Ranklotzen bei der Energiewende, Solarzubau mit E-Autos und neue Logik beim Regulieren

Kalenderwoche 37: Die Energiewende ist ein gigantisches Modernisierungs-Programm für Industrie und Infrastruktur, sagt Tim Meyer, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom und Mitglied des Herausgeberrats von Klimareporter°. Dabei sollten wir viel stärker auf Strom und Wärme aus "Vor-Ort-Systemen" setzen.


Porträtaufnahme von Tim Meyer.
Tim Meyer. (Foto: Naturstrom)

Immer wieder sonntags: Die Mitglieder unseres Herausgeberrates erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Tim Meyer, Vorstand beim Öko-Energieversorger Naturstrom.

Klimareporter°: Herr Meyer, um 2045 klimaneutral zu sein, muss Deutschland eine Billion Euro zusätzlich investieren, hat eine McKinsey-Untersuchung ergeben. Möglichst viel Geld soll innerhalb der nächsten zehn Jahre investiert werden, dann erwartet die Unternehmensberatung einen positiven "Business-Case" für Deutschland. Können wir die Transformation so meistern und weiter den alten Wachstumsversprechen der Märkte anhängen?

Tim Meyer: Die alte Wachstumslogik ist gescheitert, weil sie von einem grenzenlos nutzbaren Planeten ausgegangen ist. Dennoch wird die Energiewende auch Wachstum gemäß der klassischen Definition stärken.

Denn sie ist zweierlei: einerseits brutale Notwendigkeit, wenn wir künftigen Generationen einen lebenswerten Planeten hinterlassen wollen. Andererseits ist sie aber auch ein gigantisches Modernisierungsprogramm für Industrie und Infrastruktur mit riesigen Chancen für Menschen und Unternehmen in Deutschland.

Deswegen müssen uns auch die großen Zahlen nicht schrecken. Investitionen sind keine Kosten – wir bekommen doch etwas für das eingesetzte Geld: Moderne Infrastruktur, einen neuwertigen und klimatauglichen Kraftwerkspark, lebenswerte Städte mit sauberer Mobilität und wohngesunden Gebäuden.

Es ist absolut richtig, jetzt ranzuklotzen, verlässliche Ziele und Rahmenbedingungen zu schaffen und dann zu investieren, was das Zeug hält. Nur so ist diese Transformation schnell genug zu schaffen.

Der Absatz von Elektroautos nimmt zu. Das macht sich mittlerweile auch beim Stromverbrauch bemerkbar. Können die E-Autos den Ausbau der Erneuerbaren bei Besitzer:innen von Eigenheimen – quasi durch die Hintertür – beschleunigen? Denn geladen wird meistens zu Hause.

Es ist absolut sinnvoll, wenn Besitzer:innen von E-Autos zugleich auch in eine Photovoltaikanlage investieren, schließlich optimieren sich die beiden Komponenten gegenseitig: Das Elektroauto lädt mit günstigem Sonnenstrom und die Eigenverbrauchsquote der Solaranlage steigt.

Ohnehin ist es sinnvoll, unsere Energieversorgung viel stärker in "Vor-Ort-Systemen" zu denken. Also in kleineren Einheiten, in denen Erzeugung und Verbrauch von Strom, Wärme und Kälte sektorenübergreifend optimiert werden. Das Einfamilienhaus mit Solaranlage, Wärmepumpe und Elektroauto ist die kleinste Ausprägung hiervon.

Ob das Zusammenspiel von E-Auto und Solaranlage schon in diesem Jahr beim Photovoltaikausbau messbar wird, bezweifle ich dennoch. Dafür steht die Entwicklung noch zu sehr am Anfang.

Und die Mehrheit der Menschen lebt in Mehrfamilienhäusern, in denen der Ausbau der Photovoltaik heute aus ganz anderen Gründen kaum vorankommt. In den kommenden Jahren kann es aber durchaus sein, dass der Wechsel zur E-Mobilität den solaren Zubau im Eigenheimsegment spürbar treibt.

CO2-arm, aber nicht CO2-frei: Das ist scheinbar das Ziel der meisten Stadtwerke bei der Wärmewende. Für Klimaneutralität reicht das natürlich nicht aus. Wenn den kommunalen Energiebetrieben der Umstieg so schwer fällt, welche Modelle könnten dann die Wärmewende vorantreiben?

Das Große denken, im Kleinen handeln – so muss es auch bei der Wärme und für die Stadt- und Gemeindewerke laufen. Heißt also: anspruchsvolle Ausbaupfade festlegen, mit denen wir unsere CO2-Minderungsziele tatsächlich noch erreichen können. Und dann vom Kleinen ausgehend, also von einzelnen Quartieren oder Gebäudekomplexen, die entsprechenden Maßnahmen umsetzen.

