern sterben, weil es dort kaum Kli­ma­anlagen gibt." Das müsse sich ändern, da müssten Länder und Kommunen die Einrichtungen unterstützen.

Lauterbach mahnte weiter, man müsse in der Pflege dringend auf die immer extremeren Hitzewellen reagieren. Jetzt hat er die Macht, das zu ändern. Ich warte auf entsprechende von ihm angeregte Verordnungen in den Bundesländern und Gemeinden.

Ein Team des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung (PIK) fand jetzt heraus, warum Hitzewellen über Europa drei- bis viermal schneller zugenommen haben als in den übrigen mittleren nördlichen Breitengraden, etwa in den USA oder Kanada: Der doppelte Jetstream verweilt länger über Eurasien. Müssen wir jetzt jeden Sommer mit Extremtemperaturen leben?

Es ist fast selbstverständlich geworden, den Vorhersagen der meteorologischen Dienste zu glauben, allen voran dem nachweislich besten, dem Europäischen Zentrum für mittelfristige Wettervorhersage. Das zeigt die starke Zunahme des Verständnisses der dreidimensionalen Strömung in Atmosphäre und Ozean.

Die Frage nach der drohenden nächsten Hitzewelle zu Wochenbeginn in Deutschland – einige Tage vor dem Ereignis gestellt – ist ein Zeichen für die Güte der immer stärker mit Satellitendaten verbesserten Startfelder für die Vorhersagen und für die immer besseren Modelle der Wetterdienste.

Die aktuelle Veröffentlichung des Potsdam-Instituts beruht auf den neuesten Reanalysen der Beobachtungen des Europäischen Zentrums aus den letzten 40 Jahren. Dass die Aussagen des PIK auch in Zukunft für die Hitzewellen gelten, hat eine gewisse Wahrscheinlichkeit. Es kann aber in wenigen Jahrzehnten auch schon nicht mehr stimmen oder sogar noch stärker gelten, denn das sehr komplexe Klimasystem wird durch uns Menschen gerade zu einer sehr raschen Umstellung gezwungen.

Dabei wird es immer wieder Überraschungen wie die in der PIK-Veröffentlichung geben, nach der vor allem in Westeuropa und etwas weniger in Mitteleuropa Hitzewellen mehrfach häufiger vorkommen als in anderen mittleren Breiten.

Die Frage nach weiteren Sommern mit Extremtemperaturen ist also nur für die nahe Zukunft zu bejahen. Was danach gilt, hängt auch von der Klimaschutzpolitik der Menschheit ab.

Der Klimawandel sorgt auch dafür, dass mehr Wasser in der Atmosphäre ist, und verändert zudem die Zugbahnen der Tiefdruckgebiete – beides zusammen steigert wiederum das Hochwasserrisiko, ergaben andere Studien.

Im jüngsten Bericht des Weltklimarates von 2021 hat die Arbeitsgruppe eins als eine beobachtete Klimaänderung das leichte Polwärtswandern der Zugbahnen der Tiefdruckgebiete auf beiden Erdhälften genannt.

Zusammen mit der lange bekannten starken Zunahme des maximal möglichen Wasserdampfgehalts bei höheren Temperaturen – sieben Prozent mehr pro Grad Erwärmung – führt das bei der bisher beobachteten klimabedingten Temperaturzunahme um etwa 1,6 Grad in Deutschland schon zu elf Prozent mehr möglichem Wasserdampf in der Luft.

Das bedeutet dann für bestimmte Regionen mittlerer Breiten verstärkte Hochwasser. In den letzten Jahrzehnten traf das besonders für West- und Mitteleuropa zu. Die Hochwasserkatastrophe im Ahrtal im Juli 2021 passt also zu diesem Befund.

Aber auch bei dieser Beobachtung gilt: Bei weiterer Klimaänderung wird sich der Schwerpunkt erhöhter Hochwassergefahr regional erneut verschieben.

Die korrekte Anpassung an die nicht mehr vermeidbaren Klimaänderungen ist also sehr schwierig und kostspielig. Allerdings ist wegen der bisher fehlenden Anpassung an das veränderte Klima die Schadenshöhe wie im Ahrtal eindeutig um mindestens eine Größenordnung höher, als die Anpassung gewesen wäre.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die überraschende wissenschaftliche Neuigkeit der Woche war für mich der Forschungsbericht von Giovanni Forzieri und Kollegen vom 13. Juli in der Zeitschrift Nature: "Neue Hinweise für eine abnehmende Widerstandsfähigkeit der Wälder durch den Klimawandel".

Aus einer satellitengestützten Beobachtungsreihe des Vegetationsindex für alle Wälder der Erde von 2000 bis 2020 destillierten die Autoren mehrere wichtige Erkenntnisse.

Danach zeigen die Wälder in den Tropen, den Trockengebieten und den gemäßigten Breiten einen signifikanten Verlust ihrer Widerstandsfähigkeit, wahrscheinlich wegen zunehmendem Wassermangel und erhöhter Klimavariabilität.

Dagegen weisen die nördlichen Nadelwälder lokal unterschiedliche Muster ihrer Widerstandsfähigkeit gegenüber natürlichen oder anthropogenen Störungen, aber im Mittel sogar erhöhte Widerstandsfähigkeit auf – wahrscheinlich begünstigt durch die überdurchschnittlich hohe Erwärmung in diesen Breiten und die allgemein erhöhte CO2-Konzentration der Luft. Diese Gunstfaktoren überwiegen dort wahrscheinlich andere abträgliche Klimaänderungsfaktoren.

Die Ergebnisse gelten gleichermaßen für naturnahe wie bewirtschaftete Wälder. Das deutet auf gemeinsame großräumige Antriebe durch die globalen Klimaänderungen hin.

Abnehmende Widerstandsfähigkeit gegenüber Störungen ist mit rasch sinkender Biomassebildung verbunden, sodass sich die geschwächten Wälder einem Grenzwert der Widerstandsfähigkeit nähern. Laut der Untersuchung ist etwa ein Viertel aller naturnahen Waldgebiete, die jährlich über drei Milliarden Tonnen Kohlenstoff fixieren, bereits in diesem Zustand.

Dieser Verlust an Widerstandsfähigkeit der meisten Wälder muss den Autoren zufolge nicht nur beim Klimaschutz mitbedacht werden, sondern auch bei der Anpassung der Wälder an die Klimaänderungen und andere anthropogene Störungen.

Wir sehen, dass schon die bisherigen, vielen Menschen harmlos erscheinenden Temperaturerhöhungen von einem bis zu wenigen Grad drastische Folgen für die Wälder haben.

Als bei der letzten intensiven Eisausdehnung vor etwa 20.000 Jahren Mitteleuropa überwiegend Tundra war, lag die Oberflächentemperatur nur um vier bis fünf Grad niedriger. Würde die mittlere globale Temperatur um vier bis fünf Grad ansteigen, verschwänden auf lange Sicht die Eisschilde und ein Großteil Hamburgs wäre Nordsee.

Fragen: Jörg Staude

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