Was sich ändern muss, damit wir uns nicht die Zukunft verbauen

Wird ein Wohnbedürfnis durch Neubau erfüllt, entstehen die meisten Treibhausgase schon vor dem Einzug. Die öffentliche Förderung des Bauens und die gesetzlichen Vorschriften müssen sich künftig am Klima- und Ressourcenschutz und damit an Ökobilanzen für Häuser orientieren.


Ein Haufen Ziegelsteine, die schon einmal verwendet, aber beim Abriss erhalten wurden.
Diese Mauersteine sind wesentlich dauerhafter, als die Nutzungsphase eines heutigen Gebäudes dauert. (Foto: Michael Burchert/Bauwende)

Als das zweite Kind drei Jahre alt geworden ist, wollen die Neugebauers raus aus der Drei-Zimmer-Wohnung. Aber wohin soll es gehen? Vielleicht in ein Häuschen vor den Toren der Stadt mit Platz für die Kinder im eigenen Garten? Oder doch lieber was Größeres in der Stadt suchen, sodass sich weiterhin alles leicht mit dem Rad oder zu Fuß erreichen lässt?

In der öffentlichen Bau- und Wohnberatungsstelle wird am Ende eine andere Lösung gefunden: Die alte Frau im Stockwerk drüber hat in ihrer Wohnung ein Zimmer übrig. Mit einer Raumspartreppe wird dieses Zimmer an die Wohnung der Neugebauers angeschlossen.

Parallel zu diesem Umbau wird auch die alte Wohnung der Familie endlich ertüchtigt. Die Erweiterung und die Renovierung, das neue Hochbett und ein Lagerregal im hohen Flur sorgen für ein neues Lebensgefühl in der alten Wohnung. Die siebenjährige Tochter ist stolz auf ihr eigenes Reich über den Köpfen der anderen und froh, dass sie nicht in eine neue Schule muss.

Der Klimaschaden des Bauens

Das Beispiel ist fiktiv – solche Überlegungen sind heute noch Zukunftsmusik in Deutschland. Üblicherweise werden die Neugebauers heute durch Bankberater, Baukindergeld und die KfW als Förderbank des Bundes darin bestärkt, den "Traum von den eigenen vier Wänden" zu realisieren. Ein weiteres Mal wird damit ein Wohnbedürfnis auf eine besonders klima- und ressourcenbelastende Weise erfüllt.

Nämlich so, wie es im globalen Norden schon lange üblich ist und wie der globale Süden gerade dabei ist, es nachzumachen: Für das Bauen werden achtlos unnötig große Mengen Primärrohstoffe und Energie verbraucht und Treibhausgase ausgestoßen.

Portraitfoto Ulrich Wischnath
Foto: privat

Ulrich Wischnath

Der promovierte Umwelt­physiker war lange in Wissen­schaft und Solar­industrie tätig und ist heute Geschäfts­führer des Vereins Bauwende. Der Verein streitet für politische Rahmen­bedingungen, die das Baugeschehen in Einklang mit den planetaren Grenzen und den UN-Nach­haltigkeits­zielen bringen. Zurzeit setzt er sich dafür ein, die meist vernach­lässigte graue Energie des Gebäude­sektors auf die Agenda zu setzen.

Der Begriff Bauwende steht für den Wechsel zu einem Bauen im Einklang mit Klima- und Ressourcenschutz, welches das berechtigte Bedürfnis befriedigt, dass Menschen in Häusern leben und arbeiten wollen, die durch Straßen miteinander verbunden sind und mit Leitungen ver- und entsorgt werden.

Derzeit entfallen im globalen Norden auf jeden Menschen rund 50 Tonnen Treibhausgasemissionen aus der Herstellung von Baustoffen und der Errichtung von Bauwerken. Das sind so viele Emissionen, wie wir pro Kopf für 25 Jahre nachhaltiges, klimagerechtes Leben zur Verfügung haben, für alle Lebensbereiche: Nahrung, Energie, Transport, nicht nur Bau!