Die nötigen Technologien kennen wir ja alle: Wärmepumpen, biogasbetriebene Blockheizkraftwerke, kalte Nahwärmenetze, Solarthermie, Oberflächengeothermie, Rückgewinnung gewerblicher Abwärme et cetera.

Die Potenziale für eine dezentrale Wärmewende in den Städten sind enorm. Sie zu heben ist allerdings nichts, was sich von oben verordnen oder zentral steuern lässt. Vielleicht tun sich deswegen gerade Stadtwerke in Großstädten mit einer konsequenten Wärmewende schwer – sie suchen aus alter Gewohnheit nur nach großen Lösungen, mit denen sie auf einen Schlag zehntausende Haushalte beglücken können.

Ein wichtiger Schritt wird es daher sein, flächendeckend kommunale Energieleitplanungen einzuführen, in denen überhaupt systematisch und sektorenübergreifend Potenziale, Anforderungen und darauf zugeschnittene, sinnvolle Infrastrukturen dokumentiert und auch vorgeschrieben werden.

Darüber hinaus ist entscheidend, dass nach der Bundestagswahl Rahmenbedingungen geschaffen werden, die es Unternehmen, Projektentwicklerinnen, Planern und Nutzerinnen vor Ort erleichtern, ihre Projektideen zu realisieren.

Wer heute im Quartier erneuerbare Strom- und Wärmeerzeugung miteinander verheiraten will, wird bis ins Kleinste mit widersprüchlichen Regularien drangsaliert. Das muss sich zügig ändern.

Fast die Hälfte der Jugendlichen sieht ihr Leben durch Klimaangst und -stress beeinträchtigt, ergab eine internationale Studie, die in der Fachzeitschrift Lancet Planetary Health veröffentlicht wurde. Ursache ist die Untätigkeit der Regierungen. Was können Erwachsene eigentlich tun, damit sich die Ängste der Kinder nicht bewahrheiten?

Wir Erwachsenen sind an den Hebeln von Politik, Wirtschaft und Gesellschaft – und wir leben in unseren Familien vor, welchen Beitrag wir im Privaten leisten. Wir haben es komplett in der Hand und können uns hinter niemandem verstecken, so einfach ist das.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Hans-Martin Henning vom Fraunhofer-Institut für Solare Energiesysteme, Fabian Zuber von der Reiner Lemoine Stiftung und ich hatten kürzlich ein Impulspapier veröffentlicht, in dem wir unser Bild einer Energiewende "von unten" skizzieren.

So wichtig wir es fanden, das mal gesammelt aufzuschreiben, dachten wir doch, mit dem Thema eher in einer Nische unterwegs zu sein. Mich hat überrascht, dass es schon nach kurzer Zeit etliche sehr konstruktive und bestärkende Rückmeldungen gab. Wir haben an ganz unterschiedlichen und teilweise auch überraschenden Stellen den Eindruck, eigentlich durch offene Türen zu rennen.

Der zentrale Punkt des Papiers ist grob gesagt, lokal agierenden Akteuren bei der Energiewende deutlich mehr Gestaltungsspielraum zu überlassen und ihnen in der Bewirtschaftung etwa von Quartieren oder Gebäuden als Teil unseres Energiesystems mehr Verantwortung zu übertragen.

Dafür muss die Regulierungslogik vom Kopf auf die Füße gestellt werden. Denn derzeit wird alles separat und über eine Vielzahl von Gesetzen und Verordnungen reguliert: Wärmepumpen, Photovoltaikanlagen, Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen, Speicher, Wallboxen und so weiter. Dazu kommen dann noch umfangreiche baulichen Auflagen und Standards. Diese rechtliche Komplexität ist für Planer und Investoren kaum noch beherrschbar.

Wir plädieren daher im Impulspapier für eine systemorientierte Regulierungslogik, die nur noch das große Ganze im Quartier in den Blick nimmt. Nicht mehr das konkrete "Wie" im Quartier wird reguliert, sondern nur noch das "Was" – beispielsweise über die Vorgabe von maximalen CO2-Emissionen oder Primärenergiefaktoren sowie Transparenz- und Verbraucherschutzstandards.

Auf dem bislang sehr ermutigenden Feedback wollen wir drei Autoren nun aufbauen und in den nächsten Wochen und Monaten unsere Gespräche mit vielen Akteuren, Verbänden und Politikern vertiefen. Darauf freue ich mich sehr.

Fragen: Sandra Kirchner

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