"So dramatisch wie beim Waldsterben in den 1980ern"

Forstleute und Waldbesitzer warnen vor den Folgen des Klimawandels. Die Dürrefolgen von 2018 seien nicht annähernd bewältigt – für den Umbau der Forste seien Milliarden nötig. Umweltschützer verlangen im Gegenzug naturnahes Wirtschaften.


Blick in einen Nadelwald
Solche "Wälder" haben in Zeiten des Klimawandels keine Zukunft. (Foto: Free-Photos/​Pixabay)

Waldbrände bereits im Frühjahr – ein ungewöhnliches Ereignis. Im Land Brandenburg standen Mitte voriger Woche rund 800 Hektar Wald in Flammen, was über 1.000 Fußballfelldern entspricht. Das ist mehr als die Fläche, die normalerweise im ganzen Bundesgebiet jährlich von Waldbränden betroffen ist – im Schnitt gut 500 Hektar.

Es seien die größten Brände seit den 1970er Jahren in Brandenburg gewesen, hieß es. Der Brandgeruch aus dem betroffenen Landkreis Teltow-Fläming habe zeitweise sogar das Berliner Regierungsviertel erreicht, berichtete der Umweltexperte der Linken Ralph Lenkert.

Inzwischen sind die Brände auf einem ehemaligen Truppenübungsplatz alle gelöscht – auch dank des Regens, der Ende der Woche einsetzte. Die ausgerufene "Großschadenslage" ist aufgehoben.

Der Klimawandel überfordere die Forst-Monokulturen zusehends, urteilte der Linken-Abgeordnete und forderte einen ökologischen Waldumbau. Das heißt: Statt der herkömmlichen "Holzäcker" mit Nadelholz soll Laubmischwald gepflanzt werden, der mehr Wasser speichert und resistenter gegen Wettereskapaden ist.

"Dass die Menschen in der Bundeshauptstadt im brütenden Sommer aufgefordert werden müssen, Fenster und Türen geschlossen zu halten, wird bald zur Normalität gehören, wenn wir nicht ökologisch gegensteuern", warnte Lenkert.

Forstbesitzer beklagen Milliardenschäden

Tatsächlich steht es alles andere als gut um den deutschen Wald. Die Forstbesitzer schlagen Alarm: Sie befürchten in diesem Jahr eine weitere Zuspitzung bei den Schäden in den Forsten, die nach dem Hitzesommer 2018 unter Trockenheit und starkem Schädlingsbefall leiden – vor allem den Borkenkäfer-Attacken.

"Die Situation ist so dramatisch wie beim Waldsterben in den 1980er Jahren", sagte der Präsident des Deutschen Forstwirtschaftsrats (DFWR) Georg Schirmbeck.

Damals hatten hohe Schwefel- und Stickoxid-Emissionen aus Kohlekraftwerken, Industrie, Heizungen und Verkehr die Waldschäden ausgelöst. Die Politik reagierte, indem sie Schwefelfilter für die Kohlemeiler und Katalysatoren für Autos vorschrieb.

Schirmbeck sagte, heute bedrohten der Klimawandel und seine Folgen die deutschen Wälder zunehmend in ihrer Existenz. Waldbesitzer und Forstleute in Deutschland und ganz Europa bekämen die Auswirkungen der Erwärmung unmittelbar und immer stärker zu spüren.

"Das herrschende Klimaszenario könnte zum Verlust der Wälder und vertrauter Waldlandschaften führen. Und wir müssen uns darauf einstellen, dass die wertvollen Ökosystem-Funktionen der Wälder in Mitleidenschaft gezogen werden", meinte der Ratspräsident.

Sein Verband schätzt, dass von den gut eine Milliarde Setzlingen aus den letzten drei Jahren mehr als ein Drittel aufgrund der Dürre im Sommer 2018 und der geringen Niederschläge in den ersten Monaten von 2019 vertrocknet ist. Allein die Nachpflanzung koste die Waldbesitzer über eine halbe Milliarde Euro, sagte Schirmbeck.

Den finanziellen Schaden für die Waldbesitzer schätzt der DFWR auf mehrere Milliarden Euro. Ähnlich dramatisch sieht der Bund der Forstleute (BDF) die Lage. Er forderte unlängst sogar einen "Marshallplan" in Höhe von fünf Milliarden Euro für den Wald, der für die Beseitigung der Schäden und zum Waldumbau genutzt werden soll.