Würde jeder Mensch auf der Welt mit genauso viel und genauso klimaschädlich gebauten Gebäuden und Infrastruktur versorgt, dann würden von dem verbleibenden Restbudget zur Einhaltung der 1,5-Grad-Grenze – 420 Milliarden Tonnen CO2-Äquivalent gemäß Weltklimarat – mehr als 80 Prozent allein dafür benötigt, die benötigten Mengen an Stahl, Zement und Aluminium herzustellen.

Aus der Perspektive der aktuellen Emissionen betrachtet ist die Herstellung von Baumaterialien für Gebäude heute für elf Prozent der globalen Treibhausgasemissionen verantwortlich. Zum Vergleich: Wäre diese Industrie eine Nation, stünde sie in der Liste der größten Emittenten hinter China und den USA an dritter Stelle.

Bei einer Bilanz über den ganzen Lebenszyklus – Herstellung der Baumaterialien, Errichtung, Nutzung und Entsorgung – wird die Notwendigkeit einer Bauwende besonders deutlich: Bei einem typischen Neubau sind heute schon 50 Prozent des Energieverbrauchs und – unter Berücksichtigung der geplanten Umstellung der Wärmeversorgung auf erneuerbare Energien – 80 Prozent der Treibhausgasemissionen entstanden, noch bevor die ersten Bewohner eingezogen sind.

Wer sich nicht mit der Frage beschäftigt, wie wir bauen, ist also auf dem einen Auge blind.

Bauen heißt auch Rohstoffverbrauch, Abfall und Flächenfraß

Zum Klimaschaden kommt hinzu, dass weltweit gut 70 Prozent aller nicht fossilen Rohstoffe, die wir der Erde entnehmen, für das Bauen verwendet werden. Da so gut wie nichts davon ein zweites Mal für die Errichtung von Gebäuden zum Einsatz kommt, führen diese riesigen Mengen an Rohstoffen zu entsprechend großen Abfallströmen. Wertvolle Ressourcen werden entwertet.

In Deutschland machen Bauabfälle die Hälfte des Abfallaufkommens aus.

Energieintensives Downcycling

"In Deutschland wird derzeit keine Wiederverwertung von Ziegeln auf gleichem Niveau neuer Ziegel betrieben. Die Ziegelabfälle werden zerkleinert und in verschiedenen Bereichen, zum Beispiel für Dachbegrünungen oder für den Sportplatzbau, weiterverwertet. Für die Zerkleinerung in Brechern werden etwa eine Milliarde Kilowattstunden Primärenergie pro Jahr benötigt. Derzeit ist die Produktionsmenge der Ziegelindustrie etwa genauso hoch wie die jährlich anfallenden Abbruchmengen an Ziegeln." (BINE Informationsdienst)

Außerdem ist das Bauen auch die Nummer eins beim Flächenfraß, zum Beispiel durch Ausweisung von Neubaugebieten samt Zuwegung auf fruchtbarem Ackerland. Das Ziel der Bundesregierung den Flächenverbrauch von 2002 bis 2020 auf 30 Hektar pro Tag zu senken, wird krachend verfehlt: Die Siedlungs- und Verkehrsfläche wächst derzeit doppelt so schnell, nämlich um 60 Hektar pro Tag.

Was nun?

Es gibt also viele gute Gründe, die Art und Weise, wie gebaut wird, auf den Prüfstand zu stellen. Bei welcher Größe der Wohn- und Arbeitsfläche pro Mensch lässt sich eine vernünftige Balance zwischen den Bedürfnissen und dem Ressourcenverbrauch finden?

In Bayern zum Beispiel gab es im Jahr 2015 eine Million Wohnungen und 130 Millionen Quadratmeter Wohnfläche mehr als 1990, wobei die Effekte durch das Bevölkerungswachstum schon herausgerechnet sind. In anderen Bundesländern ist die Entwicklung ähnlich.

Die Wohnfläche pro Kopf steigt und die Zahl der Menschen, die in einem Haushalt zusammen wohnen, wird geringer. So sehr dies eine individuelle Entscheidung ist und bleiben soll, kann und sollte die öffentliche Steuerung des Bauens die Menschen zum übersichtlichen und flächeneffizienten Wohnen ermutigen.

