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Essbare Löffel, der eigene Fußabdruck und die Subventionspleite bei der Kohle

Kalenderwoche 44: Aus dem ab 2021 geltenden Plastikgeschirr-Verbot der EU machte ein grünes Start-up eine ausgezeichnete nachhaltige Geschäftsidee, meint Matthias Willenbacher, Geschäftsführer der nachhaltigen Investing-Plattform Wiwin und Mitglied im Klimareporter°-Kuratorium. Scharf kritisiert er das Festhalten der Bundesregierung an den Milliarden-Subventionen für die fossile Energiewirtschaft.


Matthias Willenbacher
Matthias Willenbacher. (Foto: Wiwin)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Kuratoriums erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Matthias Willenbacher, Geschäftsführer der Plattform für nachhaltiges Investieren Wiwin.

Klimareporter°: Herr Willenbacher, das Team von Spoontainable hat diese Woche den diesjährigen Wiwin Award erhalten, der das nachhaltigste Start-up auszeichnet. Was genau steckt hinter dem Preis – und hinter Spoontainable?

Matthias Willenbacher: Den Wiwin Award haben wir letztes Jahr ins Leben gerufen, um grünen Start-ups die Aufmerksamkeit und finanzielle Unterstützung zu verschaffen, die sie für die Umsetzung ihrer nachhaltigen Ideen benötigen.

Start-ups müssen nicht – wie bestehende Unternehmen – ihre etablierten, oft klimaschädlichen Geschäftsmodelle schützen, sondern können schnell ihre breit anwendbaren Ideen für den Klimaschutz umsetzen.

Mit dem Wiwin Award garantieren wir dem nachhaltigsten Start-up Deutschlands – bestimmt durch ein Publikums-Voting und eine Fachjury – ein Investment von einer halben Million Euro. Damit ist unser Preis nicht nur der höchstdotierte Nachhaltigkeitspreis für Start-ups in Deutschland, sondern auch der einzige, bei dem das Publikum mitbestimmen kann, wer gewinnt und in welches Unternehmen es im Anschluss selbst investieren kann, um dessen grüne Geschäftsidee zu unterstützen.

In diesem Jahr hat sich Spoontainable gegen 160 andere Bewerber durchgesetzt, doppelt so viele wie im Vorjahr. Das zeigt, wie gut der Preis bei den Start-ups ankommt.

... und welche Idee hatte das Team?

Es entwickelt den "Spoonie", eine nachhaltige Alternative zum herkömmlichen Eislöffel. Der essbare, vegane Eislöffel besteht aus organischen Rohstoffen, die durch Upcycling ballaststoffreicher Nahrungsfasern gewonnen werden.

Was die drei Gründerinnen Julia Piechotta, Amelie Vermeer und Anja Wildermuth seit 2018 auf die Beine gestellt haben, ist wirklich fantastisch. Neben dem Studium bauten sie ein Unternehmen auf, das zu mehr Nachhaltigkeit beiträgt und ein riesiges Potenzial hat.

Ab 2021 sind in der EU die Nutzung von Einwegbesteck und Geschirr aus Plastik verboten. Das wird einen großen Boom an Alternativen hervorrufen – und ich traue Spoontainable zu, hier eine wichtige Rolle zu spielen.

Das papierlose oder gar klimaneutrale Büro ist, wie Klimareporter° berichtet, noch lange nicht die Regel. Was tut Wiwin – abseits vom grünen Geschäftsmodell –, um den eigenen CO2-Fußabdruck klein zu halten?

Wir haben uns Mitte des Jahres noch mal eingehend damit beschäftigt, welchen CO2-Fußabdruck wir trotz unseres bereits umweltbewussten Verhaltens haben.

Grundlegend erfüllen wir die "Basics", die jedes klimabewusste Unternehmen einhalten sollte: Keine Flüge, sondern Dienstreisen per Bahn, Laptops statt stationärer PCs wegen des geringeren Stromverbrauchs, Ökostrom, bio-faire Getränke et cetera in der Gemeinschaftsküche, ein papierloses Office – mit Ausnahme einiger weiterhin notwendiger Vertrags- und Buchhaltungsunterlagen, für die wir klimaneutrales Papier verwenden –, keine Klimaanlage ...

Bei der Analyse unseres Footprints fürs 2018 kamen wir dann auf einen Ausstoß von 20.414 Kilogramm CO2. Das ist für ein 15-köpfiges Unternehmen nicht viel, wir wollen uns aber trotzdem verbessern.

Das heißt: Zum einen kompensieren wir diesen CO2-Ausstoß durch die Unterstützung von Klimaschutzprojekten über Climate Partner – dadurch sind wir als klimaneutrales Unternehmen ausgezeichnet.

Zum anderen arbeiten wir an der weiteren Reduktion unseres Ausstoßes, indem wir zum Beispiels keine Druckerzeugnisse zu Werbezwecken mehr einsetzen. Unser Ziel ist es, den CO2-Ausstoß trotz unseres Unternehmenswachstums weiter zu reduzieren.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

In den USA ist diese Woche mit Murray Energy bereits der achte Kohlekonzern innerhalb eines Jahres Pleite gegangen – während bei uns den Konzernen weiterhin Milliardenhilfen gezahlt werden – vollkommen ohne Sinn und Verstand.

Murray hatte sogar durch die Unterstützung von Präsident Trump versucht, sich weiter am Leben zu halten und Subventionen zu erwirken. Aber selbst im konservativen Texas sind die erneuerbaren Energien zu einem solch starken Wirtschaftszweig geworden, dass die Versuche erfolglos geblieben sind.

Bei uns in Deutschland wird die konventionelle Energiewirtschaft mit 20,3 Milliarden Euro im Jahr subventioniert – von der Kohlegewinnung bis zur Energieerzeugung. Diese Verschwendung von Steuergeldern für eine tote Energieform ist schon fast pervers. Die Subventionen verringern die Energiepreise, dadurch sinkt der Anreiz, mit Energie effizient umzugehen. Je höher der Energieverbrauch, desto höher die Umweltbelastungen.

Die Strom- und Energiesteuermäßigungen für das produzierende Gewerbe sorgen für einen höheren Verbrauch fossiler Energieträger und wirken sich so direkt auf das Klima aus. Außerdem entsteht durch die dafür nötige Gewinnung fossiler Energieträger ein Schaden für Wasser, Boden und biologische Vielfalt.

Anstatt weiterhin nur über Klimaschutz zu sprechen, muss die Regierung jetzt handeln und die klimaschädlichen Subventionen abbauen. Das würde die Volkswirtschaft entlasten und den Weg für die erneuerbaren Energien freimachen. Denn ohne die Subventionen in Milliardenhöhe wären die Kohlekraftwerke sofort unwirtschaftlich.

Hier geht es darum, sich endlich von der Lobby der alten Energiewirtschaft zu lösen und den teuren, klimaschädlichen Weg zu verlassen! Insolvenzen von Kohlekonzernen wie in den USA bestätigen diesen Handlungsbedarf noch zusätzlich.

Fragen: Susanne Schwarz

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