Dürrefolgen von 2018 bisher nicht ausgeglichen

Nicht alle Experten sehen die Lage im deutschen Wald so dramatisch. Hermann Spellmann, Direktor der Nordwestdeutschen Forstlichen Versuchsanstalt in Göttingen, meinte jüngst auf einer Tagung, der Trockensommer 2018 habe "kein neues Waldsterben" eingeleitet.

Der Klimawandel führe zwar zu veränderten "Produktionsgrundlagen" in den Wäldern, doch die Forstwirtschaft habe geeignete Instrumente, um sich anzupassen – etwa durch besagten Waldumbau. "Aktionismus und Panikmache" seien nicht angebracht, so Spellmann.

Die Waldbauern hoffen, die Forsten widerstandsfähiger zu machen, indem sie Nadelholz-Forste, die derzeit noch rund 56 Prozent der Waldfläche ausmachen, zunehmend durch heimischen Laubmischwald ersetzen. Auch der Einsatz wärmetoleranterer Importe, wie nordamerikanische Douglasien, Küstentannen und Roteichen, ist im Gespräch – letzteres eine in der Fachwelt allerdings nicht unumstrittene Maßnahme.

Klar ist jedenfalls: Die Witterung in diesem Frühjahr hat dem gestressten Wald bisher nicht ausreichend Entspannung gebracht.

Der Mai war nach Angaben des Deutschen Wetterdienstes zwar der erste "zu kühle" Monat nach 13 Monaten in Folge mit überdurchschnittlichen Temperaturen. Auch fiel verbreitet viel Regen. Doch die Niederschläge reichten bei Weitem nicht aus, um das Defizit in tieferen Bodenschichten aufzufüllen.

Forstwirtschaftsrats-Chef Schirmbeck: "Wenn Sie zehn Zentimeter in die Walderde graben, ist es dort absolut trocken." Um das Defizit auszugleichen und die Bäume vor zusätzlichem Trockenstress zu schützen, müsse es quasi mehrere Wochen lang regnen. Das sei derzeit nicht in Sicht.

Greenpeace: Mehr Hilfen nur bei mehr Nachhaltigkeit

An eine normale Forstwirtschaft in den hiesigen Wäldern ist laut DFWR und BDF derzeit nicht zu denken. Die starken Stürme im Herbst 2017 und im Frühjahr 2018 sowie die wegen des Borkenkäfer-Befalls notwendigen Fällungen in Fichtenbeständen haben in vielen Regionen so viel zusätzlichen Holzanfall gebracht, dass die Holzpreise abgestürzt sind.

Laut einer Bilanz des Bundeslandwirtschaftsministeriums gab es 2018 mehr als 32 Millionen Kubikmeter Schadholz. Der normale Einschlag beträgt rund 76 Millionen Kubikmeter jährlich. Die Waldbesitzer sind wegen der vielen Räumarbeiten im Wald mit dem Nachpflanzen im Rückstand. "Dadurch verzögert sich der nötige Umbau in den klimastabileren Wald der Zukunft", sagte Schirmbeck.

Der DFWR-Präsident schloss sich der satten Fünf-Milliarden-Forderung des Forstleute-Bundes zwar nicht an. Er appellierte allerdings an Bund und Länder, die Finanzhilfen gerade für besonders betroffene Waldbesitzer mit kleineren Flächen zu erhöhen, die den Waldumbau wegen der niedrigen Einnahmen aus dem Holzverkauf nicht allein bewältigen könnten.

In Deutschland gibt es rund zwei Millionen Waldeigentümer, davon rund 96 Prozent mit vergleichsweise kleinen Flächen unter 20 Hektar. Der Bund stellt bisher nur 25 Millionen Euro zusätzlich zur Bewältigung der Waldschäden zur Verfügung, gestreckt über fünf Jahre.

Das sei viel zu wenig, meinte Schirmbeck. "Da lohnt sich das Antragstellen nicht."

Umweltschützer freilich fordern, höhere Hilfen an Bedingungen zu knüpfen. Die Waldbesitzer müssten verpflichtet werden, naturnah zu wirtschaften und tatsächlich nur standortangepasste Bäume zu pflanzen, heißt es dazu bei Greenpeace.

Zudem müsse die CO2-Speicherfunktion der Wälder gestärkt werden. Die Waldbesitzer sollten gesunde Bäume erst später einschlagen, damit sie mehr Holzmasse bilden und damit zusätzlich Kohlenstoff aus der Atmosphäre einlagern können. Heute würden viele Bäume gefällt, bevor sie die Hälfte ihres normalen Lebensalters erreichen.

"Das ist in Zeiten des Klimawandels die falsche Strategie", sagte Greenpeace-Experte Christoph Thies gegenüber Klimareporter°.

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