Oder sie sollte dazu motivieren, dort, wo die Wohnungsnachfrage nicht so groß ist, sich statt neu zu bauen lieber einer der Gebraucht-Immobilien zuzuwenden, denn die stehen oft nur wenig entfernt leer.

Und es müssen Strategien weiterentwickelt und angewendet werden, um die Stoffkreisläufe für die verwendeten Materialien zu schließen und die mit der Herstellung der Baustoffe verbundenen Umweltschäden auf ein vertretbares Maß zu reduzieren.

Das Rad ist schon erfunden ...

Geeignete Strategien für Klima- und Ressourcenschutz beim Bauen gibt es längst – von sozialen Innovationen wie Wohnen gegen Hilfe oder Wohnungstausch über eine effizientere Nutzung vorhandener Flächen durch Raumsparkonzepte bis hin zu Vorgaben für ein klima- und ressourcenschützendes Bauen wie in den Faktor-X-Baugebieten des rheinischen Regionalentwicklungsprojekts Indeland.

Dort darf jedes Haus über die nächsten 50 Jahre für Herstellung und Nutzung nur halb so viel Energie und Rohstoffe benötigen und nur halb so viel Treibhausgasemissionen verursachen wie ein ortsüblich gebautes Referenzhaus.

Portraitfoto Michael Burchert
Foto: privat

Michael Burchert

ist Weiter­bildner für klima- und ressourcen­schützendes Bauen am Norddeutschen Zentrum für Nachhaltiges Bauen und Mitbegründer des Vereins Bauwende. Burchert setzt sich bundesweit in Berufs­bildung, Studium und Bauhandwerk für die Substitution abiotischer Ressourcen durch kreislauf­fähige Materialien und Bauweisen ein.

Im Bereich Neubau geht es weiter mit Häusern, bei denen in ein Tragwerk austauschbare Elemente eingeschoben werden, sodass sie veränderten Nutzungsbedingungen angepasst und Abrisse vermieden werden können.

Und wenn schon neu gebaut wird, dann können Gebäude als Kohlenstoffspeicher gebaut werden und so helfen, den Anstieg der CO2-Konzentration zu verlangsamen. Denn jede Tonne verbauter Kohlenstoff aus nachwachsenden Rohstoffen bindet 3,67 Tonnen CO2 aus der Atmosphäre.

Eine Bauwende ist also möglich und muss das Bauen nicht teurer machen, wie es bereits vielfach praktisch unter Beweis gestellt wurde. Der unter Umständen etwas höhere Investitionsbedarf ist eine Investition in unsere Lebenswelt, Biosphäre und die Kreislaufwirtschaft.

Mit einer Planung und Ausführung, die auf die Bewahrung und effizientere Nutzung der Infrastruktur und der bereits gewonnenen Ressourcen ausgelegt ist, werden Werte erhalten sowie Nutzungsdauer und -qualität verlängert.

... wir müssen es nur noch nutzen!

Für die benötigte Bauwende müssen politische Maßnahmen ergriffen werden:

  • Die öffentliche Förderung des Bauens und die gesetzlichen Vorschriften sollten auf ökobilanziellen Bewertungen von Häusern aufbauen.
  • Abrissgenehmigungen sollten nur erteilt werden, wenn dies auch aus der Perspektive von Klima- und Ressourcenschutz sinnvoll ist.
  • Die eingangs erwähnten Agenturen, die zu Klima- und Ressourcenschutz beim Bauen und Wohnen beraten, sollten Wirklichkeit werden. Dort sollte das Baugeschehen in einem umfassenden Sinne betrachtet werden – beginnend mit der Klärung, ob Bauen überhaupt die richtige Antwort auf ein Wohnbedürfnis ist.
     
    Gegebenenfalls geht es dann weiter mit Hilfestellungen bei der Aktivierung vorhandener Flächen oder der Gewährleistung von Klima- und Ressourcenschutz-Vorgaben bei Neubauten.

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